Er ist an allem schuld. Daran, dass wir heute im Museum mit Fett beschmierte Stühle geboten bekommen statt schöne Landschaften. Marcel Duchamp hat damit angefangen.

Dabei waren seine frühen Bilder noch impressionistisch wie die Mohnfelder seines Landsmanns Claude Monet. Doch erst wandte er sich dem Kubismus zu. Und dann gewann er die Überzeugung, die Malerei sei an ihrem Ende angelangt. So nahm er eine Fahrradgabel mit Vorderrad, stellte sie auf einen weißen Küchenhocker und nannte das: „Fahrrad-Rad“.

Das "Fahrrad-Rad" von 1913 ist das erste Readymade der Kunstgeschichte.
Das "Fahrrad-Rad" von 1913 ist das erste Readymade der Kunstgeschichte. | Bild: Association Marcel Duchamp / VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Es war nichts Skandalöses an diesem Werk, schlimmstenfalls löste es verwunderte Fragen aus, was daran denn nun Kunst sei. Der Skandal folgte erst ein paar Jahre später. Da nahm Duchamp nämlich statt eines Rads ein handelsübliches Pissoir – nannte es „Brunnen“, signierte es (mit fremdem Namen) und reichte es für die Jahresausstellung unabhängiger Künstler in New York ein. Ein Pissoir als Kunstwerk? Einfach gekauft im Sanitärgeschäft? Ja, was soll das denn?

Das Pissoir mit dem Titel „Brunnen“ erregte 1917 die Gemüter. Signiert ist es mit dem Pseudonym „R. Mutt“ – wofür dieses steht, ist bis heute rätselhaft.
Das Pissoir mit dem Titel „Brunnen“ erregte 1917 die Gemüter. Signiert ist es mit dem Pseudonym „R. Mutt“ – wofür dieses steht, ist bis heute rätselhaft. | Bild: Ennio Leanza

Die Verantwortlichen der Ausstellung lehnten Duchamps Einreichung ab: Weil es sich nicht um Kunst handele, wie es damals hieß. Auch in der Stuttgarter Staatsgalerie halten wir heute nach dem Pissoir, das ein Brunnen sein soll, vergeblich Ausschau. Doch nicht, weil es keine Kunst wäre – sondern weil die aktuelle Duchamp-Ausstellung auf der museumseigenen Sammlung beruht. Und die enthält nun mal keine der zwölf Repliken dieses legendären Objekts.

Erstes Readymade

Der Hocker mit dem Rad ist dafür sehr wohl präsent. Es handelt sich um das erste sogenannte Readymade der Kunstgeschichte. Readymade, das bedeutet wörtlich so etwas wie „fertiggemacht“. Der Künstler muss nicht mehr selbst Hand anlegen. Es genügt, irgend ein Ding „ohne jedes ästhetische Vorurteil auszusuchen“.

Ist das nicht ein bisschen wenig an künstlerischer Leistung? In der Tat hat man manchmal den Eindruck, Duchamp wolle „einen an der Nase herumführen“, wie es in der Stuttgarter Ausstellung freimütig heißt. Und es kann gar kein Zweifel daran bestehen, dass mit Entstehung der Konzeptkunst auch die Scharlatanerie Einzug in den Kunstbetrieb erhalten hat.

Abschied vom Handwerk

Doch Duchamp will sich nicht an handwerklichem Können messen lassen, sondern an intellektuellem Gehalt: Mit ihm wandert die bildende Kunst endgültig von der Hand ins Gehirn. Und dort tut sich bei der Beschäftigung mit Gegenständen wie em „Fahrrad-Rad“ so manches.

Vierte Dimension

Das Verstehen dieses „Readymade“-Objekts funktioniert am Besten über die Kunstgeschichte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stellte sich die Frage, wie Malerei Schritt halten könnte mit den immer neuen Erscheinungsformen des technologischen Fortschritts. Ob Impressionismus, Kubismus oder auch Expressionismus: All diesen Strömungen fehlt ein entscheidendes Detail – die vierte Dimension.

Duchamp glaubt, sie gefunden zu haben. Oder besser gesagt: ihren Schatten. Die Rechnung lautet wie folgt. Wenn zweidimensionale Schatten das Abbild dreidimensionaler Objekte sind – könnten dann dreidimensionale Objekte nicht ihrerseits der Schatten einer vierten Dimension sein?

Unsere Fantasie ist gefordert

Was zunächst rätselhaft anmutet, gewinnt bei der Betrachtung des Rads an Kontur. Denn tatsächlich hat die Kunstgeschichte die vierte Dimension bis dahin vor allem in der (auf Leinwand nur schwer darstellbaren) Bewegung gesucht. Mit Blick auf das stillstehende Rad wiederum ist es nun aber am Betrachter selbst, diese Bewegung gedanklich zu vollziehen. Was wiederum darauf schließen lässt: Die vierte Dimension liegt in unseren eigenen Gedanken, unserer eigenen Fantasie.

Mit seinen Readymades erklärt Duchamp die Aufgabe der Künstler für erledigt. Von nun an ist das Publikum gefordert, in seiner Alltagswelt die Kunst auf eigene Faust zu entdecken. Fangen wir am besten gleich damit an!

„Marcel Duchamp: 100 Fragen. 100 Antworten“: bis 10. März in der Staatsgalerie Stuttgart. Öffnungszeiten: Di. bis So. 10-18 Uhr, Do. 10-20 Uhr. Weitere Informationen unter: http://www.staatsgalerie.de