Herr Helbig, ist dieses Schuljahr überhaupt zu retten?

Da müsste man erstmal klären, was man mit retten meint. Nein, die Akteure müssen sich, was dieses Schuljahr angeht, ehrlich machen. Momentan könnte man den Eindruck bekommen, man hätte es mit einem relativ normalen Schuljahr zu tun. Implizit ist der Schulstoff, der in einem normalen Schuljahr erreicht werden sollte, aktuell der Maßstab, der gesetzt wird. Wenn ich nur darüber rede, mit Nachhilfe die Lücken zu schließen, die bei einigen angefallen sind, dann gehe ich davon aus, dass der Rest gut durchgekommen ist. Das ist die falsche Grundprämisse. Eigentlich müsste man sagen: Wir haben große Lernrückstände bei vielen Kindern, wir haben große soziale, migrationsspezifische Ungleichheiten. Wenn wir das akzeptieren würden, dann würde über die Folgen ganz anders nachgedacht werden.

Marcel Helbig, Sozialforscher
Marcel Helbig, Sozialforscher | Bild: Bernhard Ludewig, dpa

Beim Stoff heißt es: Es wurde auf ein Kerncurriculum reduziert. Aber das ist im Grunde doch der Stoff, der vermittelt werden muss.

Wenn ich zum Beispiel schaue, was Grundschüler im Bereich Lesen, Mathematik und Sachkunde lernen, dann ist da alles Kerncurriculum. Man kann schlecht sagen: Schriftliche Division – das lassen wir jetzt mal bleiben. Wenn man überhaupt mit dem Kerncurriculum argumentiert, fragt man sich doch im Endeffekt: Warum gibt es überhaupt die anderen Fächer und Inhalte? Entweder sind Dinge immer wichtig für die Bildung eines Kindes und dann muss man sich auch die Zeit nehmen alles zu behandeln, oder sie sind nie wichtig.

Was den Lernstand der Schüler angeht, weiß man relativ wenig. In Baden-Württemberg wurde zuletzt der erste Lockdown, also vor einem Jahr, analysiert. Das IBBW hat die Lernstandserhebung 5 mit den Ergebnissen des Vorjahres verglichen. Was kann man daraus für heute für Schlüsse ziehen?

Ich kenne die Studie. Interessanterweise ist sie nie richtig publik gemacht worden. Erschienen ist sie auf einem internationalen Preprint-Server. Das Kultusministerium hat meines Wissens nie thematisiert, dass es diese Daten überhaupt gibt. Das ist schon befremdlich. Sowohl Bildungsforscher als auch Bildungspolitik haben ja danach getrachtet zu erfahren, wie schlimm es eigentlich um die Lernrückstände bestellt ist. Bundesweit wurden ohnehin nur wenige Daten nach dem ersten Lockdown erhoben. Das man dann die vorhandenen Daten nicht adäquat öffentlich bekannt macht, hinterlässt schon die Frage, ob man es überhaupt so genau wissen will?

Was nehmen Sie denn aus der IBBW-Studie mit?

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass es bei den getesteten 80 000 Fünftklässlern zu messbaren Lernlücken in den Bereichen Mathe und Deutsch kam. Während der zweimonatigen Schulschließungen kam es demnach zu Kompetenzverlusten von einem Monat. Überraschenderweise unterscheiden sich die Ergebnisse nicht substantiell nach dem Anteil von Schülern mit Migrationsgeschichte oder dem durchschnittlichen „sozio-kulturellen Kapital“ einer Schule. Überträgt man diese Ergebnisse auf die gesamte Zeit der Schulschließungen, dann könnte das Lernrückstände in Mathe und Deutsch im Umfang von 3 bis 4 Monate bedeuten. Die Rückstände in den nicht Kernfächern könnte ungleich höher sein.

Solche Tests können nur im großen Stil durchgeführt werden, nehme ich an.

Ja, das Problem ist ja, dass Sie das vergleichen müssen mit vorangegangenen Jahren. Das können zum einen Landesinstitute wie das IBBW und zum andern Institute wie das IQB in Berlin, das eigentlich schon im vergangenen Frühjahr bundesweite Kompetenzvergleiche durchführen wollte. Diese Testungen mussten wegen Corona verschoben werden und können auch aktuell wegen der Schulschließungen an vielen Orten nicht durchgeführt werden. Aber auch die Lehrer haben aktuell andere Dinge im Kopf, als Bildungsforscher bei der Datensammlung zu unterstützen.

