Dass die Bregenzer Festspiele nicht nur aus dem populären Spiel auf dem See bestehen, vergisst man gerne. Die alle zwei Jahre wechselnde Seebühne ist so etwas wie ein temporäres Wahrzeichen der gesamten Stadt. Auch derzeit dominiert das markante Bühnenbild mit den beiden aus dem See ragenden Händen der Carmen die Wahrnehmung der Festspiel-Stadt.

Um dem etwas entgegenzusetzen, eröffnen die Festspiele alle zwei Jahre nicht mit dem Spiel auf dem See, sondern mit einer Oper im Festspielhaus. In diesem Jahr heißt das Werk „Beatrice Cenci“ und stammt aus der Feder von Berthold Goldschmidt. Schon mal gehört? Eben. Raritäten und Ausgrabungen kommen an dieser Stelle zu ihrem Recht. Dem polnisch-jüdischen Komponisten Mieczyslaw Weinberg verhalfen die Festspiele so vor wenigen Jahren zu einer viel beachteten Renaissance.

Oper nach einer wahren Geschichte

Auch der gebürtige Hamburger Goldschmidt (1903-1996) war ein Komponist jüdischer Herkunft und musste 1935 vor den Nazis nach England fliehen. In der Nachkriegszeit, die auf einen radikalen Neuanfang drängte, konnte er mit seiner moderat modernen Musiksprache nicht mehr Fuß fassen. Sie wirkte wie aus der Zeit gefallen. „Beatrice Cenci“ wurde erst 1988 uraufgeführt, aber nur konzertant. Erst 1994 folgte ein szenische Aufführung in Magdeburg.

Warum die Oper seither kein pralles Bühnenleben entwickelt hat, davon bekam man bei der Festspiel-Premiere in Bregenz eine Ahnung. Die gebotene optische Opulenz, die raffinierte, wie in eine Röhre gefasste Bühne (Katrin Connan) und die prachtvollen Kostüme mit ihren Renaissance-Zitaten (Katharina Tasch) konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Libretto von Martin Esslin zu schwach ist, um daraus einen packenden Opern-Abend zu machen.

Das Bühnenbild von Katrin Connan spielt mit den Varianten einer Röhre.
Das Bühnenbild von Katrin Connan spielt mit den Varianten einer Röhre. | Bild: Bregenzer Festspiele / Karl Forster

Dabei sprechen die Zutaten durchaus für Operntauglichkeit: Gewalt, Mord, kirchliche Korruption – daraus sollte sich was machen lassen. Zumal Beatrice Cenci eine historische Figur im Rom des 16. Jahrhunderts war, die Geschichte also auf Tatsachen beruht. In der Oper geht sie so: Der reiche Adlige Francesco Cenci quält seine Kinder wie Feinde. Zwei Söhne lässt er ermorden und feiert deren Tod in aller Öffentlichkeit. Als er seine Tochter Beatrice vergewaltigt, lassen sie und ihre Stiefmutter den Sadisten ermorden. Daraufhin werden die beiden Frauen selbst hingerichtet. Die Kirche spielt dabei eine unrühmliche Rolle, weil sie den Mord an den beiden Söhnen gegen eine gute Bezahlung deckt, die beiden Frauen aber Folter und Tod ausliefert.

Beatrice (Gal James, links) wird von ihrem Vater (Christoph Pohl) zu einem „Spiel“ abgeführt. Hinten steht die entsetzte Stiefmutter Lucrezia (Dshamilja Kaiser).
Beatrice (Gal James, links) wird von ihrem Vater (Christoph Pohl) zu einem „Spiel“ abgeführt. Hinten steht die entsetzte Stiefmutter Lucrezia (Dshamilja Kaiser). | Bild: Bregenzer Festspiele / Karl Forster

Die Figuren bleiben dabei eindimensional, ein Handlungskonflikt entwickelt sich nicht. Warum Cenci seine Söhne umbringen lässt und warum er seine Kinder so hasst, darüber erfährt man nichts. Vielleicht faszinierte den Komponisten der Stoff gerade deswegen, weil er dem Zuschauer keine Chance gibt, die Gewalt zu verstehen – schließlich hatte auch Goldschmidt eine Zeit des Abschlachtens erlebt, die unerklärlich geblieben ist. Allerdings zeigen weder er in seiner Musik noch der Librettist im Text diese Brutalität. Man erfährt von den Morden, man erahnt die Vergewaltigung, über Folter wird gesprochen – aber alles bleibt wie durch indirekte Rede in Distanz gerückt.

Und auch die Musik haut selten auf den Putz. Im letzten Akt, kurz vor ihrer Hinrichtung, nimmt Beatrice Abschied von dieser Welt. In diesem innigen, weltentrückten Lied bricht plötzlich viel von der Emotion auf, die man bis dahin schmerzlich vermisste. Dabei ist Goldschmidts Musik in ihrer dunklen Farbigkeit nicht uninteressant. Obwohl sie 1950 vollendet wurde, würde man sie eher in den neusachlichen 1920er-Jahren verorten. Und entsprechend kühl bleibt sie letztlich auch.

Beatrice Cenci (Gal James) trägt stets eine wie sie selbst gekleidete Puppe mit sich herum – Sinnbild für ihr gespaltenes Ich seit der Vergewaltigung durch den Vater.
Beatrice Cenci (Gal James) trägt stets eine wie sie selbst gekleidete Puppe mit sich herum – Sinnbild für ihr gespaltenes Ich seit der Vergewaltigung durch den Vater. | Bild: Bregenzer Festspiele / Karl Forster

All das macht es dem Zuschauer schwer, Empathien zu entwickeln, die Gewalt zu verabscheuen, mit den Opfern zu fühlen – und sich in den moralischen Konflikt verwickeln zu lassen, dass ein Opfer zur Täterin wird. Auch die Regie von Johannes Erath folgt bewusst der grundsätzlich diskreten Linie und blendet jede Form von Gewalt aus. Trotz einer Fülle an bestechenden Einfällen und assoziationsreichen Bildern, die vor allem Parallelen zwischen Kirche und Adel in den Fokus rücken, füllt Erath die Leerstellen des Stücks nicht.

Musiziert und gesungen wird an diesem Abend durchaus solide. Christoph Pohl als Francesco Cenci, Dshamilja Kaiser als seine zweite Frau Lucrezia, Gal James als Beatrice und Johannes Debus am Pult der Wiener Symphoniker – da gibt es keine Ausreißer, weder nach unten noch nach oben. Und am Schluss bleibt die Erkenntnis, dass diese Beatrice niemals die Popularität einer Carmen erreichen wird.

Weitere Termine am 22. und 30. Juli 2018. Informationen und Tickets auf http://www.bregenzerfestspiele.com