Herr Stadler, in den nächsten Tagen erscheint Ihr Roman „Rauschzeit“. Es ist Ihr erster Roman seit „Komm, gehen wir“, der 2007 veröffentlicht wurde. Sie haben sich Zeit gelassen…

Ja, das kann man so fragen und sagen. Eigentlich habe ich schon im Januar 2004 mit „Rauschzeit“ begonnen, wenn ich meinen Aufzeichnungen glauben darf. Der Kern war ein Opernbesuch der „Tosca“ in der Deutschen Oper Berlin, die Begegnung von Mausi mit einem Dänen und die anschließende Zifferngeschichte: Von einem bösen Menschen, der die Telefonnummer des Dänen hat, bekommt Mausi die Nummer, aber nicht auf einmal, sondern nur jeweils eine Ziffer, jede halbe Stunde eine. So muss sie vier Stunden lang bei diesem Justus anrufen, bis sie die achtstellige Nummer von Jesper zusammenhat. Aber dann. Das dauert vier Stunden...

 

...und im Roman mehr als 500 Seiten!

Ja, das ist wahr. Bevor es mit der Erzählung beginnt, wird die aufmerksame Leserin auf den kleinen, freistehenden Satz aus vier Wörtern „Wir wissen wenig voneinander“ von Georg Büchner stoßen. Dafür habe ich mir eine Seite genommen. Und zu schreiben die lange Zeit von über zwölf Jahren, denn im Januar 2004 legte ich das Arbeits- und Notizbuch an. Als Datei war die „Rauschzeit“ dann via Äther in zwei Sekunden, vielleicht auch im Nanusekundenbereich im S. Fischer-Verlag in Frankfurt. Wir wissen wenig voneinander: So ist es doch auch, bei all der Informationsflut an Bildern und Sätzen, Talkshows und Interviews.

 

Es ist eine langsame Geschichte, die Sie erzählen?

Es ist eine langsame Geschichte, und dazu lange her, zwei Menschen, zwei Tage im Juni 2004, Köln und Berlin, und ein Sommer vor zwei Jahrzehnten, in Freiburg und am Atlantik, Alain und Mausi. Der eine erinnert sich, die andere lebt an einem schönen Tag: Das ist schon alles. Mausi liegt dabei auf ihrer Dachterrasse in einem Designermöbel eines untergegangenen Ozeandampfers des Norddeutschen Lloyd namens Columbus. Also langsam, aber, worauf ich Wert lege, und was mir hoffentlich geglückt ist: nicht langweilig oder langatmig erzählt. Einen langen Atem brauchen Sie aber schon, den brauchte ich auch.

 

Ihr Verlag eröffnet auf der Homepage eine Kurzbeschreibung Ihres neuen Romans mit den Sätzen „Was ist Glück? Später weiß man es“. Die Glücks- oder auch Unglücksfrage ist ein Teil Ihrer „Education sentimentale“. Demnach auch in „Rauschzeit?

Der erste Satz, den der Schriftsteller, den ich meine, nicht einfach nur so hinschreibt, lautet: „Was ist Glück?“ Nachher weiß man es. Mausi lag da und lebte.



In Ihrem Roman „Sehnsucht“ zitieren Sie Mark Twain: „Wer versucht, einen Plot zu finden, der wird erschossen…“ Ihre Bücher verweigern sich der Forderung nach einer in Kurzform nacherzählbaren Handlung...

Das Wort „Plot“ verabscheue ich fast so sehr wie den „Plotautor“ und den „Plotleser“... Ein Buch ist kein Rätsel, das vom Autor und seinen gescheiten Lesern zu lösen wäre. Es muss ein Geheimnis haben, damit ein Buch bleibt, was es ist: Im Idealfall etwas Faszinierendes, und am Ende wird es wie auf einem Nachhauseweg sein, wo sich über mir die Milchstraße mit der Dorfstraße unter mir kreuzt, wie die von mir unendlich bewunderte Schweizer Lyrikerin Erika Burkart einmal, wie nebenbei, sagt.

 

Der Literaturbetrieb ist schnelllebig. Hatten Sie nicht Sorge – trotz Ihres Renommees – aus dem kollektiven Gedächtnis zu verschwinden?

Schnelllebig und kurzatmig. Angst zu verschwinden habe ich nicht, denn ich schreibe und lebe ja nicht für die Saison, Entschuldigung. Ich weiß auch, bei meinen Jahren, wie sich die Aufmerksamkeit des Publikums verlagert hat. 1986 gab es noch kein Internet, kein E-Book und keine Lady Gaga.

