Sehr geehrter Elon Musk,


ich komme nicht umhin, vor Ihrer unternehmerischen Leistung den Hut zu ziehen. Was Sie mit Tesla und SpaceX geschaffen haben, ist bemerkenswert. Aber eigentlich sind Sie doch ein Quartals-Irrer, oder? Auf kurze Phasen der Unaufgeregtheit folgt bei Ihnen stets der Wahn. Ich meine das nicht unbedingt despektierlich, sondern durchaus auch anerkennend. Wahn und Irrsinn haben nämlich heutzutage einen zu schlechten Ruf. Das kommt daher, weil die Verregelung des Alltags sehr weit fortgeschritten ist. Mustern zu gehorchen, ist zur Norm geworden. Und die toleriert nun mal keine Ausreißer.

Manchmal schafft Irrsinn auch Kreatives

Aber wurden die schönsten Gedichte nicht im Wahn geschrieben? Fielen nicht Denker und Künstler wie Nietzsche und van Gogh früh dem Irrsinn anheim? Leisten nicht jene Sportler Großes, die ziemlich daneben sind? So wie Schach-Weltmeister Magnus Carlsen, der hinter jeder Ecke Betrug und Verschwörung wittert? Oder wie der Box-Matador Mike Tyson, der seinem Gegner einmal im Kampf ein Ohr abbiss?

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Ein Ohr haben Sie natürlich noch niemandem abgebissen, aber einen Kopf kürzer gemacht haben Sie schon viele. Nach Ihrer Übernahme der Nachrichtenplattform Twitter haben Sie als erste Amtshandlung den Vorstand vor die Tür gesetzt. In der Belegschaft bangen jetzt Tausende um ihre Jobs. Selbst für US-amerikanische Verhältnisse ist das eine rüde Gangart. Sie zeigt, wes Geistes Kind Sie sind.

Absolutistisch und mit dem Feindbild Staat

Im zähen Übernahmekampf um Twitter haben Sie sich einmal selbst als „Absolutist der freien Rede“ bezeichnet. Hinter die freie Rede, der Sie angeblich nachhängen, kann man aus meiner Sicht getrost ein Fragezeichen machen. Ein Absolutist sind Sie indes gewiss. Ihr ganzes Leben zeigt das. Sie haben sich nie an Regeln gehalten, außer an Ihre eigenen. Sie bauen Automobil-Fabriken in den brandenburgischen Sand, ohne dafür eine abschließende Genehmigung zu haben. Ob der Wasserverbrauch Ihres Riesen-Werks das zulässige Maß sprengt, schert Sie wenig. Sie ignorieren Arbeitnehmerrechte ebenso wie die Standards der Börsenaufsicht. Als mittlerweile reichster Mann der Welt müssen Sie zwangsläufig zu der Erkenntnis gelangt sein, dass sich diese Bulldozer-Attitüde auszahlt. Staat und Regulierer, die Sie als Ultra-Liberaler sowieso verachten, haben am Ende ja auch bislang immer klein beigegeben.

Dass Musk Twitter beherrscht, ist gefährlich

Nicht mal einem Hersteller von Elektroautos und Raketen sollte man all das durchgehen lassen. Und einem Twitter-Eigner schon gar nicht. Dass ein libertärer Nerd, dessen Ideale sich nur schwer mit den Grundsätzen einer liberalen Demokratie vereinbaren lassen, wie der Spiegel einmal schrieb, sich eine der mächtigsten Nachrichtenplattformen der Welt als Privatvergnügen hält, ist im Zeitalter von Falschnachrichten, Shitstorms und einer um sich greifenden Wild-West-Mentalität im täglichen Nachrichtengeschäft nämlich gefährlich. Ich wünsche Ihnen daher bei Twitter die Bruchlandung. Mögen sie vom Pop-Star zum Flop-Star werden.