Es fällt offenbar schwer, angesichts von Campus Galli sachlich zu bleiben. Bei den einen ruft das Projekt größte Bewunderung hervor, andere sind dagegen auf fast schon hämische Weise von seinem Scheitern überzeugt.

Tatsache ist jedenfalls, dass das Unternehmen in dieser Form einzigartig ist: Seit sechs Jahren wird auf einem Waldgelände der Nähe der oberschwäbischen Stadt Meßkirch der weit über tausend Jahre alte St. Galler Klosterplan realisiert. Am Ende soll es einen Komplex mit 52 Gebäuden geben. Der konsequente Verzicht auf moderne Hilfsmittel macht das Unterfangen zu einem echten Abenteuer.

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Drei Jahre lang hat Reinhard Kungel die auf mehrere Jahrzehnte angelegten Bauarbeiten begleitet. Während das Bauvorhaben nur Wirklichkeit werden kann, wenn alle Mitwirkenden zusammenhalten, ist „Campus Galli – Das Mittelalter-Experiment“ im Alleingang entstanden: Kungel war für Regie, Buch, Produktion, Kamera und Schnitt verantwortlich.

Stilistisch entspricht der in Koproduktion mit dem SWR entstandene 90-minütige Film dem üblichen Stil von Fernsehdokumentationen: Es gibt ein paar schöne Herbstbilder, aber ansonsten konzentriert sich Kungel auf die Menschen vor seiner Kamera. Und die sind dafür umso interessanter.

Auf Campus Galli in Meßkirch wird ohne moderne Hilfsmittel gearbeitet.
Auf Campus Galli in Meßkirch wird ohne moderne Hilfsmittel gearbeitet. | Bild: Mindjazz Pictures

Rund drei Dutzend Handwerker sind an dem Projekt beteiligt. Weil es kaum Aufzeichnungen über mittelalterliche Arbeitsweisen gibt, ist ihre Vorgehensweise oft eine Mischung aus Experiment und Improvisisation. Gerade die Details sind faszinierend – das reicht vom Sprengen eines Steinblocks mit Hilfe gewässerter Holzpflöcke bis zum Gießen einer Bronzeglocke.

Nicht minder interessant sind die Antworten der Mitwirkenden auf die Frage, warum sie sich dem Projekt angeschlossen haben. Neben den Spezialisten gibt es viele Freiwillige: Ein Sozialarbeiter freut sich, dass seine jungen Schutzbefohlenen lernen, was Teamgeist ist. Ein Korbflechter gibt zu, dass ihn die Mitarbeit von der schiefen Bahn geholt hat.

Tag für Tag, bei Wind und Wetter, wird an der Klosterstadt gearbeitet.
Tag für Tag, bei Wind und Wetter, wird an der Klosterstadt gearbeitet. | Bild: Mindjazz Pictures

Bei allem Respekt vor der Vision und ihrer Verwirklichung verhehlt Kungel keineswegs, dass es auch Rückschläge gegeben hat. Finanziert wird das Projekt in erster Linie durch Eintrittsgelder, aber in den ersten Jahren kamen nicht genug Besucher.

Eine größere Bedrohung war jedoch offenbar ein tiefer Zwist zwischen den Beteiligten – die Arbeiter wollten gar einen Betriebsrat gründen. Im Verlauf einer Versammlung ist es anscheinend derart zur Sache gegangen, dass Kungel seine Kamera abschalten musste. Er deutet diese Diskrepanzen mehrfach an, geht aber nicht auf ihre tieferen Ursachen an. Das ist eine echte Leerstelle in seinem Film.