„Wie gern würde ich jetzt auch Gülle fahren!“ Wenn Lena Wagner, 29 Jahre, (alle Namen der Familie geändert) abends aus ihrem Büro nach Hause fährt, blickt sie neidisch zu den Bauern, die auf den Feldern rund um Pfullendorf unterwegs sind.

Zusammen mit ihrem Mann, Florian Wagner, 30 Jahre, und der sechsjährigen Tochter Mia ist sie seit geraumer Zeit auf der Suche nach einem eigenen Bauernhof. „Wir haben beide ein landwirtschaftfliches Studium und wollen in der Praxis arbeiten, finden aber keinen Hof“, sagt Florian Wagner, der bei einem technischen Beruf arbeitet.

Tatsächlich kommt es immer häufiger vor, dass junge, gut ausgebildete Landwirte vergeblich einen Betrieb suchen – obwohl umgekehrt bei 70 Prozent der Bauernhöfe in Deutschland aktuell ungewiss ist, wer den Hof einmal weiterführen wird. Weil die eigenen Kinder häufig andere Zukunftspläne haben und es immer schwieriger geworden ist, einen landwirtschaftlichen Betrieb wirtschaftlich zu führen, ist die Zahl der Höfe in Deutschland bereits dramatisch geschrumpft: von 472 000 Höfen im Jahr 1999 auf 275 000 Höfe im Jahr 2016, das sind mehr als 40 Prozent. Ein Ende ist nicht absehbar.

Das Interesse an der Landwirtschaft ist groß

Dabei gibt es genug junge Leute, die sich für die Landwirtschaft interessieren. Die Studienzahlen im Bereich Agrarwissenschaften sind gut. „Allerdings haben inzwischen nur noch rund 20 Prozent der Studierenden einen landwirtschaftlichen Betrieb zu Hause“, sagt Karin Amler von der Fakultät Agrarwissenschaften der Universität Hohenheim.

Die außerfamiliäre Betriebsübergabe müsste also immer wichtiger werden. Tatsächlich spielt sie aber nur bei etwa drei Prozent der Hofnachfolgen eine Rolle. Was macht es für eine junge Familie wie die Wagners, deren Eltern keinen Bauernhof hatten, so schwer, einen Betrieb zu finden?

Ferkel hängen an den Zitzen ihrer Mutter. Romantisch ist die Viehzucht nicht, sie ist eher ein hartes Geschäft. Dennoch ist die Strahlkraft des Berufs Bauer bei jungen Leuten ungebrochen. Bild: dpa
Ferkel hängen an den Zitzen ihrer Mutter. Romantisch ist die Viehzucht nicht, sie ist eher ein hartes Geschäft. Dennoch ist die Strahlkraft des Berufs Bauer bei jungen Leuten ungebrochen. | Bild: Karl-Josef Hildenbrand

„Ein Arbeitsplatz in der Landwirtschaft gehört zu den teuersten der Welt. Pro Arbeitskraft beträgt das durchschnittliche Bilanzvermögen etwa eine halbe Million Euro“, sagt Christian Vieth, Agraringenieur und Betreiber von „Hof sucht Bauer“, einer Internetplattform für außerfamiliäre Hofübergaben. Wer nicht in den elterlichen Betrieb einsteigen kann, bringe selten das Geld auf, um außerfamiliär einen Hof zum geltenden Verkehrswert mit Anbauflächen und Maschinen zu übernehmen. „Kein Uni-Absolvent hat eine Million auf dem Konto und kaum eine Bank gibt angehenden Landwirten Fremdkapital“, sagt Frieder Thomas, Geschäftsführer beim Landesverband der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL).

Planung ist das A und O

Es gibt zwar Möglichkeiten, die Übernahme trotzdem bezahlbar zu gestalten: Gängig sind Übergangsverträge, bei denen die scheidenden Landwirte von ihren Hofnachfolgern neben einem Wohnrecht einen Baraltenteil erhalten, ganz ähnlich wie bei Lösungen innerhalb der Familie. Auch ein Verkauf auf Renten- oder Ratenbasis ist eine Option. Der Einstieg erfolgt häufig schrittweise: nach einem kurzem Anstellungsverhältnis findet eine gemeinsame Bewirtschaftung durch Übergeber und Übernehmer statt, bevor dann endgültig übergeben wird.

„Als aussteigender Landwirt muss ich mich über solche Modelle aber rechtzeitig informieren. Auch die Einbindung der eigenen Kinder und die Frage, wie ihr Erbe zu regeln ist, sind wichtige Punkte“, sagt Agrarökonom Christian Vieth. Hinzu kommt, dass die aussteigenden Landwirte meist auf dem Betrieb wohnen bleiben wollen – oder müssen. „Der Hof ist für die meisten Bauern die Altersvorsorge“, sagt Frieder Thomas von der AbL.

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Lena und Florian Wagner würden es sich sogar wünschen, als Hofnachfolger zusammen mit der ausscheidenden Generation dort zu leben. „Da hat jemand jahrzehntelang Erfahrung darüber gesammelt, wie man die Böden am besten bearbeitet, dieses Wissen ist doch unbezahlbar“, sagt Lena Wagner. Außerdem gebe man sein Lebenswerk ja nicht einfach von heute auf morgen in fremde Hände. „Das würde ich auch nicht machen.“

Wie groß der Schritt für viele Landwirte ist, sich überhaupt über eine Nachfolge Gedanken zu machen hat das Paar gemerkt, als es kürzlich eine Anzeige für die Hofsuche in einem Wochenblatt aufgegeben hat. „Ein Bauer hat sich die Anzeige ausgeschnitten und vier Wochen mit sich gerungen, ob er überhaupt bei uns anrufen soll“, sagt Florian Wagner.

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Anderereits sei die Alternative für die meisten scheidenden Landwirte, ihr Land an die anderen Bauern im Dorf zu verkaufen. „Die geiern inzwischen fast alle nach noch mehr Land. Denn nur über größere Mengen können sie die niedrigen Erzeugerpreise noch halbwegs kompensieren“, sagt Florian Wagner. Auf diese Weise geht das Höfesterben in Deutschland weiter. Und je größer die Bauernhöfe werden, die es irgendwann mal zu vererben gibt, umso schwieriger wird es für künfige Landwirte, sich dort noch außerfamiliär einkaufen zu können. Denn inzwischen gibt es Betriebe, bis zu 20 000 Hektar groß sind. Das entspricht der Fläche von rund 300 Durchschnitts-Bauernhöfen und hat überhaupt nichts mehr mit dem zu tun, was Lena und Florian Wagner bewirtschaften könnten.

Sie glauben trotzdem fest daran, dass irgendwo im Kreis Sigmaringen oder am Bodensee ein Hof auf sie als Nachfolger wartet – weil sie auf einen Hof gehören. „Die Arbeit an der frischen Luft, auf Äckern und Feldern und mit Vichern, das ist einfach unser Ding“, sagt Lena Wagner.