Eine Szene aus einer Wochenschau vor 60 Jahren: Ein erwartungsvolles Schmunzeln liegt auf den Gesichtern von Helmut Breuninger, seiner Frau Mathilde und ihrem 13 Jahre alten Sohn Karl, als sie nach zwölf Jahren in ihre Heimat zurückkehren. Einen freudigen Eindruck macht auch der kleine Clemens Pingel, als er das Begrüßungsgeld in seinen Händen hält. Auch er ist in Russland auf die Welt gekommen.

Ihre Väter gehören zu jenen deutschen Spezialisten, die nach dem Zweiten Weltkrieg zur Arbeit in der Sowjetunion zwangsverpflichtet wurden. Helmut Breuninger hatte bei den Askania-Werken in Berlin-Friedenau Autopiloten für Flugzeuge entwickelt, Heinrich Pingel war Feinmechaniker. Zwischen 3000 und 5000 Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker waren es, die mit ihren Familien gen Osten geschickt wurden. Die Familien Breuninger und Pingel gehören zu den letzten, die 1958 – 13 Jahre nach Kriegsende – nach Deutschland heimkehren durften.

Den Tag der Abfahrt am 22. Oktober 1946 schildert Helmut Breuninger in seinen Aufzeichnungen so: Früh morgens klopfte es an der Tür, davor zwei russische Offiziere und ein einfacher Soldat. Dann wurde Breuninger eröffnet: „Auf Befehl der sowjetischen Militäradministration müssen Sie fünf Jahre in Ihrem Fach in der Sowjetunion arbeiten. Sie werden Ihre Frau und Ihr Kind mitnehmen. Sie können von Ihren Sachen so viel mitnehmen, wie Sie wollen. Packen Sie!“ So oder so ähnlich lief es bei allen Spezialisten ab, die Teil der „Aktion Ossawakim“ waren, einer Geheimoperation, die sich auf die gesamte sowjetische Besatzungszone erstreckte.

Die Rakete V2 auf einem Abschussgestell 1944. Ingenieure, die an ihrer Entwicklung beteiligt waren, wurden später von Amerikanern und Russen eingesammelt.
Die Rakete V2 auf einem Abschussgestell 1944. Ingenieure, die an ihrer Entwicklung beteiligt waren, wurden später von Amerikanern und Russen eingesammelt. | Bild: AFP

Helmut Breuninger war wie viele, die in der Rüstungsindustrie gearbeitet hatten, nach dem verlorenen Krieg arbeitslos geworden. Das Angebot von Askania kam wie gerufen. Askania war eine der Firmen, bei denen die wissensdurstigen Russen den Betrieb angekurbelt hatten. Man wollte deutsche Kenntnisse abschöpfen, vor allem in der Raketentechnik und im Flugzeugbau.

Als es am 22. Oktober 1946 losging, war alles vorbereitet. Soldaten standen bereit, Kisten und Möbel wurden auf Lkw geladen, die zum Bahnhof fuhren. Der Zug setzte sich am nächsten Morgen in Bewegung. Es war eine Fahrt ins Ungewisse. Zum Abschied hatte der Vater von Helmut Breuninger gesagt: „Jetzt bist du für immer weg.“ Davon erzählt Breuninger nicht selbst. Er ist vor neun Jahren gestorben. Sein heute 73 Jahre alter Sohn Karl, der die Geschichte gern lebendig hält, erzählt es für den Vater.

Nach zwölf Tagen stoppte der Zug in Kujbyschew, das heutige Samara an der Wolga. Hier lag das neue Zuhause für 700 Spezialisten mit ihren Familien. In ihrer Siedlung gab es Steinhäuser, Holzhütten und „Finnenhäuser“, eine Reparationsleistung des Kriegsgegners von 1939/40. „Die Wohnungen wurden nach Hierarchie vergeben, die Sowjetunion war kein klassenloser Staat“, sagt Karl Breuninger. Als Akademiker bekam Breuninger mit seiner Familie ein Zimmer in einem Steinhaus zugeteilt, Küche und Toilette mussten sie mit anderen teilen. Familie Pingel kam in einem Holzhaus unter.

