Die Orgel ist nach den Worten des Landesmusikrats das „Instrument des Jahres“ 2021. Sie löst damit die Geige ab, die den schmückenden Titel im vergangenen Jahr führte. Das Prädikat lenkt den Blick auf eines der ältesten Instrumente der Musikwelt: Orgeln werden seit der Antike gebaut, damals wurden sie im römischen Zirkus eingesetzt – freilich als dröhnende U-Musik. Die Orgeln, die im süddeutschen Raum in den Kirchen stehen, gar nicht so alt. Die breite Masse stammt aus dem 20 Jahrhundert.

Einige wenige Instrumente sind barocken Ursprungs wie zum Beispiel die berühmte Gabler-Orgel in Weingarten. Um ein Werkstück zu finden, das vor 1700 gebaut wurde, muss man schon lange suchen – bis man am Rand der Stadt Stockach fündig wird. Hoch über dem Straßenrand steht eine derartige Rarität aus dem Jahr 1661. Noch bemerkenswerter: Dank beispielhafter Pflege ist die Orgel in der Loretokapelle auch voll spielbar.

Die Orgel wurde immer wieder auf Reisen geschickt

Das Alter von 360 Jahren sieht man diesem Exemplar kaum an. Laut Orgelinspektor Georg Koch ist sie die älteste Orgel in Baden, die voll funktionstüchtig ist. Erst stand sie in der Dorfkirche von Orsingen, dann kam sie in die Stockacher Stadtkirche St. Oswald, endlich an den heutigen Standort. Bei gerade einmal fünf Registern (also Klangfarben) spricht man von einem kleinen Instrument. Doch ist jedes Register so kräftig, dass die geräumige Loreto-Wallfahrtskirche ohne Probleme mit sattem Klang gefüllt wird.

Kerniges Detail: Mit diesen Holzschiebern wurden die Register eingeschaltet.
Kerniges Detail: Mit diesen Holzschiebern wurden die Register eingeschaltet. | Bild: Fricker, Ulrich

Lange Zeit war die Orgel vergessen und ihre Bedeutung verkannt. Sie wurde für Maiandachten genutzt, die bis heute in der Kapelle abgehalten wurden. Dass es sich um ein qualitätsvolles Stück aus der Werkstatt des Radolfzeller Orgelbauers Johann Christoph Pfleger handelt, war wohl niemandem bewusst.

Zu unscheinbar sah das schwerfällig wirkende Instrument aus. Die Pfeifen steckten hinter einer Abdeckung, die Orgel wirkte mehr wie eine Kommode als wie die “Königin der Instrumente.“

Studenten spürten das Instrument auf

Das änderte sich, als in den frühen 60er Jahren eine Schar von Studenten durch das Hinterland des Bodensees streifte. Sie besichtigten die Kapelle und entdeckten die Orgel. So berichtet es Zeno Bianchini, der Organist der Stockacher Stadtkirche und Kurator der Kostbarkeit. Seit der Wiederentdeckung durch die Musikstudenten ist die Pfleger-Orgel ein Teil der Kulturlandschaft, erzählt er. Sie wird für kleine Konzerte bespielt oder für Hochzeiten und gelegentliche Gottesdienste genutzt. „Die Leute staunen immer wieder, dass sie so kräftig tönt“, berichtet Bianchini.

Alte Technik: Die Tasten sind nach oben lose, sie sind nur hinten fixiert. Moderne Tasten sind fest verbunden.
Alte Technik: Die Tasten sind nach oben lose, sie sind nur hinten fixiert. Moderne Tasten sind fest verbunden. | Bild: Fricker, Ulrich

Der aus Verona stammende Musiker findet hier ein Instrument seines Herzens wieder: Er hat sich auf Alte Musik spezialisiert – jene Stücke also, die aus der Zeit der Pfleger-Orgel stammen. Kompositionen und Material kommen aus derselben Epoche. Im Einzelnen sind es Namen wie Girolamo Frescobaldi, Jacob Froberger, Johann Pachelbel. Sie wirkten etwa eine Generation vor Johann Sebastian Bach, dem wohl bekanntesten Komponisten des Zeitalters des Barock.

Ein Werk im italienischen Stil

Bachs Kompositionen wären auf den zierlichen Holztasten nur unvollständig spielbar. Das Werk in der Loretokapelle verfügt nämlich über kein Pedal, wie es Bachs Musik zwingend voraussetzt. “Das ist eine Orgel im italienischen Stil, die hatten alle kein Pedal“, weiß Bianchini, der auf der niedrigen Empore auch schon eine CD eingespielt hat.

Nur eine Neuerung hat das Instrument in neuerer Zeit erfahren: Bei der jüngsten Restaurierung vor zehn Jahren erhielt es einen elektrischen Blasebalg. Die Luft muss also nicht mehr durch physische Kraft in den Balg gepumpt werden. Sonst ist alles beim Alten geblieben bei der ältesten Orgel Badens, die noch voll spielbar ist.