Wenn von Greta Thunberg die Rede ist, sind Bezüge zu großen Gestalten der Literaturgeschichte wie Friedrich Schillers Jungfrau von Orleans nicht weit. Wie aber wird der Vergleich künftiger literarischer Gestalten mit den realen Klima-Aktivisten von heute ausfallen? Ein erstes Beispiel ist jetzt auf dem Markt: Der Autor John von Düffel hat das Rennen um die erste literarische Bearbeitung der „Fridays for Future“-Bewegung offenbar gewonnen.

Jung im Protestmodus

Sein Roman „Der brennende See“ (Dumont) handelt von einer jungen Frau im Protestmodus. Wir sehen in ihr weniger Greta Thunberg als die deutsche Aktivistin Luisa Neubauer, und sie begegnet uns auch nicht direkt als Hauptfigur, sondern über die zaghafte Annäherung einer Frau mittleren Alters: Hannah ist aufgewachsen in der für ihr politisches Desinteresse und Vergnügungssucht berüchtigten Generation X der 80er- und 90er-Jahre. Ihren Achtundsechziger-Vater hat sie nach der Scheidung ihrer Eltern kaum mehr gesehen. Nun ist er gestorben, ein Schriftsteller mit überschaubarem Nachruhm: Seine Tochter will sich um seine Wohnung kümmern, seinen Nachlass, ihr bescheidenes Erbe.

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Es ist eine Reise in die Stadt ihrer Kindheit, an den Baggersee, in dem ihr Vater bis zuletzt täglich seine Runden schwamm. Und es ist eine Reise zur Jugendfreundin Vivien, die bis zuletzt mit ihrer Familie in seiner unmittelbaren Nachbarschaft lebte.

Betrachtung der Wolken

Für die Bücher des vereinsamten Dichters hat sich von ihnen niemand mehr interessiert, schon gar nicht für sein letztes Werk, jene versponnene Betrachtung der Wolken am Himmel. Wirklich niemand? Nein: Das Foto einer mysteriösen jungen Frau, gefunden in einem seiner hinterlassenen Bücher. Vieles deutet darauf hin, dass sie ihm zuletzt eine wichtige Gesprächspartnerin gewesen sein muss.

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Hannah könnte die geheimnisvolle Unbekannte herzlich gleichgültig sein, gäbe es da nicht dieses Testament: Ihr Vater hat sie enterbt. Was ihm geblieben ist, soll in eine Stiftung gehen. Es sei ihm „um ein Zeichen seines gesellschaftlichen Engagements“ gegangen, erklärt ihr sein Anwalt. Die Stiftung, das Foto, die unbekannte Person: Es muss zwischen alldem eine Verbindung geben, und Hannah will nichts unversucht lassen, ihr auf die Spur zu kommen.

Übersprungene Generation

Des Rätels Lösung liegt gleich um die Ecke am anderen Ufer des Baggersees, und sie ist von geradezu enttäuschender Schlichtheit. Es handelt sich nämlich um Viviens Tochter Julia, Klimaaktivistin in der örtlichen „Fridays for Future“-Gruppe. Der alte Mann und die 16 Jahre alte Schülerin: Es muss zwischen ihnen ein Generationen übergreifendes Einverständnis bestanden haben, eines, das die Zwischengeneration ausdrücklich überspringt.

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Sie könne sich nicht erklären, was mit ihrer Tochter los sei, erklärt Vivien entsprechend ratlos: „Sie ist uns immer mehr entglitten.“ Und das, obwohl sie doch ihre Ziele teilten, die Sorge um die Umwelt, den Schutz des Sees. „Die Freitagsdemos, das Schuleschwänzen, die Protestaktionen – alles haben wir als Eltern unterstützt!“

Was also ist es, das die jungen Aktivisten von ihren Eltern trennt? Wo es doch heute – anders als noch in den 60er-Jahren – allerorts Verständnis, Zustimmung, Gemeinsamkeiten gibt?

Kühles Geschäft, edles Gewissen

Es zeigt sich bald: Für Umweltschutz eintreten, das kann man auf sehr unterschiedliche Weisen. Julias Eltern wollen den See für die Öffentlichkeit sperren, damit die illegale Müllentsorgung ein Ende hat. Ob es ihnen dabei aber wirklich um die Umwelt geht, scheint fraglich: der Vater will am Ufer Wohnungen für Senioren entstehen lassen. Die Grenze zwischen kühlem Geschäft und edlem Gewissen verläuft in dieser Generation fließend.

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Julia dagegen schließt in ihrer Radikalität unmittelbar an die Protestbewegungen der Achtundsechziger an. Zu Besuch auf einer Freitagsdemonstration beobachtet Hannah sie bei einer waghalsigen Aktion am Rathausbalkon. Erst in letzter Minute entkommt die Schülerin den bereits anstürmenden Polizisten. Ernsthafte Konsequenzen muss sie aber ohnehin kaum fürchten: „Wir geben alles zu, ohne Probleme, weil wir nicht voll strafmündig sind“, lautet ihre Erklärung. Die Generation von Vivien und Hannah hat sich vor 20 Jahren noch mit Partys und Beziehungsgeschichten von den Problemen dieser Welt abgelenkt. Jetzt ist es an ihren Kindern, den Kampf um unsere Lebensgrundlagen aufzunehmen.

Lebende Altlasten

Interessant wird dieser Generationenkonflikt, sobald sich die Systemfrage stellt. So sieht Julia in ihren Eltern bloß Vertreter eines von Grund auf verlogenen Systems, spricht gar von „lebenden Altlasten“ – das Misstrauen einer jungen Linken weist damit frappierende Ähnlichkeiten zu manchen Parolen der Rechten auf.

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Leider aber prägt das Handeln des Personals eine derart aufdringliche Klischeehaftigkeit, dass man sich beim Lesen an billige Vorabendserien erinnert fühlt. Von Düffels Figuren nagen verlegen an der Unterlippe, schütteln fassungslos den Kopf oder blicken entgeistert drein. Und gewöhnliche Sätze werden kaum einmal einfach nur gesagt, sondern „nahegelegt“, „klargestellt“ oder „spitz bemerkt“: Das alles mutet stilistisch erstaunlich hölzern an und trübt das Lektüreerlebnis erheblich.

John von Düffel mag den ersten Roman über „Fridays for Future“ geschrieben haben. Besser wäre gewesen, er hätte sich dafür mehr Zeit genommen.

John von Düffel: „Der brennende See“, Roman, Dumont-Verlag: Köln 2020; 320 Seiten, 22 Euro. Das Buch erscheint am 18. Februar.

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