Auch die Staatsgalerie Stuttgart hat jetzt eine Seufzerbrücke. Zumindest mutet der schmale Verbindungsgang, der den Besucher hinüber in den Steib-Bau führt, derzeit so an. Denn hier, im Graphik-Kabinett, gibt sich „La Serenissima“, die Allerdurchlauchteste, wie die einstige Republik Venedig auch genannt wird und wie die gleichnamige Ausstellung betitelt ist, die Ehre.

Der Ehrenname, den die Venezianer ihrer Stadt verliehen haben, steht in seiner Bedeutung aber auch für eine heitere Gelassenheit, die sich in der hier vom 16. bis 18. Jahrhundert gedeihenden Zeichenkunst unterschiedlichster Stile zeigt. Der Protagonist der venezianischen Malerei, der zu seinem kommenden 250. Todestag in aller Munde ist, ist hier einer unter vielen.

60 Zeichnungen von 20 Künstlern

Und doch spielt Giovanni Battista Tiepolo auch in der Grafik eine besondere Rolle: Je drei Feder- und Kreidezeichnungen von ihm und seinem Sohn Giovanni Domenico, die als Ricordi, also Nachzeichnungen von Gemälden, dazu dienten, das Repertoire der Werkstatt zu zeigen, bilden das Zentrum innerhalb der rund 60 Zeichnungen von über 20 Künstlern.

Ausgehend von frühen Arbeiten wie Kopien nach Tizian oder einer erst kürzlich Camillo Ballini zugeschriebenen Darstellung des Bucintoro, der prunkvollen Staatsbarke, auf ihrer Fahrt zur traditionellen Vermählung Venedigs mit dem Meer, führt der Weg zu den Vorbildern Tiepolos, die ihn zu Beginn seiner Karriere inspiriert haben. Dazu gehören die sogenannten Tenebrosi, Hell-Dunkel-Maler wie Federico Bencovich und Giovanni Battista Piazzetta.

Luca Carlevarijs: „Interieur mit vier Figuren“, um 1710/20.
Luca Carlevarijs: „Interieur mit vier Figuren“, um 1710/20. | Bild: Staatsgalerie Stuttgart / Graphische Sammlung

Wie in „Die heilige Maria Magdalena“ zu sehen, ist für Bencovich ein Gegeneinandersetzen der Flächen typisch, mit dem er Licht und Schatten erzeugt. Der Papieruntergrund scheint dabei als zusätzliche Lichtquelle durch und erzeugt Spannung.

Im späten 17. Jahrhundert begeistert Giuseppe Diamantini im freien Umgang mit der Feder: Skizzenhaft, dabei grazil und zugleich hoch dynamisch erscheint seine „Geißelung Christi“ mit drei stehenden und einer kauernden Figur. Mimik und Körperhaltung geben den Gemütszustand der Dargestellten treffend und dabei mit großer Leichtigkeit im Strich wieder.

Guiseppe Bernardino Bison: „Sieben Frauen am nächtlichen Feuer sich wärmend“, um 1820/30.
Guiseppe Bernardino Bison: „Sieben Frauen am nächtlichen Feuer sich wärmend“, um 1820/30. | Bild: Staatsgalerie Stuttgart / Graphische Sammlung / Sammlung Schloss Fachsenfeld

Die Stärke von Antonio Molinari und Sebastiano Ricci liegt indes im vehementen Einsatz des Rötelstifts, dessen Verwischungen flächige Darstellungen zaubern. Wie eine Handschrift ist jedes Blatt typisch für den jeweiligen Künstler: Schwungvoll angedeutete, kurze Striche, kleine Flecken und Muster, mit weicher Kreide hingetupft, demonstrieren die mit wenigen Mitteln, aber großem Sinn für die malerische Fläche erreichte hohe Zeichenkunst.

Venedig nimmt innerhalb der Kunstlandschaften Italiens eine Sonderstellung ein: Einzigartig ist in der Lagunenstadt der Kosmos aus flirrendem, vom Wasser reflektiertem Licht. Wie die venezianischen Maler werden auch die Zeichner von dieser besonderen Atmosphäre erfasst, die sich in schwingenden Linien, weichen Schatten und flüchtigen Formen ausdrückt und vom ersten Moment an fasziniert.

Zart durchbrochene Linien

Anders als in der florentinischen Kunst, in der die Linie dominiert, ist hier die Kontur nie durchgezogen, sondern stets zart durchbrochen. Der Strich ist leicht, in den lavierten Flächen spiegelt sich das Sonnenlicht. Die von feinen Wassertropfen durchtränkte Luft findet sich im typischen dunstigen Sfumato wieder.

An der Wand gegenüber sind jene Zeitgenossen Tiepolos ausgestellt, die mit ihm in wechselseitige Beziehungen traten oder von ihm beeinflusst wurden. Francesco Guardi etwa, dessen Schwester Tiepolo ehelichte. Mit den in Pastelltönen skizzierten „Frauen des Darius vor Alexander“ stellt Guardi die Barmherzigkeit des Herrschers dar, ein beliebtes Sujet in dieser Zeit neben religiösen und mythologischen Themen.

Gaspare Diziani: „Fête galante“ (Gesellschaft im Freien), um 1740/50.
Gaspare Diziani: „Fête galante“ (Gesellschaft im Freien), um 1740/50. | Bild: Staatsgalerie Stuttgart / Graphische Sammlung

Herausragende Arbeiten von Jacopo Tintoretto und Giovanni Antonio Pellegrini sind zu sehen. Ebenso Gaspare Diziani, dessen Marienbild mit abstrahierender Linienführung fast ins Moderne vorausweist, und Giuseppe Bernardo Bison als letzter Vertreter dieser besonderen Kunst.

Die Intimität des Graphik-Kabinetts mit 40 Lux, die aufgrund der Lichtempfindlichkeit der Arbeiten nur herrschen dürfen, lassen den Besucher die Werke intensiv erleben.

Vom Kopf über die Hand aufs Papier

„Nirgends ist man dem Künstler so nah wie bei der Zeichnung“, sagt Kuratorin Corinna Höper. „Die Bildidee gelangt vom Kopf über die Hand direkt aufs Papier.“ Mit dem Interesse vonseiten reisender Geistlicher, Intellektueller, durch Drucker und Verlage wird die venezianische Zeichenkunst in alle Welt verbreitet und entwickelt sich zur eigenständigen Gattung. Auch das wird in der Ausstellung deutlich.

Die Ausstellung „La Serenissima. Zeichenkunst in Venedig vom 16. bis 18. Jahrhundert“ ist bis zum 2. Februar 2020 in der Staatsgalerie Stuttgart zu sehen. Geöffnet ist täglich außer Montag von 10 bis 17 Uhr,
donnerstags bis 20 Uhr. Alle weiteren Informationen finden Sie hier.

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