Das Markenzeichen der Oper auf dem Klosterplatz St. Gallen sind unbekanntere Werke. Bei den 14. St.-Galler Festspielen wich man von dieser Tradition dieses Mal ab und setzte auf ein bekanntes Stück, Giuseppe Verdis „Il Trovatore“. Leicht ist dieser Stoff nicht zu inszenieren, zeigt er doch viel mehr die inneren Zerwürfnisse der Protagonisten als eine straffe, äußerlich dramatische Handlung. Und gerade im Wagnis, diese inneren Konflikte konsequent auszuleuchten, liegt die Stärke der Inszenierung von Aron Stiehl. Über weite Strecken sind beim „Trovatore“ nur zwei oder drei Figuren auf der großen Klosterhofbühne. Die Regie stellt sie oft sehr weit auseinander und unterstreicht damit ihre Einsamkeit im Gefängnis ihrer Gefühle von Liebe, Rache und Machtgier.

Thrillerähnliches Erlebnis

Es herrscht eigentlich nicht viel Bewegung auf dieser Bühne, und vielleicht ist es gerade dieser Fokus auf das Blockierte der Figuren, der diesen Abend zu einem spannenden, oft fast thrillerähnlichen Erlebnis werden lässt. Statt viel Action lenkt die Inszenierung den Blick auf die unentrinnbare Verstrickung der Figuren.

Das könnte Sie auch interessieren

Eine weitere Schwierigkeit einer „Trovatore“-Inszenierung ist der große rückblickende Erzählanteil des Librettos. Das könnte ermüden, tut es aber in Aron Stiehls Sicht nicht. Die Regie wertet die Figur des Ferrando auf, fast zur fünften Hauptrolle. Mit einem souveränen Tijl Faveyts, ehemals fester Opernsänger am Theater St. Gallen, der mit seiner Rückblende Appetit auf die weitere Handlung macht, der als stumme, diabolische Figur im Hintergrund stets dabei ist und eine Art mephistophelische Regie zu führen scheint. Am Ende bewegt er sich als Todesengel in der Szene.

Die Bühne als Friedhof

Der Tod mit seinen finsteren Schwingen schwebe über allem, heißt es bei Verdi. Das Bühnenbild (Frank Philipp Schlössmann) nimmt das wörtlich und zeigt einen riesigen Todesengel, der mit seinen Flügeln das Bühnenbild einrahmt. Sehr gelungen auch die Idee, die Bühne selbst als großen Friedhof mit (oft leuchtenden) Kreuzen auszustatten, zwischen denen sich die Figuren fast ein wenig wie in einem Labyrinth bewegen müssen. Auch das unterstreicht diese Verstrickung und das Unentrinnbare. Die Szenerie ist meist in Rot getaucht, von sinnlich samtig bis blutig. Das Licht (Franck Evin) trägt nicht unerheblich dazu bei, diese Oper in vielen Partien als surreale Allegorie erscheinen zu lassen, als ein Nachdenken über Schicksal, über die den Menschen bestimmenden Mächte, manchmal gar als Mysterienspiel über den Tod und die Nichtigkeit des diesseitigen Lebens, Wirkens und Kämpfens.

Das könnte Sie auch interessieren

Die packend wirkende Verlagerung auf die inneren Konflikte verlangt umso präsentere Solisten. Da kommt der Belcanto-Freund in St. Gallen (wir rezensieren hier die Premierenbesetzung) voll auf seine Kosten. Eine echte Entdeckung ist die aus Usbekistan stammende Hulkar Sabirova als Leonora. Eindringlich, mit perfekten Höhen, einem großen Potenzial auch bei den schwersten Arien, aber ganz besonders packend in den hauchzart artikulierten Pianissimo-Passagen. Ein echter Genuss!

Innere Kraft

Fast zu einer zweiten weiblichen Hauptrolle hat sich auch Okka von der Damerau als Azucena an dieser Premiere gesungen. Voll innerer Kraft, Klarheit und Stringenz gibt sie die Tochter, die ihre Mutter rächen will und unentrinnbar rächen muss. Alfredo Daza als Conte di Luna überzeugt als dunkler, machtbesessener Held. Er singt sich bis zum Ende immer mehr in diese unheimlich getriebene, immer düsterere Figur hinein. Verstrickt im Macht- und Bruderzwist ist Timothy Richards als Manrico die stillere, sehr lyrisch-elegante Hauptfigur, vielleicht mit der intimsten (aber stets präsenten) Ausstrahlung der vier Protagonisten.

Das könnte Sie auch interessieren

Der große Belcanto-Genuss ist nicht zuletzt auch dem flüssig, schlank und farbenreich nuancierenden Sinfonieorchester St. Gallen unter Michael Balke zu verdanken. Da kam echtes Verdi-Feeling aus den Lautsprechern, das Orchester unterstützte die Sänger sehr genau und ohne Brechungen. Die Chorszenen mit vier Chören gelingen elegant und setzen etwas direktere Akzente zur sonst psychologisch aufgeladenen Atmosphäre dieser Inszenierung. Optisch hier sehr überraschend die Nonnenschar, die mit ihren weißen Kleidern und überdimensionierten Hüten einen tollen hellen Eindruck zu den sonst meist düster gehaltenen Kostümen bieten (Kostüm: Mechthild Seipel).

Bis zum Schluss spannend

Die Kathedrale wird subtil in die Lichtideen miteinbezogen. Ferrando singt vom Balkon der Kirche, der Korrepetitor ist als Glöckner eingesetzt. Die St. Galler Festspiele präsentieren eine Verdi-Sicht, die konsequent auf Verstrickung setzt und die Handlung wenn immer möglich allegorisiert. Dass Leonora eine eigene Schauspielerin als Tod (Valérie Junker) stets an ihrer Seite hat, ist da nur ein letztes Detail, dass diese unheimliche, bis zum Schluss spannende und eindringliche Inszenierung zu einem echten Erlebnis werden lässt.

Weitere Aufführungen am 5., 6., 10. und 12. Juli, Klosterhof St. Gallen. Infos und Tickets: http://www.theatersg.ch