An sechs Tagen in der Woche arbeiteten die früheren Askania-Angestellten an Navigationstechnik für Flugzeuge und Raketen. Ihre Frauen hatten den Alltag zu bestreiten. „Die Deutschen wurden besser bezahlt als die Russen und konnten sich auf dem Markt viel leisten“, erzählt Karl Breuninger. Die Löhne rangierten von 1250 bis 7000 Rubel. Helmut Breuninger bekam 4000 Rubel und konnte davon etwas sparen. Heinrich Pingel erhielt weniger. „Es ist alles fürs alltägliche Leben draufgegangen“, sagt sein Sohn Clemens, der heute 69 Jahre alt ist. Bald richteten die Deutschen eine Sozialkasse ein, um arme Familien zu unterstützen.

In diesen Holzhäusern lebten die deutschen Techniker-Familien in der Siedlung Tuschino bei Moskau.
In diesen Holzhäusern lebten die deutschen Techniker-Familien in der Siedlung Tuschino bei Moskau. | Bild: Archiv Breuninger

Man versuchte sich möglichst angenehm einzurichten in diesem Leben. Im Sommer wurde Tennis gespielt, im Winter Ski und Schlittschuh gelaufen. Man führte Theaterstücke auf, sang und musizierte, sonntags hielt jemand eine Predigt. „Die Russen haben die Deutschen unterstützt, damit sie gut arbeiten“, sagt Karl Breuninger. Für viele war es ein goldener Käfig. „Es ging den Leuten gut, bis auf die Ungewissheit.“ Und die nagte schon sehr an ihnen. Einzelne trieb sie in den Selbstmord.

Es kam öfter vor, dass Deutsche von Russen als Faschisten beschimpft wurden, unter den Kindern gab es Raufereien. Trotzdem entstanden Freundschaften. „Russen haben unsere Eltern gefragt: Seid ihr Nazis? Und wenn die Antwort nein lautete, wurde Wodka getrunken“, erzählt Clemens Pingel. „Wir haben keinen Hass erlebt, eigentlich erstaunlich.“ An ihre Kindheit denken Clemens Pingel und Karl Breuninger gerne zurück. Man spielte am Wolga-strand, die älteren Kinder ruderten mit einem Boot auf eine Insel, machten Feuer, zelteten. So ging die Zeit dahin.

Im September 1950 erhielten 200 Deutsche die Nachricht, dass sie in ihre Heimat zurückkehren dürfen. Die anderen sollten 1952 folgen. Kurz darauf kam der Befehl für einen Teil der Askania-Gruppe, nach Moskau umzuziehen. Im beginnenden Kalten Krieg hatten US-Aufklärungsflugzeuge Russland in einer Höhe überflogen, in der sie nicht abgeschossen werden konnten. Die Russen wollten Abwehrraketen mit höherer Reichweite entwickeln, und die Deutschen sollten ihnen helfen. Dazu wurden neue Teams zusammengestellt. Anfang 1951 wurde ihnen ein Vier-Jahres-Vertrag vorgelegt. Erst zwei Jahre Geheimarbeit, in der restlichen Zeit sollten sie ihre Forschungen vergessen.

Bild: Cornelia Müller

Um die Anwesenheit der deutschen Spezialisten geheimzuhalten, durften sie die Siedlung in Tuschino – heute ein Stadtteil von Moskau – nur in Begleitung verlassen. Besuche auf dem Markt, in der Oper oder im Zirkus mussten zwei, drei Tage vorher angemeldet werden, die Kontrolle war intensiv.

Die Geheimarbeit war im Frühjahr 1954 beendet. Doch die Rückkehr der Familien zog sich hin. Zu ihrem Erstaunen wurde jeder gefragt, ob er in die DDR, in die Bundesrepublik oder nach Österreich zurückkehren wolle. Vertreter der DDR versuchten zwar, die Spezialisten mit guten Jobs zu locken. Familie Breuninger und Familie Pingel, deren Verwandtschaft in Westdeutschland lebte, entschieden sich dennoch für den Westen.

Erst nach weiteren vier Jahren Russland setzte sich für die beiden Familien und 19 weitere der Zug nach Westen in Bewegung. Als sie am 12. Februar 1958 im Heimkehrerlager Friedland ankamen, rollten Freudentränen. Journalisten erwarteten sie, es gab Begrüßungsgeld und Hygieneartikel. Als Kriegsgefangene wurden sie nicht anerkannt und bekamen daher keine finanzielle Unterstützung.