 

Sie sind, Sie sagten es, seit drei Jahrzehnten im „Literatur- und Tagesgeschäft“ – Ihr Gedichtband „Kein Herz und keine Seele“ erschien 1986. Was hat sich Ihrer Meinung nach seither verändert?

Dass ich nun 30 Jahre älter bin, drei Implantate habe und Simvastatin gegen die bösen Blutfette, wie die Mediziner sagen, nehmen muss. Sonst ist fast alles gleichgeblieben für den einzelnen Schriftsteller und Menschen. Allen, die leben und schreiben, steht der Tod bevor. Das soll aber nicht einer meiner berüchtigten Vogelscheuchensätze sein. Mein erstes Buch erschien in St. Gallen, im Erker Verlag, das ist ein schöner Beginn und deutet auf Stabilität und Kontinuität; schließlich ist St. Gallen so etwas wie die Wiege der deutschen Literatur, überhaupt der Bücher. Ihr Wort „Tagesgeschäft“ enthält ja schon das „Ganze im Fragment“; die nächste Stufe ist „Trubel“. Das dazu passende kompatible Modewort wäre „Nachhaltigkeit“. Auch die Zeitungen leben davon, vom Tagesgeschäft; andererseits stellen sie die Verbindung von mir zu Welt her. Ich bin ein leidenschaftlicher Zeitungsleser, in Rast ist es der tägliche SÜDKURIER.

 

Einer Ihrer Förderer war Martin Walser. Wie sieht es generell mit der Kollegialität unter Autoren aus? Oft wird die „Gruppe 47“ als ein Ort der Gemeinsamkeit beschrieben, den es heute nicht mehr gibt…

Er ist es doch immer noch. Das bleibt. Das ist ja nicht abgehakt wie in der Welt der Geschäftemacher und Tagesstrategen im täglich darwinistischen „Survival of the fittest“. Bedachter und Beschenkter bleibt man auch, ein Leben lang. Von meiner Seite aus sehe ich Martin Walser als bewundernswerten Freund, zu dem ich auch nach oben schaute, wäre er einen Kopf kleiner und drei Tage jünger als ich. Allerdings habe ich Martin Walser so lange nicht gesehen, dass ich ihn fast schon zu den Vermissten rechnen muss.

 

In der Zeit zwischen „Komm, gehen wir“ und dem neuen Roman haben Sie tolle Bücher wie „New York machen wir das nächste Mal“ und das Porträt des Malers Jakob Bräckle „Auf dem Weg nach Winterreute“ veröffentlicht. Aber der „Betrieb“ nimmt nur Romane als Ereignis wahr. Sie verfolgen eine eigene Strategie als Autor?

Das sollen jene Autoren tun, die Strategen, die Juristen, die Utilitaristen, die Darwinisten, und alle, die Kampfgeist haben und wissen, wo‘s langgeht. Ich bin eh nur ein Schriftsteller, einer, der schreibt, und sonst nichts, früher sagte man zu so einem vielleicht: ein Dichter, ich bitte um Nachsicht. Bin also etwas, das es doch schon fast gar nicht mehr gibt, Narr und Dichter, ganz ohne Strategie. Ich heiße ja nicht Julie Zeh. Wie Sie selbst schon sagten: Ich habe mir Zeit gelassen. Und das erwarte ich von meinen Lesern. Ich erwarte von niemand, dass er mein Buch liest, aber wenn, dann sollte sich die Leserin und der Leser, und die Kritiker gehören doch hoffentlich zu den ganz genauen Lesern, Zeit lassen, und nicht einfach kurzen Prozess machen.

Dem gewissenhaften Lesen manches Kritikers verdanke ich vieles, auch den möglichen Einwänden von einst. Ich konnte daraus lernen. Ganz kurz, denn die Zeit läuft schon wieder davon: Ich freue mich, dass ich mit meinem Buch fertig geworden bin; und besonders über Lob und Preis, und das schon seit den Kindergartenzeiten bei Schwester Maria Radigundis.

 

Mit welchem Gefühl gehen Sie jetzt auf Lesetour?

Ich lese gerne, wenn es auch seltsam ist, mit seinen Sätzen herumzureisen, und das in vielen Jahren, ganz allein, und im Stillen an einem einzigen Tisch von einem Einzigen erschriebene Leben in einer Stunde vor einem Publikum auszubreiten, als wäre es zum Spaß gewesen.

 

„Im Grunde ist alles nach Hause geschrieben“ heißt es in einer Ihrer Reden. Der von Ihnen besungene „Fleckviehgau“ und Rast, das Dorf Ihrer Kindheit und Jugend, kommen im neuen Buch nicht mehr vor? Ein Abschied von der Heimat?

