Bei ZF zweifelt niemand mehr daran, dass die Übernahme des belgisch-amerikanischen Bremsenherstellers Wabco für 7 Milliarden Dollar wie angekündigt über die Bühne gehen wird. „Wir gehen davon aus, dass der Deal zu Stande kommt“, sagte Wilhelm Rehm, ZF-Vorstand für Materialwirtschaft, Nutzfahrzeugtechnik, Industrietechnik auf der Hannover Messe. Durch den Zukauf steigt ZF zum drittgrößten Automobilzulieferer der Welt auf und wird mit einem Umsatz von künftig über 40 Milliarden Euro näher an den Branchenprimus Bosch (47 Milliarden Euro Umsatz im Automobilgeschäft) und die Nummer zwei der Branche, Continental (44,4 Milliarden Euro Umsatz), rücken.

Digitale Mobilitätslösungen

Damit wird der Dreikampf der drei großen Autozulieferer immer spannender. Denn wie auf der Hannover Messe deutlich wird, setzen auch Bosch und Continental wie ZF mit Hochdruck auf digitale Mobilitätslösungen. Der Satz „Die Konkurrenz schläft nicht“ ist eine in der Wirtschaft weit verbreitete Phrase, aber in diesem Fall trifft sie wirklich zu.

Bosch wohl am weitesten

Am weitesten scheint derzeit Bosch zu sein, das nach eigenen Angaben in den vergangenen vier Jahren über 1,5 Milliarden Euro mit Industrie 4.0-Anwendungen umgesetzt hat. Schon 2022 will Bosch jährlich mehr als eine Milliarde Euro Umsatz in diesem Bereich erzielen. Der Begriff Industrie 4.0 bezeichnet die vierte industrielle Revolution, die in der Digitalisierung und Vernetzung der Produktion besteht. Allerdings ist der Vergleich von Bosch mit ZF und Conti schwierig. Denn über 30 Milliarden Euro seines Erlöses von 77,9 Milliarden Euro setzt Bosch außerhalb der Autoindustrie um. So stellen die Stuttgarter auch Maschinen für die Industrie und zahlreiche Produkte für Endverbraucher wie Akkuschrauber, Rasenmäher, Staubsauger oder Kaffeemaschinen her und haben daher von Haus aus eine elektronische Kompetenz.

Mehr Ressourcen in Forschung

Auch bei der Anzahl der Köpfe hat Bosch mit über 400 000 Mitarbeitern mit Abstand die Nase vorn und kann entsprechend mehr Ressourcen in die Forschung und Entwicklung stecken. Continental hat mit 235 000 Beschäftigten – davon über 1300 im Werk Villingen-Schwenningen und 330 in Markdorf – nur gut halb so viele Mitarbeiter. ZF ist, selbst wenn man die rund 16 000 Wabco-Mitarbeiter hinzurechnet, mit dann etwa 162 000 Beschäftigten deutlich kleiner.

Große Herausforderung

Gemeinsam haben ZF und Conti dagegen ihre Stoßrichtung. Conti hat seine Kernkompetenz im Bereich Gummireifen, ZF ist vor allem für mechanische Getriebe bekannt. Beide Unternehmen stehen nun vor der Herausforderung, ihr Hauptprodukt zukunftsfähig für die digitale Welt zu machen und durch Zukäufe und Produktneuentwicklungen zu ergänzen. Fast wortgleich klingen die Absichtserklärungen beider Unternehmen. „Kautschuk-Expertise und Software-Know-how gehen bei Continental Hand in Hand“, heißt es bei dem Dax-Konzern aus Hannover. Man wolle die Mechanik intelligent machen, lautet die Formel des Stiftungskonzerns aus Friedrichshafen.

In diesem Zusammenhang müssen auch die Übernahmen des ehemaligen Konkurrenten TRW im Jahr 2015 und von Wabco, die Anfang nächsten Jahres abgeschlossen werden soll, eingeordnet werden. „Durch die Übernahme von TRW und Wabco werden wir zum Systemanbieter für PKW und LKW, der alles von Getriebe über die Lenkung bis zur Bremse im Portfolio hat“, erklärte Rehm.

Wilhelm Rehm, ZF-vorstandsmitglied
Wilhelm Rehm, ZF-vorstandsmitglied | Bild: ap fotografie

Dass ZF nach dem Wabco-Kauf künftig zur Top-Drei der Automobilzulieferer zählt, ist für Rehm dagegen zweitrangig. „Die Größe ist für uns nicht entscheidend. Wichtiger ist die technologische Perspektive“, sagte er.

Auftritt auf der Messe

Auf der Hannover Messe, die noch bis kommenden Freitag läuft, setzt ZF vor allem auf die Mobilität der Zukunft. Am Messestand präsentiert der Konzern einen Prüfstand für Elektrogetriebe, einen intelligenten Gabelstapler und Prototypen zum autonomen Fahren. Nur wenige Meter davon entfernt stellt Conti intelligente Gummischläuche, die mit einer Datenwolke (Cloud) verbunden werden können, vor. Der Bosch-Konzern präsentiert eine Fabrik der Zukunft mit untereinander kommunizierenden Maschinen und Roboter. „Wir haben uns zum Ziel gesetzt, dass bis Mitte der kommenden Dekade alle Bosch-Produkte entweder über künstliche Intelligenz verfügen oder mit ihrer Hilfe entwickelt und produziert werden“, sagte Rolf Najork, Geschäftsführer der Robert Bosch GmbH, zuständig für die Industrietechnik.