Ein russisches Plakat zeigt den Satelliten "Sputnik 3", der 1958 startete.
Ein russisches Plakat zeigt den Satelliten "Sputnik 3", der 1958 startete. | Bild: SCRSS

Wenige Wochen später waren Helmut Breuninger und Heinrich Pingel wieder in Lohn und Brot. Breuninger begann bei Telefunken in Ulm. Pingel stieg quasi bei seinem früheren Arbeitgeber wieder ein, dem Bodenseewerk Überlingen, das 1947 als Teil der Askania Werke AG gegründet worden war.

Auf Karl Breuninger, der mit 13 Jahren zurückkehrte, und Clemens Pingel, der neun Jahre alt war, warteten Schwierigkeiten in der Schule. Beide waren gute Schüler gewesen in der Sowjetunion. Breuninger musste zwei Jahre Englisch nachholen, Pingel hatte im ersten Diktat eine glatte 6. „Das war ein harter Schlag“, erzählt er heute.

Von den Spezialisten selbst begriffen viele die Zeit in der Sowjetunion als Chance. Sie hatten in ihrem Fach arbeiten können, ihre Arbeit wurde geschätzt, was in Deutschland nicht der Fall gewesen wäre. Andere sahen die Zeit als große Ungerechtigkeit. Deutschland florierte, Freunde und Verwandte hatten sich etwas aufbauen können. Auf viel Verständnis stießen die Heimkehrer zudem nicht. „Wir wurden bedauert, aber es gab wenig Empathie. Viele waren froh, dass es nicht ihnen passiert war“, sagt Clemens Pingel. Er hat die Russen nie als die Bösen in ihrer Geschichte betrachtet. „Die Deutschen haben den Krieg angezettelt und einer musste dafür bezahlen.“

 

 

Kriegsreparationen durch Wissenstransfer

  • Aktion Ossawakim: Das war die Bezeichnung einer Geheimoperation der damaligen Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD), bei der am 22. Oktober 1946 rund 5000 deutsche Spezialisten aus den Gebieten der Rüstungstechnik mit ihren Familien in die Sowjetunion verschleppt wurden. Diese Männer befanden sich nicht in Kriegsgefangenschaft, da sie während des Krieges aufgrund ihrer wichtigen Funktion vom Wehrdienst freigestellt waren. Mit der Nacht- und Nebel-Aktion verstießen die Sowjets gegen vorherige Regelungen, die im Alliierten Kontrollrat mit den USA, Großbritannien und Frankreich getroffen worden waren.
  • Vorgeschichte: Mit dem absehbaren Ende des Zweiten Weltkrieges hatten sich die Alliierten darauf vorbereitet, deutsches Know-how abzuschöpfen. Die Siegermächte hatten sich bei Kriegsende geeinigt, dass eine der möglichen Reparationsleistungen auch die Nutzung von Arbeitskräften ist. Damit begann ein Wettlauf um die besten Köpfe. An erster Stelle stand die Atomforschung, gefolgt von der Raketentechnik, Strahltriebwerkstechnik, Navigationstechnik, modernen Konstruktionen im Flugzeugbau, elektronischen Geräten, Farbfilmtechnik und Chemiewaffenforschung.
  • Weitere Beispiele: Auf dem englischen Landsitz Farm Hall bei Cambridge internierten die Briten vom Juli 1945 bis Januar 1946 die Elite der deutschen Kernforschung, darunter Werner Heisenberg, Otto Hahn, Carl Friedrich von Weizsäcker und Max von Laue. Unter der Bezeichnung „Operation Overcast“ rekrutierten die USA nach Kriegsende deutsche Wissenschaftler und Techniker, um sich ihr Wissen zu sichern. Zu den bekanntesten zählte der Raketenpionier Wernher von Braun (1912-1977), der später am Apollo-Raumfahrtprogramm führend beteiligt war. Die Verlegung deutscher Zivil- und Kriegsgefangener in die USA wurde unter dem Codenamen „Operation Paperclip“ („Büroklammer“) organisiert. (mic)