Die müssen ja aktuell noch Klassenarbeiten schreiben, um Noten machen zu können.

Gerade das halte ich in seiner Sinnhaftigkeit für fraglich. Mal abgesehen von den Abschlussjahrgängen oder dem Übergang auf die weiterführende Schule: Es ist doch total egal, ob ich in der sechsten, siebten, achten Klasse nun Noten vergebe. Der einzige Grund, der sich mir erschließen würde, wäre herauszufinden: Was können meine Kinder eigentlich – im Vergleich zu den Jahrgängen davor? Das geht aber auch ohne dafür Noten zu vergeben.

Warum zieht man das trotzdem durch?

Wie in jedem sozialen System orientiert man sich auch in der Schule an den Dingen, die man kennt und immer schon so gemacht hat. Wenn dann jemand kommt und sagt: Lass uns das Schuljahr verlängern um den Schülern mehr Zeit zu geben, dann ist das ein tiefer Einschnitt in dieses System.

Genau das haben Sie im Frühjahr gewagt. Was schwebte Ihnen genau vor, als sie vorschlugen, das Schuljahr bis Weihnachten auszudehnen?

Wir reden jetzt eigentlich schon drei Monate zu spät darüber. Darüber hätte man sich im Februar Gedanken machen müssen – dann hätte man Schulgesetze anpassen, Rechtsverordnungen ändern, den Schulstart ein halbes Jahr nach hinten schieben können. Aus der heutigen Perspektive ist das mittlerweile Quatsch. Der Gedanke, der dem zugrundelag, ist zu sagen: Leute, wir haben kein normales Schuljahr gehabt, die Kinder haben Lernrückstände – nicht nur die aus den sozialen Brennpunkten, sondern alle. Und jetzt brauchen die Kinder mehr Zeit! Mecklenburg-Vorpommern will in den ersten vier Wochen nach den Sommerferien den Stoff aus dem laufenden Schuljahr nachholen und festigen. Vier Wochen halte ich für zu kurz. Aber es geht in die richtige Richtung. Eigentlich müsste man schauen, wieviel Zeit nötig ist und sich diese nehmen. Dann gäbe es mittel- und langfristig zwei Möglichkeiten: Entweder man entschlackt den Stoff und lässt bestimmte Inhalte weg, oder man verlängert die Schule nach hintenraus – dann wird der Abschluss eben nicht im Mai erworben, sondern kurz nach Weihnachten.

Das sagen Lehrer, Schüler und Verbände

Das große Argument dagegen ist doch: Wir haben weder die Lehrer noch die Klassenräume, um einen ganzen Jahrgang mehr an den Schulen zu haben.

Ja, das wäre aber eher als mittel- und langfristiges Projekt zu sehen und hätte den großen Vorteil, dass man die neuen Lehrer nicht sofort braucht – denn die sind ja aktuell nicht da, die kann man sich ja nicht backen. Wenn ich hintenraus verlängere, hab ich etwas mehr Zeit, die nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen.

Wie werden sich Bildungslücken langfristig auswirken?

Das ist schwierig vorherzusagen. Ein Münchner Bildungsökonom hat dazu eine Überblicksstudie veröffentlicht. Er bezieht sich darin vor allem auf internationale Studien, die untersuchen wie sich Schulausfall während Lehrerstreiks ausgewirkt hat. Und die kommen zum Schluss, dass sich das noch nach Jahren auswirkt, und dass die Gruppe mit dem Schulausfall über ihr ganzes Berufsleben hinweg Einkommenseinbußen hat. Das heißt: Irgendwas bleibt da hängen. Was genau, das zeigen die Studien nicht.

Gibt es auch eine beruhigende Nachricht für Eltern, die sich nun Sorgen machen um ihre Kinder?

Puh! Ich glaube, dass diejenigen, die sich die meisten Sorgen machen und am lautesten schreien, sich am wenigsten Sorgen machen müssten. Da schließe ich mich mit ein. Auch wenn ich die Beschulung meines eigenen Kindes alles andere als optimal empfinde, dann sind die Lernrückstände doch relativ niedrig und mit Hilfe der Eltern auszugleichen. Wer mir Sorgen macht, sind die, die nicht laut sind – die sich nicht zu Wort melden.