Kaum zu glauben, was für einen Unterschied ein bisschen Strom ausmachen kann: Als die Scorpions vor ein paar Jahren im Rahmen einer Akustik-Tour durch die Lande zogen, war unüberhörbar, dass viele ihrer Songs, vor allem die härteren, sich gar nicht so richtig ins "Unplugged"-Konzept übertragen lassen – lediglich die sattsam bekannten Balladen entfalteten damals ihre gewohnte Pracht. Den Mitgliedern der Band scheint dies inzwischen selbst aufgegangen zu sein, denn auf ihrer aktuellen Tour stöpseln sie ihre Gitarren wieder ans elektrische Netz an und siehe da: Das Ergebnis überzeugt wieder – nicht voll und ganz, aber doch erstaunlich gut.

Es sind ja wahre Dinosaurier der Rockszene, die fünf Musiker, von denen keiner jünger als 50 Jahre ist und deren Frontmann, Sänger Klaus Meine, mittlerweile die 70 überschritten hat. Bei ihm fällt noch am ehesten auf, dass er nicht mehr der Jüngste ist, denn der Zahn der Zeit hat doch spürbar an seiner Stimm genagt. Fast gar keine Ermüdungserscheinungen lassen sich demgegenüber bei den beiden Gitarreros der Band – Rudolf Schenker und Matthias Jabs – feststellen: Kernig und kraftvoll wie eh und je rocken sie die Bühne.

Die wirkliche Stärke der Scorpions liege in ihren Balladen, konstatierte vor Jahren mal ein deutsche Musikzeitschrift – in Salem, an diesem Abend, war es genau andersherum. Mit unglaublicher Power bretterte die Band ihre rockigeren Songs – "Blackout" etwa, "Make It Real" oder "Rock You Like A Hurricane" – über den Schlossplatz hinweg: Ganz schön agil, die Altherren-Truppe. Und hauptverantwortlich für diese markige Performance war einer, den man am Anfang kaum beachtete, weil er sich hinter seinem riesigen Drum Set versteckte: Mikkey Dee, einst langjähriger Schlagzeuger der unvergessenen Motörhead, der – nachdem sich seine Band anlässlich des Todes von Frontmann "Lemmy" Kilmister 2015 auflöste – vor zwei Jahren bei den Scorpions anheuerte. Mit seinem wuchtigen, überaus dynamischen Spiel peitschte er die Band in Salem unablässig nach vorne. Und er schaffte es gar, bei einem längeren Drum-Solo – etwas, das seit gefühlt 100 Jahren innerhalb der Rockmusik-Szene (völlig zu Recht) außer Mode ist – die Spannung aufrecht zu erhalten. Die weit über 5000 Fans, die den Schlossplatz bevölkerten, dankten es ihm prompt mit stürmischem Szenenapplaus.

Und mit einem Motörhead-Klassiker erwiesen die Scorpions denn auch dem viel zu früh verstorbenen Lemmy ihre Reverenz: mit "Overkill", in einer Fassung, die wohl auch dem Geehrten gefallen hätte. Ein Bild von Lemmy in der Blüte seiner Jahre erschien dazu auf den riesigen Video-Schirmen rechts und links der Bühne – eine schöne Geste zu Ehren eines ganz Großen innerhalb der Szene und ein ergreifender Moment, gewiss. Und als Klaus Meine betonte, wie sehr seine Band es stets geschätzt habe, mit Lemmy und Motörhead gemeinsam auf derselben Bühne zu stehen, nahm man ihm jedes Wort ab. Überhaupt wirkte der wegen seiner vielen – oft abgedroschenen – rhetorischen Floskeln häufig Gescholtene an diesem Abend erstaunlich authentisch: Als er offenbarte, wie glücklich er sei, nach so vielen Jahrzehnten immer noch vor seinem Publikum auftreten zu dürfen, kam das völlig glaubwürdig herüber.

Und das, obwohl Meine an diesem Tag ein wenig neben sich zu stehen schien, sich bei seinen Statements zwischen den einzelnen Songs nicht selten verhaspelte. Aber das machte gar nichts, denn seine Band machte dies durch Spielfreude und vorbildlichen Einsatz allemal wieder wett. Repertoire-mäßig kann sie ja auf ein riesiges Archiv an Songs zurückgreifen, ihr erstes Album ("Lonesome Crow") erschien schließlich vor exakt 46 (!) Jahren. Damals hätte wohl niemand erwartet, dass diese Gruppe einmal zu den Top-Sellern im einschlägigen Business gehören würde – weit über 100 Millionen LPs und CDs haben die Musiker bis heute verkauft. Die meisten ihrer größten Hits gaben sie auch in Salem zum Besten – "Still Loving You" etwa, "Big City Nights" und das wohl unvermeidliche "Wind Of Change", dieses Mal gekoppelt mit "Send Me An Angel", noch so einer absoluten Ohrwurmballade. Auch wenn man vorher gemutmaßt hatte, diese zehntausendfach in Radio und Musik-TV abgenudelten Heuler wirklich nicht mehr hören zu können – es ging, und das gar nicht mal so schlecht.

Als die Highlights hingegen, wie bereits erwähnt, entpuppten sich an diesem Abend jedoch die zünftigen Hardrock-Klassiker, und auch hier gab's Überraschungen: "Coast To Coast" etwa, eine Instrumentalkomposition vom 1979er Longplayer "Lovedrive", avancierte zu einem der besten Tracks des Konzerts, desgleichen ein wildes Medley aus "Top Of The Bill", "Steamrock Fever", "Speedy's Coming" und "Catch Your Train". Als die Band nach "Rock You Like A Hurricane", der zweiten und letzten Zugabe, ihr Publikum schließlich in die Nacht entließ, sah man ringsum nur glückliche Gesichter. Und nicht nur in der Bodenseeregion halten die Fans der Band auch nach so vielen Jahren immer noch die Treue: Durch sage und schreibe 29 Länder auf vier Kontinenten führt die derzeitige "Crazy World"-Mammut-Tour, mit Auftritten im legendären Madison Square Garden in New York und in der riesigen O2-Arena in London. Mag sein, dass Rammstein mittlerweile die im Ausland populärere deutsche Rockband ist – auch die Scorpions füllen immer noch die Hallen und Stadien.

Nicht zu vergessen: Es gab einmal eine Zeit, in der sich Bands wie Metallica, Bon Jovi oder Iron Maiden darum rissen, als Anheizer bei Scorpions-Konzerten fungieren zu dürfen, und auch wenn das heute nur noch einigermaßen bizarr wirkt – im Hard Rock-Subgenre haben Klaus Meine & Co. einst Pionierarbeit geleistet (und das, obwohl die Band ursprünglich mit einer Art Krautrock anfing!). Es gibt nicht viele Rockgruppen, bei denen Kritiker und Fans sich so uneinig sind wie bei den Scorpions: Erstere senken normalerweise den Daumen – Letztere halten ihn hingegen hoch. Seit diesem Abend in Salem wird einem mal wieder klar, warum.