Wenn Sie diesen Artikel gelesen haben, wird Ihr Gehirn nicht mehr dasselbe sein wie vorher. Sie werden manche der Informationen interessant finden und versuchen, sie sich zu merken. Das wird Spuren in Ihrem Gehirn hinterlassen. So weit, so normal. Doch was passiert, wenn wir Menschen uns immer mehr in künstliche, digitale Welten begeben? Wenn Jugendliche in ihrer Freizeit hauptsächlich mit Smartphones oder Computerspielen beschäftigt sind, und selbst Kinder die Welt am liebsten mit dem Tablet erkunden, anstatt rauszugehen und mit Gleichaltrigen zu spielen? Dann kann es schnell bedenklich werden, wie jetzt eine Studie von Christian Montag und seinem Team von der Universität Ulm gezeigt hat.

„Ich beschäftige mich schon lange damit, was die digitalen Welten mit uns Menschen machen; wie sie unser Gehirn beeinflussen und ob sich dadurch unser Wesen verändert“, schildert Christian Montag seine Beweggründe. Degeneriert unser Hirn, wenn wir uns allzu sehr auf die smarte Technik als „Erweiterung des eigenen Denkapparates“ verlassen und in Onlinewelten abdriften? Um nicht auf Mutmaßungen angewiesen zu sein, führt der Molekularpsychologe sowohl an seinem Ulmer Lehrstuhl wie in seinem Labor im chinesischen Chengdu immer wieder Testreihen durch. Die Ergebnisse überraschen mitunter selbst die Wissenschaftler. So auch bei der kürzlich veröffentlichten Untersuchung zur Auswirkung des weltweit bedeutendsten Massen-Mehrspieler-Online-Rollenspiels „World of Warcraft“ (WoW) auf das menschliche Gehirn. 

Computerspiele entwickelten sich in den letzten Jahren zu einer der einflussreichsten Freizeitbeschäftigungen. Das Fantasy Online-Rollenspiel WoW wird seit 2004 millionenfach gespielt. 2010 war es mit über zwölf Millionen Accounts auf dem Höhepunkt seiner Beliebtheit angelangt. Ein Milliardengeschäft für die US-amerikanische Herstellerfirma Blizzard Entertainment, auch heute noch. „Nach wie vor sind sehr, sehr viele auf dem Spiel drauf und lieben es, in unterschiedliche Rollen hineinzuschlüpfen und Missionen zu erfüllen“, sagt Montag. Genau wegen dieser Breitenwirksamkeit entschied er sich, die typischen Auswirkungen von WoW auf das Gehirn zu untersuchen.

Eindeutige Ergebnisse

Sie arbeiteten dafür über vier Jahre mit 120 Testpersonen und teilten diese in drei Gruppen auf: Eine Gruppe bestand aus Spielern mit einer ausgeprägten Computerspiel-Erfahrung. Sie durften sechs Wochen lang täglich mindestens eine Stunde WoW spielen. In der zweiten Gruppe befanden sich ausschließlich Computerspielneulinge; auch sie durften nun täglich mindestens eine Stunde spielen. Die dritte Gruppe hingegen – zusammengesetzt aus lauter Computerspielnovizen – durfte nicht spielen. Zu Beginn und zum Ende der sechs Wochen wurde von jeder der Testpersonen ein Scan ihrer Hirnstruktur gemacht (mittels Magnetresonanztomografie – MRT).

Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Studie waren eindeutig: In den Gruppen der Spieler kam es in nur sechs Wochen zu einer Abnahme des Hirnvolumens in Teilen des Orbitofrontalen Kortex (OFC). Das ist eine für uns Menschen ganz zentrale Hirnregion, die zum Beispiel zuständig ist für die Kontrolle von Emotionen und das Treffen von Entscheidungen. Auch die Fähigkeit, Dingen einen Wert beizumessen, ist im OFC angesiedelt. Die gemessene Reduktion des Hirnvolumens könnte deshalb mit wachsenden Problemen bei der Emotionsregulierung und Entscheidungsfindung einhergehen. Begünstigen Computerspiele demnach die Ausbildung von Gewalt? Die Studien-ergebnisse scheinen dies nahezulegen. „Besonders besorgniserregend ist, dass sich die hirnstrukturellen Veränderungen bei den Computerspielneulingen bereits nach sechs Wochen nachweisen ließen“, sagt Montag dazu.

Die rasche Veränderung stimmt um so nachdenklicher, als das betreffende Hirnareal mit der Entstehung von Sucht in Verbindung gebracht wird. Es wundert deshalb nicht, dass genau die Spieler, bei denen schon zu Beginn der Studie im OFC weniger Hirnvolumen gemessen wurde, selbst angaben, stärker süchtig nach dem Spiel zu sein. Mit übermäßigem Spiel kann also eine Spirale losgetreten werden – wobei gerade dem Spiel WoW, aber auch anderen Massen-Mehrspieler-Online-Rollenspielen von Experten ein besonders hohes Suchtpotenzial zugeschrieben wird.

