Es klingt so einfach – und doch könnte das Chaos vorprogrammiert sein. „Checken, ob die eigene Krankheit bereits zu einem Impftermin berechtigt – Impftermin buchen – dann Hausarzt oder Fachärztin wegen Ausstellung eines ärztlichen Zeugnisses kontaktieren.“

Es sind die Worte von Norbert Metke, Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW), darüber, wie die nächste Gruppe, die ab sofort einen Anspruch auf Impfungen hat, zu ihren Terminen kommen soll.

Droht die Überlastung der Praxen?

In der Praxis könnte das bei den Hausarztpraxen aber zu einer massiven Überlastung führen. Immerhin gibt das Sozialministerium an, mit mehr als einer Million Impfberechtigter in dieser Gruppe zu rechnen. Drohen die Hausarztpraxen am Montag also überrannt zu werden?

Denn zunächst steht für die neue Gruppe der Impfberechtigten nur der Astrazeneca-Impfstoff zur Verfügung. Bis Mitte März sollen zwar 450.000 Dosen geliefert werden. Es könnten damit aber nur weniger als die Hälfte der Impfberechtigten mit einer Dosis geimpft werden, weniger als ein Viertel, wenn man die zweite Dosis einkalkuliert.

Impfberechtigte der nächsten Gruppe dürfen zum Hörer greifen oder ihr Glück online versuchen. Menschen mit Vorerkrankungen gehören dazu, aber auch Lehrer, Erzieher und Polizisten.
Impfberechtigte der nächsten Gruppe dürfen zum Hörer greifen oder ihr Glück online versuchen. Menschen mit Vorerkrankungen gehören dazu, aber auch Lehrer, Erzieher und Polizisten. | Bild: Patrick Pleul/dpa

Denn impfberechtigt sind ab sofort Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen wie chronischen Leber- oder Lungenleiden, Diabetes, Trisomie 21, sowie psychischen Erkrankungen und geistigen Behinderungen. Auch Empfänger von Transplantationsorganen gehören zu der Liste. Dazu kommen enge Angehörige von Pflegebedürftigen und Schwangeren. Die Impfberechtigung ergibt sich aus den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission. Eine ausführliche Liste der Berechtigten finden Sie hier.

Eine Million Atteste?

Umso heißer dürften die Leitungen für einen Termin beim Hausarzt laufen. Das sieht man bei der Kassenärztlichen Vereinigung anders: Zwar seien die Ärzte erst am heutigen Freitag darüber informiert worden, dass sie ab Montag reihenweise Atteste ausstellen sollen, sagt KVBW-Sprecherin Fwantje Middeldorff. Auch gebe es keine Vordrucke, die diese Arbeit erleichterten. Dennoch rechnet man bei der Vereinigung nicht mit dem ganz großen Ansturm auf Atteste für Impftermine.

„Es ist unwahrscheinlich, dass sich alle Impfberechtigten gleich am Montag um einen Termin bemühen werden“, sagt die Sprecherin und verweist auf schon derzeit Impfberechtigte, die noch zögerten, sich impfen zu lassen.

Zudem könne das Attest „formlos auf dem grünem Rezeptblock passieren“. Auch müsse dort nicht angegeben werden, woran der Patient leidet. Lediglich, dass er nach den Vorgaben berechtigt ist, eine Impfung zu erhalten. Es muss also niemand fürchten, dass er sich mit seiner Vorerkrankung offenbaren muss.

Es soll außerdem möglich sein, dass Patienten, die bereits zuvor in der Praxis waren, auch telefonisch ein Attest anfragen und per Post erhalten können, ein persönlicher Termin beim Arzt also entfiele.

Patienten sollen sich vorab informieren

Doch sie sagt auch: „Sie haben Recht, wenn am Montag eine Million Menschen in die Praxen kommen, würde das System zusammenbrechen.“ Deshalb wiesen Ministerium und Kassenärztliche Vereinigung ausdrücklich darauf, dass Patienten sich erst telefonisch informieren sollten, wie ihre Praxis mit den Attesten für die Impfung umgeht. Und: Betroffene sollten sich erst einen Impftermin besorgen, dann das Attest.

