Die Massen nehmen kein Ende: Vor dem Regierungssitz des argentinischen Präsidenten Alberto Fernandez schiebt sich ein scheinbar endloses Band von Menschen ganz langsam in Richtung Eingang. Nur ein, zwei Sekunden bleiben den Trauernden, um vom Sarg Abschied zu nehmen. Darin liegt Diego Maradona. Die Trikots der Boca Juniors und der argentinischen Nationalmannschaft liegen darauf, jenen Mannschaften aus seiner Heimat, die „D10S“ neben dem SSC Neapel besonders liebte.

Am Morgen kommt auch Präsident Fernandez. Mehrmals legt er die Hand auf den Sarg, legt zwei weiße Kopftücher, das Symbol des Widerstands gegen die rechte Militärdiktatur auf die darüber liegenden Trikots. Seine Frau legt rote Rosen dazu. Doch trotz der vielen Toten und des totalen Absturzes der Wirtschaft ist die Corona-Pandemie an diesem sonnigen Donnerstag (Ortszeit) kein Thema mehr.

Der Sarg von Diego Armando Maradona wurde von seiner Familie und seinen Freunden auf einen Friedhof in Buenos Aires getragen.
Der Sarg von Diego Armando Maradona wurde von seiner Familie und seinen Freunden auf einen Friedhof in Buenos Aires getragen. | Bild: RONALDO SCHEMIDT

Abstand halten, wenn der größte Sohn des Landes gegangen ist? Wie soll das gehen. Für einen Moment geraten Wartende und Sicherheitskräfte aneinander, doch es bleibt überwiegend friedlich.

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Vor dem Sarg spielen sich emotionale Szenen ab. Fans erheben die Faust zum Siegeszeichen, andere brechen in Tränen aus. Andere rufen „Diego, Diego“. Der Tod des Diego Maradona lässt niemanden kalt in Argentinien. Auch nicht seine Feinde. Wer diese gewaltige Trauer verfolgt, dem stellt sich unweigerlich die Frage: Und was kommt jetzt?

Auseinandersetzungen zwischen den Fans und den Polizisten, nachdem der Einlass in den Präsidentenpalast in Buenos Aires unterbrochen wurde.
Auseinandersetzungen zwischen den Fans und den Polizisten, nachdem der Einlass in den Präsidentenpalast in Buenos Aires unterbrochen wurde. | Bild: JamMedia

Die argentinische Regierung hat die Kontrolle über die Feierlichkeiten übernommen. Maradona sympathisierte mit dem linksgerichteten Präsident Alberto Fernandez, noch mehr aber mit Vizepräsidentin Cristina Kirchner, die acht Jahre lang regierte. Mit ihr wollte er sogar einmal gemeinsam kandidieren. Die Regierung muss und will das Erbe verwalten.

Gibt es bald ein Museum, eine Stiftung?

Nicht das finanzielle, sondern das historische, ideologische Vermächtnis eines Argentiniers, der alle berührt. Und von dem sie profitieren kann. Maradonas Popularität und Strahlkraft reicht weit über die Landesgrenzen hinaus.

Die Fans, die Touristen – sie alle werden nach einer Gedenkstätte, nach einem Anlaufpunkt suchen. Dafür gibt es bislang noch keinen Plan, aber sicher schon erste Diskussionen. Aus organisatorischen und kommerziellen Gründen braucht es eine Lösung, denn mit der Verehrung für Maradona lässt sich Geld verdienen. Gibt es bald ein Museum, eine Stiftung? Wer managt das alles? Die Familie, die Regierung, eine Stiftung?

Kerzen und Blumen liegen vor dem San-Paolo-Stadion in Neapel zum Gedenken an Diego Maradona. In der Stadt des italienischen Spitzenklubs wird die Fußball-Legende besonders verehrt.
Kerzen und Blumen liegen vor dem San-Paolo-Stadion in Neapel zum Gedenken an Diego Maradona. In der Stadt des italienischen Spitzenklubs wird die Fußball-Legende besonders verehrt. | Bild: ALESSANDRA TARANTINO

In der Nacht nach seinem Tod kam es zu einem ersten Interessenkonflikt der Hinterbliebenen. Die letzte Lebensgefährtin Maradonas, Rocio Oliva beklagte sich, ihr sei der Zutritt zum Regierungssitz verweigert worden: „Alle haben sie reingelassen, nur mich nicht.“

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Sie solle am nächsten Tag wiederkommen – wie alle anderen auch. Dafür ließ die Regierung offenbar die Töchter Dalma und Gianinna und die ehemalige Frau Claudia Villafane hinein, mit der sich Maradona über Jahre einen heftigen Streit lieferte. Zumindest mit seinen Töchtern soll sich Maradona zuletzt wieder versöhnt haben.

Weiter die gleiche Aufgabe: fürs Träumen verantwortlich

Die Episode zeigt wie schwierig es werden wird, allen gerecht zu werden, die eine direkte oder indirekte Verbindung zu Maradona hatten. Die Ex-Klubs, der argentinische Verband, die Politik, die Regierung, die Familie, die ehelichen und ehelichen Nachfahren: Sie alle wollen mitreden und am Ende profitieren vom ewigen Glanz und Mythos des Verstorbenen. Nur einer wird keinen Einfluss mehr nehmen können: Diego Maradona selbst. Seine Aufgabe ist die gleiche wie zu Lebzeiten: Er ist für die Träume verantwortlich.