Es ist der 29. Dezember 2020, Dienstag 17:35 Uhr. Ich stehe vor der Liederhalle in Stuttgart und ziehe meine Maske an. Den Impftermin habe ich in den frühen Morgenstunden des 27. Dezember in meiner Pause im Nachtdienst online vereinbart, wenige Stunden nachdem die Terminvergabe für Personen der „Stufe 1: höchste Priorität“ freigeschaltet worden war. Denn ich gehöre zu ihnen. Zu den am meisten gefährdeten, wie beispielsweise den über 80-Jährigen. Nicht aufgrund meines Alters – ich bin erst 23 -, sondern weil ich als Gesundheits- und Krankenpflegerin auf einer Covid-Isolierstation enorm eng mit Erkrankten arbeite.

Der Eingangsbereich im Stuttgarter Impfzentrum in der Liederhalle.
Der Eingangsbereich im Stuttgarter Impfzentrum in der Liederhalle. | Bild: Josephine Olheide

Die Schlange zur Anmeldung in Stuttgart ist nicht lang und alles wirkt routiniert, obwohl das Impfen erst vor ein paar Tagen begonnen hat. Vor mir und hinter mir stehen ausschließlich Menschen im höheren Lebensalter an. Teils mit einer Begleitperson, teils alleine. Keiner der hier Anwesenden ist in seinen 20ern – außer mir. Die Impfbereitschaft der Älteren und Ältesten bewegt mich. Die Fahrt von Singen nach Stuttgart habe ich auf mich genommen, weil unser Kreisimpfzentrum in Singen wohl erst ab Mitte Januar mit dem Impfen beginnen wird. Die Auslieferungen der ersten 10.000 Impfdosen im Land gingen an die Zentralimpfzentren.

Josephine Olheide in Schutzausrüstung auf der Covid-Isolierstation. Im Frühjahr 2020 hatte sie während ihrer Ausbildung auf der Intensivstation bereits Patienten mit sehr schweren Covid-19-Krankheitsverläufen mitbetreut.
Josephine Olheide in Schutzausrüstung auf der Covid-Isolierstation. Im Frühjahr 2020 hatte sie während ihrer Ausbildung auf der Intensivstation bereits Patienten mit sehr schweren Covid-19-Krankheitsverläufen mitbetreut. | Bild: Josephine Olheide

Warum ich mich zur Impfung entschlossen habe? Mir war es wichtig, mich und die Menschen in meiner unmittelbaren Umgebung zu schützen und selbst nicht zu erkranken. Ich möchte eine Quarantäne vermeiden, um weiter für die schwerer Erkrankten da zu sein. Von meinem Umfeld wurden mir viele Fragen gestellt.

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Ich hatte und habe keine Angst vor der Impfung

Einige Menschen sind sich unsicher, wollen abwarten, sich vielleicht später impfen lassen, „oder vielleicht auch gar nicht, mal sehen.“ Oft höre ich: „Gehst du da nicht sehr naiv ran, dir jetzt gleich am Anfang irgendwas spritzen lassen?“, „Was, wenn sich deine DNA verändert und/oder du keine Kinder mehr bekommen kannst?“ Ob mir das Angst macht? Nein. Ich hatte und habe zu keiner Zeit Angst oder Unsicherheiten verspürt. Knapp ein Jahr lang haben sich Wissenschaftler der ganzen Welt mit Unmengen an finanziellen Mitteln um einen Weg aus der Pandemie bemüht. Um eine Zulassung zu bekommen, wird ein Impfstoff genau geprüft, auch das Verfahren der mRNA ist nicht erst seit gestern in der Forschung. Noch aus dem Biologieunterricht weiß ich, dass mRNA das Erbgut nicht verändert, sondern bloß eine Boten-Aufgabe zur Herstellung eines Proteins darstellt. Der Körper baut sich seine Antikörper selbst.

Vor der Impfung heißt es erst einmal warten. Jedoch kürzer als gedacht.
Vor der Impfung heißt es erst einmal warten. Jedoch kürzer als gedacht. | Bild: Josephine Olheide

„Schön, dass Sie da sind“: Innerhalb von 20 Minuten, kaum Wartezeiten an der Anmeldung, Kontrolle des Anamnese- und Aufklärungsbogens und vielen freundlichen Gesichtern hinter den Masken, sitze ich nun im Impfabteil „Stuttgart 1“. Die Wege sind nicht weit. Ein ausführliches Aufklärungsgespräch mit einem weiteren Arzt ist optional.

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Ich habe darauf verzichtet, weil ich mich gut informiert und aufgeklärt fühle, lasse den Platz lieber für weniger sichere Impfkandidaten mit ungeklärten Fragen frei. Es erfolgt nochmal die Aufklärung über mögliche Beschwerden nach einer Impfung: eine leichte Schwellung, Rötung und Überwärmung im Bereich der Einstichstelle, muskelkater-artige Schmerzen am Impfarm, eventuell eine leichte Abgeschlagenheit am nächsten Tag. Das alles sind Zeichen dafür, dass der Körper auf die ihm zugeführte Substanz reagiert und mit ihr arbeitet.

Da ist er: Der Eintrag im Impfpass.
Da ist er: Der Eintrag im Impfpass. | Bild: Josephine Olheide

Ein letztes Mal wird mir die Frage gestellt, ob ich mich körperlich gut für die Impfung fühle. Ja, definitiv. „Tief einatmen“, rät mir die Ärztin. Dann der kurze Pieks. Der Impfstoff gelangt in den Muskel meines linken Oberarms. Er ist überhaupt nicht kalt. Denn obwohl er bei minus 70 Grad Celsius gelagert werden muss, hat er Zimmertemperatur, wenn er appliziert wird. Und schon ist es geschafft. Ich erhalte ein Pflaster, darf meine Jacke wieder anziehen und weil ich mich wohl fühle, darf ich gleich weiter Richtung Ausgang gehen. Zur Nachbeobachtung bleibt, wer sich unwohl fühlt oder allgemein etwas gebrechlicher ist. Der Termin für die zweite Impfung wird an der Abmeldung bestätigt. Wir sehen uns also in drei Wochen wieder – ich freue mich schon.

Ich will niemanden zur Impfung überreden

Wenn ich mit der Impfung auch nur eine weitere Infektion, die eventuell einen schweren oder tödlichen Verlauf genommen hätte, verhindern kann, dann war der ganze Aufwand nicht umsonst. Ich will niemanden überreden, sich impfen zu lassen, das steht mir nicht zu. Aber ich wünsche mir mehr Akzeptanz. Ich bin mir meiner Entscheidung mit allen Risiken bewusst und ich akzeptiere jeden, der eine andere Meinung dazu hat.