Lesen Sie das „Achberg-Kapitel“. Da kann man alles zwischen den Zeilen lesen und auch in den Zeilen. Ich schreibe ja keine Sachbücher zum Heimat-Thema. Heimat gibt es. Heimat ist für mich, Sie werden lachen, das Gegenteil von deutsch und allem Deutschen, Nationalen. Und für mich als Sprachmenschen ist Heimat vor allem da, wo ich kein Hochdeutsch höre.

Heimat ist, so würde ich es heute sagen, da die Muttersprache fast verloren ist, immer weniger wird, in der Globalisationskelter verschwunden, wie ich sage, und das Gegenteil von allem Imperialen, binnen-kolonisatorischen Zugriff, auch dem Hochdeutschen, das die Heimatsprache, und die Heimatsprachen, erobert und kolonialisiert hat, vor allem über das Fernsehen sowie durch die mitlaufenden und mitschwimmenden Menschen und Kindergärtnerinnen, die Erzieherinnen, Lehrer und vor allem all die Eltern, die nicht wollen, dass ihr Kind den Anschluss verliert, Heimat ist, wenn sie ein schönes Schwäbisch-Alemannisch sprechen – immer von Johann Peter Hebel her gedacht, der in dieser Sprache einen einmaligen Beitrag zur Weltliteratur lieferte.

 

Sie haben mehrere Wohnsitze, in Berlin, in Sallahn und immer noch in Rast. Was bedeutet Ihnen das Dorf Ihrer Kindheit und Jugend?

Wenn es so ist, dann habe ich zwei Wohnsitze zu viel. Die Heimat gibt es nur einmal. Man sucht sich seine Heimat nicht aus. Und die habe ich doch nie verlassen, zum Glück auch nicht verlassen müssen, wie die Millionen von Flüchtlingen in aller Welt und aus aller Welt, die zu uns kommen, unter anderem auch deswegen, weil sie sonst von Waffen, die möglicherweise aus unserer schönen Region geliefert wurden, getötet worden wären.

Mein Heimatdorf heißt Rast, was für ein Name für einen, der allerdings schon seit über vierzig Jahren – nach fast 20 Jahren Tag für Tag in Rast – auf der Welt unterwegs ist, das war ich aber auch schon in Rast, keineswegs Provinz, sondern Welt, wie ich gar nicht genug sagen kann, denn auch Rast ist auf den Mittelpunkt der Erde gebaut, wie jeder andere Ort auch. Da lebe ich doch seit meiner Geburt, und auch noch im selben Haus aus dem 18. Jahrhundert, von meinen Vorfahren errichtet, eines der wenigen Häuser, die noch nicht abgerissen sind oder bis zur Unkenntlichkeit verschönert. Da habe ich doch auch große Teile von „Rauschzeit“ geschrieben.


Einen Abschied von der Heimat hat es nie gegeben?

Den wird es dann geben, wenn ich auf den Heimatfriedhof übersiedle. Vor zwei Jahren wurde ich 60, da wurde ich gefeiert, im „Löwen“, den ich Ihnen empfehle, und auch von der Gemeinde, der gute Bürgermeister Wolfgang Sigrist hat es veranlasst, in einer schönen Rede alle begrüßt, die Musikkapelle hat wunderbar gespielt, was auch die von weither gekommenen Gäste bemerkten. Und dann wurde auch noch getanzt: Mata Moana von der Insel Tonga, die Lebensgefährtin des Löwenwirts, die längst besser Rasterisch spricht als mancher vor Ort Geborene, tanzte mit ihren bestens im SÜDKURIER-Land eingelebten Tonganerinnen, und mir wurde eine Girlande aus Orchideen um den Hals gehängt, als wäre es auf Tonga gewesen.

Fragen: Siegmund Kopitzki


 

Zur Person

Arnold Stadler wurde 1954 in Meßkirch geboren. Er studierte katholische Theologie in München, Rom und Freiburg, anschließend Literaturwissenschaft in Freiburg, Bonn und Köln. Er lebt seit 2000 in Sallahn/Wendland und vom ersten Tag an in seinem Elternhaus in Rast bei Meßkirch. Einen Koffer hat er noch in Berlin. Stadler erhielt zahlreiche Literaturpreise, darunter den Büchner-Preis, 2014 nahm er den Bodensee-Literaturpreis entgegen. Zuletzt erschien der Band „New York machen wir das nächste Mal“. Ende der Woche kommt sein Roman „Rauschzeit“ (550 S., 26 Euro) heraus. (opi)