Strom wird immer teurer, und bald ist die Photovoltaik (PV)-Anlage in Baden-Württemberg und anderen Bundesländern ohnehin Pflicht bei Neubauten und Dachsanierungen. Da holt man sich die Solarkollektoren doch besser schon gleich aufs Dach. So denken derzeit viele Verbraucher.

In der ersten Hälfte des laufenden Jahres ist die heimische Nachfrage nach Solarstromanlagen um 22 Prozent gegenüber der gleichen Vorjahreszeit gewachsen, berichtet der Bundesverband Solarwirtschaft. Für das zweite Halbjahr könnte der Aufwärtstrend noch deutlicher ausfallen – wenn nur mehr Solaranlagen verfügbar wären.

Nachfrage viel höher als Angebot

„Bereits seit Mitte 2021 ist die Nachfrage nach Photovoltaik-Modulen viel höher, als die Produktionsstätten liefern können, die zu 90 Prozent in China sind“, sagt Radovan Kopecek, Vorstandsmitglied bei ISC Solar, einem Solar-Forschungsinstitut mit Sitz in Konstanz. Durch die erhöhte Nachfrage, durch coronabedingte Lieferverzögerungen und durch Materialengpässe unter anderem bei elektronischen Bauteilen habe sich die ökonomische Lage in den vergangenen eineinhalb Jahren in der PV-Branche komplett verändert.

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„Dadurch kommt es auch bei Eigenheimbesitzern derzeit immer wieder zur Verzögerungen bei der Realisierung von Solaranlagen“, sagt Nike Marquardt, Sprecherin vom Bundesverband Solarwirtschaft. Im gewerblichen Bereich betragen die Wartezeiten gar bis zu einem Jahr, weil hier zusätzlich die Zertifizierungsanforderungen verschärft wurden. „Immer mehr Bürokratie bremst die Energiewende zunehmend aus“, sagt Nike Marquardt.

Hohe Transportkosten

Aber auch die Tatsache, dass die einst starke deutsche Solarindustrie in den 2000er Jahren fast komplett nach China abgewandert ist, sorgt nun für Probleme beim heimischen Solarausbau. „Die chinesische Regierung fordert, dass die in China gefertigten Module in Zukunft größtenteils im eigenen Land installiert werden. Das führt schon heute zu Lieferengpässen in der EU“, sagt Solarexperte Radovan Kopecek.

Radovan Kopecek vom ISC Solar in Konstanz
Radovan Kopecek vom ISC Solar in Konstanz | Bild: Isc

Hinzu kommen die immens gestiegenen Transportkosten: Während vor Corona die Preise für einen Container von Asien nach Europa noch bei 2000 Euro lagen, sind es nun bis zu 18.000 Euro, rechnet Kopecek vor. „Das verteuert die von Asien gelieferten Solarmodule um rund 20 Prozent, weshalb sich eine PV-Fertigung in Deutschland nun auch finanziell wieder lohnt.“ Zumal die CO2-Bepreisung dafür sorgen wird, dass die Transportkosten künftig eher weiter steigen werden.

Auch bei den Produktionskosten haben sich die Berechnungen verändert. „Inzwischen läuft bei der Fertigung vieles vollautomatisiert ab, so dass die günstigeren Lohnkosten in Asien keine große Rolle mehr spielen“, sagt Andreas Bett, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Solare Energie ISE in Freiburg, dem größten Solarforschungsinstitut Europas.

Die Produktion muss wieder nach Deutschland

All diese Gründe führen dazu, dass der Konstanzer Solarexperte Kopecek sagt: „Es ist ein Muss, dass wir die PV-Produktion wieder nach Europa und nach Deutschland holen. Andernfalls können wir die Nachfrage hier nicht weiter decken und die gesteckten Klimaziele nicht erreichen.“

Unterstützt werden soll dieses Vorhaben durch die Europäische Solarinitiative. Ziel der Intiative ist es, bis zum Jahr 2025 in Europa wieder über eine integrierte Photovoltaik-Produktion von etwa 20 Gigawatt Jahreskapazität zu verfügen und nach und nach die gesamte Wertschöpfungskette – vom Rohmaterial bis zum Recycling – in Europa aufzubauen. Diese 20 Gigawatt pro Jahr sind der Bedarf, den die Solarinitiative als europäische Nachfrage nach Photovoltaik im kommenden Jahrzehnt sieht. Das könnte das Bruttoinlandsprodukt der EU um etwa 40 Milliarden Euro erhöhen und rund 400 000 direkte und indirekte Arbeitsplätze schaffen.

Zwei Mitarbeiter des Werks der Meyer Burger Technology AG in Freiberg begutachten der Endkontrolle einer Produktionslinie ein Solarmodul.
Zwei Mitarbeiter des Werks der Meyer Burger Technology AG in Freiberg begutachten der Endkontrolle einer Produktionslinie ein Solarmodul. | Bild: Isc

„Auch in Baden-Württemberg ist man sehr bemüht, Teil dieser Produktionskette werden zu dürfen“, sagt der Experte Bett. Immerhin finde in Freiburg und Konstanz sehr viel Solarforschung statt. Auch Stuttgart und Ulm haben mit den dort ansässigen Instituten ZSW und DLR viele Solar-Forscher vor Ort. „Da würde es sich natürlich anbieten, möglichst viel dieses Wissens direkt in die Fabriken hinein zu tragen“, sagt auch Rainer Pöter, Geschäftsführer des Solarclusters Baden-Württemberg.

Skepsis bei Experten

Ob das tatsächlich gelingt, da sind die Experten jedoch skeptisch. „Um im Bereich Solar wirtschaftlich und konkurrenzfähig arbeiten zu können, muss man sehr große Mengen produzieren, dafür braucht es große Gewerbeflächen und die sind in Baden-Württemberg Mangelware“, sagt Andreas Bett.

Solche großen Gewerbeflächen gibt es beispielsweise in Ostdeutschland. Dort produziert der Schweizer Solartechnikkonzern Meyer Burger seit Juli Solarzellen und Solarmodule in Freiberg (Sachsen) und Bitterfeld-Wolfen (Sachsen-Anhalt) – ein erster Erfolg für die Europäische Solarinitiative.

Zumindest im Bereich Forschung dürfte Baden-Württemberg aber durchaus von der Rückkehr der Solarindustrie nach Europa profitieren. Auch in der Region Konstanz. „Wir denken darüber nach, uns zu erweitern“, sagt der Radovan Kopecek. In den kommenden Jahren könnten wieder über zweihundert Wissenschaftler von ISC Konstanz, der Solarfirma RCT Solutions und der Uni Konstanz an der PV Entwicklung für die nachhaltige Energiewende arbeiten. Und vielleicht zieht das doch noch die eine oder andere neue Firma aus der Solarbranche an. „Das ist in diesem Umfeld durchaus denkbar“, sagt Kopecek.