Warum machen uns Spinnen so bange?

Furcht und Abscheu vor kleinen, schnellen, haarigen Objekten haben eine lange Tradition. Instinktiv schrecken wir zurück, wie unsere nächsten Verwandten, die Menschenaffen.

Auf einem Handrücken ist am Dienstag (20.11.2007) im Senckenberg-Museum in Frankfurt am Main eine Große Winkelspinne zu sehen. Die Arachnologische Gesellschaft hat die Winkelspinne (Tegenaria atrica) zur „Spinne des Jahres 2008“ gekürt. Foto: Uwe Anspach dpa/lhe +++(c) dpa – Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
Eine Große Winkelspinne. | Bild: Uwe Anspach

Aber was tun gegen Spinnenangst?

Zunächst, sich über diese faszinierenden Krabbeltiere zu informieren. Eine Kreuzspinne unter der Lupe, eine Vogelspinne auf dem Arm – das sind wirksame Gegenmittel. Ich selbst habe in Schulen Versuche gemacht und Schülern eine Vogelspinne auf die Hand gesetzt, dabei war die Faszination oft stärker als die Angst. Was mich überraschte: Jungen zeigten mehr Scheu als die Mädchen.

Forscher befürchten, in den nächsten Jahrzehnten könnten weltweit 40 Prozent aller Insektenarten aussterben. Wie geht es den Spinnen?

Ich kenne keine Langzeitstudien, halte es aber für wahrscheinlich, dass sie in ähnlicher Weise betroffen sind wie die Insekten. Die Zahl der Individuen und der Arten dürfte stark abgenommen haben, zumindest in Mitteleuropa. Das wäre auch nachvollziehbar, schließlich ernähren sich fast alle Spinnen ausschließlich von Insekten.

Die Kreuzspinne kann Menschen beißen, ihr Gift entspricht dem einer Wespe. Rechts: Grosse Hauswinkelspinne: Ihr Biss kann kurzzeitig Hautrötungen verursachen. Bilder: dpa
Die Kreuzspinne kann Menschen beißen, ihr Gift entspricht dem einer Wespe. Rechts: Grosse Hauswinkelspinne: Ihr Biss kann kurzzeitig Hautrötungen verursachen. Bilder: dpa | Bild: DPA

Die Webspinnen sind die größte Ordnung der Spinnentiere, weltweit kennt man 50 000 Arten. Welche Bedeutung haben sie für den Menschen?

Erstens: Sie tun uns nichts. Fast alle besitzen Giftdrüsen, aber in Deutschland gibt es keine Art, die uns umbringen könnte. Weniger als 20 Arten sind gefährlich, und die leben fast alle in den Tropen. Zweitens: Webspinnen sind nützlich. Als Erbeuter vieler Insekten, unter anderem von Stechmücken in Gebäuden – denken wir an die allgegenwärtige Zitterspinne – kommt ihnen eine große ökologische Bedeutung zu.

Die Produktion, Zusammensetzung und Verwendung der Spinnfäden verblüfft selbst Ingenieure.

Gleichwertige Spinnenseide künstlich zu erzeugen, will nicht recht gelingen. Die Evolution hat den Effekt von Fangnetzen auf raffinierte Weise verbessert: mit Klebetröpfchen und mit Fangfäden. Die Radnetzspinnen versehen ihre Spinnfäden mit klebrigem Sekret, das es Beutetieren schwer macht, sich zu befreien. Oft lähmen sie ihr Opfer mit einem Giftbiss, umwickeln es mit Seide und machen ein wehrloses Fresspaket daraus. Anders jene Arten mit Spinnsieb (Cribellum): Ihre Spinndrüsen produzieren Fäden, die mit feinster Fangwolle umhüllt sind, die ähnlich gut haftet wie Klebetröpfchen.

Welche Innovationen gab es im Reich der Sinne?

Zum Beispiel Sinneshärchen an den Beinen, mit denen viele Spinnen riechen können. Oder die exzellenten Augen der Springspinnen, die Farben unterscheiden, ultraviolettes Licht wahrnehmen, ihre Netzhaut verschieben und dank ihres räumlichen Sehvermögens Beutetiere gezielt anspringen können.

Zurück in die Zukunft. Welche Folgen hätte es, wenn Spinnen drastisch schwinden?

Das lässt sich noch nicht abschätzen. Ich fürchte, dass in der Landwirtschaft noch mehr Insektengifte eingesetzt würden, mit schweren mittel- und langfristigen Folgen für Mensch und Umwelt.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Weniger Einsatz von Insektiziden, damit die Spinnen weniger begiftete Insekten fressen. Neonicotinoide stören ihre Lebensräume derart, dass sie sich nicht mehr ansiedeln. Wir brauchen auch mehr Geld, um die Vielfalt und Bedeutung der Spinnen genauer erforschen zu können – etwa in Naturschutzgebieten wie der Pfaueninsel im Berliner Wannsee, wo ich mehr als ein Drittel aller deutschen Spinnenarten nachgewiesen habe.

Fragen: Wolfgang Bäumer