Ein fast schon zierlicher Mann ist Miguel Zenón. Die wenigen Worte, die er in den Pausen zwischen den Musikstücken an das Publikum richtet, sind ruhig und zurückhaltend. Sobald er jedoch die ersten Töne auf dem Saxophon erklingen lässt, erlischt dieser Eindruck sofort. Die Klänge, die er seinem Instrument entlockt, sind voller Tempo und Energie, reißen die Zuhörer in ihren Bann.

In der Gems konnte er damit bis in die letzte Reihe überzeugen. Bereits zum dritten Mal trat er dort zusammen mit seinen Quartett-Mitgliedern im Jazzclub Singen auf. Diesmal hatte der Altsaxophonist sein frisch erschienenes Album „Sonero: The Music Of Ismael Rivera“ im Gepäck. Ein klares Bekenntnis zu seinen puertoricanischen Wurzeln. Ismael Rivera war ein legendärer Komponist und Salsa-Sänger in der Karibik der 50er-Jahre, bekannt als El Sonero Mayor (dt.: Der größte Sonero, den es gibt). Der Albumtitel „Sonero“ bezeichnet einen Sänger, der zu einem sich wiederholenden Chorus Melodie und Text improvisiert. Rivera perfektionierte dies mit seinem eigenen Stil.

Vertraut mit lateinamerikanischer Musik

Aber auch Zenón hat einen unverwechselbaren Stil, gekonnt verbindet er die traditionellen Salsa-Elemente mit seinem ganz eigenen Jazz. Er greift Riveras Hits wie „El Negro Bembón“ oder „Quítate de la Vía, Perico“ auf, in denen das Original immer wieder zum Vorschein kommt, oft jedoch auch vollkommen unkenntlich erscheint. Unterstützt wird er dabei durch seine langjährigen Co-Musiker Luis Perdomo am Klavier und Henry Cole an den Drums – beide selbst gut vertraut mit der lateinamerikanischen Musik. Gerade in den rasanten Phasen bildeten sie das rhythmische Gerüst.

Coles Leidenschaft für die Musik zeigte er an den Drums deutlich. Perdomo konnte vor allem in einigen wenigen ruhigeren Sequenzen mit seinen tief melancholischen Klängen überzeugen. Lediglich Bassist Matt Penman war noch neu in dieser Gruppierung, er ersetzte Gründungsmitglied Hans Glawischnig. Trotzdem harmonierte er gut in dieser Combo und konnte mit seinem Spiel überzeugen.

Dennoch dominierte vor allem Zenón, der die Rolle des El Sonero Mayor fantastisch ausfüllte. Den Vorteil seiner Bewegungsfreiheit im Gegensatz zu den Bandkollegen wusste er gut für sich zu nutzen. Seine Hingabe zur Musik war regelrecht körperlich sichtbar. Gerade in seinen fast tänzerischen Bewegungen konnte man das Gefühl bekommen, er tanze dort auf der Bühne seinen eigenen Salsa. Selbst seine Finger flogen nur so über die Saxophon-Tasten, während er Lauf an Lauf reihte. Müdigkeit war dabei nirgends in Sicht. Aber er beherrscht auch die sanften Töne, die sich hin und wieder in das pulsierende Spiel mischten. So gut, dass man sich zeitweise fast noch mehr davon gewünscht hätte. Es bleibt also zu hoffen, dass bald wieder ein Besuch der New Yorker Gruppe in Singen folgt.

Wer sich das Konzert nachträglich anhören möchte, kann dies am 30. Januar um 23.03 auf SWR2 tun. Das ganze Jazz-Konzert wurde für Jazz Now live mitgeschnitten.

Die Abgabe von Stimmen steht derzeit nicht zur Verfügung. Wir bitten um Verständnis.