Dennoch sei die Lösung bei den Ärzten „nicht gerade auf Begeisterung gestoßen“, gesteht Middeldorff. Ziel sei es ohnehin, die Impfungen bald in den Praxen selbst zu ermöglichen. Die Sprecherin gibt an, dass derzeit Überlegungen mit Apotheken und Logistik angestellt würden, „wie man das möglich machen kann“.

Die Impfstoffknappheit bleibt, aber neue Termine soll es geben. Bis Mitte März erwartet das Land 450.000 Dosen von Astrazeneca. Gleichzeitig sind mehr als eine Million Menschen nach Schätzungen des Sozialministeriums impfberechtigt.
Die Impfstoffknappheit bleibt, aber neue Termine soll es geben. Bis Mitte März erwartet das Land 450.000 Dosen von Astrazeneca. Gleichzeitig sind mehr als eine Million Menschen nach Schätzungen des Sozialministeriums impfberechtigt. | Bild: Felix Kästle/dpa

Kontaktpersonen dürfen sich impfen lassen

Schwangere und Pflegebedürftige über 70 Jahre dürfen je zwei Kontaktpersonen bestimmen, die sich impfen lassen dürfen. Dies muss schriftlich festgehalten sein. Allerdings müssen die Kontaktpersonen neben dem Schreiben, dass die Schwangere sie als Kontaktperson zur Impfung berechtigt, auch einen Nachweis über die Schwangerschaft mitführen. Das heißt: Auch Schwangere werden ihren Gynäkologen bitten müssen, ein Attest auszustellen.

Bei den Pflegebedürftigen muss ein entsprechender Nachweis „einer sie vertretenden Person“ – im Zweifel also der pflegenden Person selbst – sowie ein Nachweis über das Alter des Pflegebedürftigen sowie ein ärztliches Zeugnis über dessen Erkrankung. Welcher Pflegegrad dafür nötig ist, ließ das Sozialministerium offen.

Schließlich heißt es: Man warte auf den Beschluss der Gesundheitsministerkonferenz – denn hier habe der Bund versäumt, klare Vorgaben zu machen, welcher Pflegegrad hier nötig sei. Kurzum: Aktuell ist unklar, welche Pflegebedürftigen Anspruch darauf haben, ihre Kontaktpersonen impfen zu lassen.

Klar ist: In beiden Fällen müssen die Betroffenen demnach exponieren, was sie zur Impfung berechtigt, die Patienten der Vorerkrankung hingegen nicht zwingend.

Lehrer und Erzieher Ja, Busfahrer Nein

Hinzu kommen aber auch Lehrer, Erzieher und Betreuer, die sich ebenfalls impfen lassen dürfen. Sie brauchen zwar kein Attest, nur eine Bestätigung des Arbeitgebers. Doch allein die Lehrer in Baden-Württemberg zählen über 113.000 Menschen, bei den Kindertagesstätten kommen noch einmal gut über 100.000 hinzu, legt man die Daten des Statistischen Landesamts zugrunde.

Nicht berücksichtigt werden dagegen Mitarbeiter im öffentlichen Verkehr wie Busfahrer, die täglich stark exponiert sind. Auf Nachfrage heißt es dazu aus dem Sozialministerium: Man halte sich an die Vorgaben der Ständigen Impfkommission.

Dafür dürfen Polizisten, die einem „besonders hohen Risiko“ ausgesetzt sind, zur Impfung. Auf Nachfrage, welche Polizisten dem nicht ausgesetzt sind, sagt ein Sprecher des Sozialministeriums: „Polizeibeamte zum Beispiel im Innendienst sind keinem hohen Infektionsrisiko ausgesetzt.“ Insgesamt gibt es 34.000 Beschäftigte bei der Landespolizei – ihre Impfung will das Land aber zentral organisieren.

Hält die Hotline den Ansturm aus?

Das Problem dürfte ohnehin eher bei der Erreichbarkeit der Hotline beziehungsweise Buchbarkeit von Onlineterminen liegen. Sozialminister Manfred Lucha warnt schon einmal prophylaktisch: „Bitte haben Sie etwas Geduld, wenn Sie nicht unmittelbar buchen können oder im Callcenter durchkommen. Probieren Sie es dann in den kommenden Tagen noch einmal.“