Die Computerspielsucht ist weltweit auf dem Vormarsch. Bereits 2005 zeigte eine Untersuchung der Berliner Charité, dass jeder zehnte Computerspieler Abhängigkeitskriterien erfüllte. Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsens kam 2010 schon zu deutlich höheren Werten bei Jugendlichen im Alter von 15 Jahren. Auch heute sind nach wie vor besonders jüngere Menschen betroffen. Doch das dürfte sich bald ändern. Die Gruppe der Spieler ab 50, genannt Silver Surfer, wird immer größer. Die Computerspielsüchtigen weisen alle Symptome auf, die auch andere Sucht-erkrankten zeigen: Ihre Gedanken kreisen ständig um ihre Droge; sie sind unruhig, wenn sie ihr längere Zeit fern bleiben müssen. Nach ihrem Computerspiel Süchtige müssen immer länger spielen, um noch die gleichen Glücksmomente erfahren zu können.

Angesichts dessen ist es wichtig, dass sich Jugendliche, ihre Eltern, aber auch die Gesellschaft aufmerksam mit den vielfältigen Online-Angeboten auseinandersetzen und zu viel Einseitigkeit vermeiden. Denn „die Interaktion mit digitalen Welten macht etwas mit uns. Die Beschäftigung in der digitalen Welt hinterlässt Fußabdrücke in unserem Gehirn“, sagt der Ulmer Psychologe Christian Montag.

"Ich möchte keine Verbote aussprechen"

Christian Montag untersucht, wie sich winzige (molekulare) Prozesse im menschlichen Körper auf Persönlichkeit und Verhalten auswirken. Welchen Anteil haben die Erbanlagen, welchen die Umwelt? Und wie verändern Internet, Computerspiele und Mobiltelefone die Persönlichkeit der Menschen? Als Leiter der Abteilung Molekulare Psychologie der Universität Ulm arbeitet er an Antworten auf diese Fragen.

Herr Professor Montag, Sie haben eine Abnahme von Hirnvolumen durch tägliches Computerspielen nachgewiesen. Ist das reparabel?

Ja, Hirnvolumina können sich wieder erholen, verlorene Hirnmasse kann sich nachbilden. Wie bei einem Muskel auch, sind Veränderungen in beide Richtungen möglich. Voraussetzung für Hirnwachstum ist aber, dass die betreffende Hirnregion wieder stärker gefordert wird, zum Beispiel durch gezieltes Training.

Also alles kein Problem?

Im Gegenteil. Gerade weil es heute kaum noch einen Bereich unseres Lebens gibt, der nicht digital durchzogen wäre, ist es wichtiger denn je, dass wir uns die Auswirkungen der Online-Welten auf unser Gehirn und Verhalten bewusst machen. Wenn zum Beispiel ein Jugendlicher regelmäßig stundenlang vor der Kiste sitzt und mit dem Computer spielt, dann führt das zu veränderten psychischen Prozessen, die sich auch in der Hirnstruktur zeigen.

Was empfehlen Sie Eltern, wenn sie beobachten, dass ihre Kinder immer mehr Zeit in der digitalen Welt verbringen?

Ich möchte keine Verbote aussprechen; aber ich empfehle dringend, dass wir uns an die alte abendländische Erkenntnis erinnern: Es geht immer um das Finden des richtigen Maßes. Alles kommt mit Kosten im Leben, wenn man es unausgewogen betreibt. Ein Zuviel ist noch nie gut gewesen.

Was heißt das konkret?

Nun, im Hinblick auf Jugendliche und Kinder müssen wir uns fragen, was sie von Natur aus brauchen, um eine gesunde Hirnreife zu erlangen? Sie müssen spielen! Sie müssen raus! Damit ist nicht gemeint, den Daumen auf irgendeinem Pad zu schulen. Stattdessen geht es darum, sich draußen mit Freunden auseinanderzusetzen, herumzutollen, auch mal zu raufen. Nur so können soziale Kompetenzen und die körperliche Grobmotorik ausgebildet werden. Das lernt man nicht in der digitalen Welt. Bei Berücksichtigung dieser Regel ist es dann auch nicht schädlich, wenn Kinder ab und an eine Runde digital zocken.

Das heißt, Sie appellieren an den gesunden Menschenverstand…

Genau. Auch in unserer hektischen Zeit müssen sich Eltern mit dem, was ihre Kinder tun, auseinandersetzen und schauen, was ihre Kinder auf den digitalen Kanälen treiben. Sie müssen Anteil nehmen an dem, was ihr Kind beschäftigt. Mein Appell lautet: Seid ein bisschen achtsamer miteinander, interessiert euch füreinander.

Fragen: Myriam Hönig