Eine Saison, die fast gelaufen ist, ruft bei Rennfahrern offenbar eine Jetzt-erst-recht-Mentalität hervor. So wurde der Große Preis von Brasilien, das vorletzte Rennen der Saison, zu einem Kapriolen-Rennen. Abgesehen von der ungekannten Podiumbesetzung durch Max Verstappen, Pierre Gasly und Carlos Sainz jr. gilt das vor allem für den Regelverstoß von Sebastian Vettel und Charles Leclerc fünf Runden vor Schluss, mit dem sich die beiden Ferrari-Piloten aus dem Rennen schießen.

Charles Leclerc (links) und Sebastian Vettel.
Charles Leclerc (links) und Sebastian Vettel. | Bild: dpa

Die Scuderia, ohnehin gebeutelt durch Verdächtigungen der Motorenmanipulation, reist mit einem angesichts der hitzigen Ereignisse von Interlagos sehr kühlen, aber völlig korrekten Fazit unter der Überschrift „Null Punkte“ ab: „Dieses Rennen lässt uns mit dem schlimmstmöglichen Ergebnis zurück.“ Teamchef Mattia Binotto verweigert tiefergehende Gespräche zum Sachverhalt. Politisch korrekt lässt er verlauten: „Natürlich müssen wir uns jetzt hinsetzen und zusammen entscheiden, wo die Grenzen sind. Wir müssen sicherstellen, dass wir alle zum Wohl des Teams unterwegs sind und solche Dinge nicht mehr passieren.

Das Ding in der 66. von 71 Runden: Im Duell mit Charles Leclerc um Platz vier sucht Vettel, der sein 100. Rennen für die Scuderia Ferrari fährt, fünf Runden vor Schluss den entscheidenden Konter. Der Monegasse hatte ihn gerade überholt, jetzt nutzt der Heppenheimer die Aerodynamik. Vettel ist schon wieder gleichauf, da naht die nächste Kurve. Der Teamkollege lässt ihm keinen Platz zum Einlenken, Vettel zieht trotzdem einen Tick nach links. Es ist nur eine kurze Berührung.

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Doch sie reicht. Bei Leclerc knickt rechts vorne das Rad ab, das wieder schlitzt an Vettels Auto den rechten Hinterreifen auf, beide landen im Aus. Dort steht der Deutsche am Zaun, neben sich einen Traktor, vor sich den Gang zurück an die Box. Sogar auf Deutsch („Bockmist!“) hat er über Boxenfunk geflucht. „Ich dachte, ich wäre vorbei, dann sind wir zusammengerumpelt“, versucht er, die Szene gelassen vor den Kameras zu erklären. Leclerc hatte zuvor gesagt: „So was passiert.“ Vettel präzisiert: „Natürlich kann so etwas passieren, sollte uns aber nicht passieren.“

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Die Momentaufnahme, das Protokoll einer lange schwelenden Krise, ein Generationskonflikt. Nicht der erste Krach zwischen den beiden, keiner traut dem anderen wirklich. Das Rennen in Sao Paulo war der Versuch, sie frei fahren zu lassen. Der ist krachend gescheitert. Und stellt eine Grundsatzfrage, über die Innenpolitik der Scuderia hinaus geht: Sebastian Vettel hat bekundet, dass er über 2020 hinaus weiterfahren möchte. Die Frage ist dann nur: wo? Zusatzfrage: Kann er bei Ferrari überhaupt noch glücklich werden?

Sebastian Vettel nach dem Unfall.
Sebastian Vettel nach dem Unfall. | Bild: DOUGLAS MAGNO/AFP

Die Rennkommissare, die den Crash in Sao Paulo untersuchten, befanden: kein Grund zur Strafe. Aber auch: „Beide hätten diese Situation vermeiden können.“ Gestraft sind die Streithähne genug, der übliche Talk im Ferrari-Pavillon nach dem Rennen fiel aus. Teamchef Binotto, der die ganze Last trägt, saß alleine da. Er weiß wie brüchig der Frieden zwischen seinen beiden Ehrgeizlingen ist. Eine Aussprache hatte es erst Anfang September gegeben. Wie man es macht, macht man es sich unter Gleichberechtigten falsch, das stellt auch Ingenieur Binotto fest: „Wir wurden in der Vergangenheit kritisiert, wenn wir den Fahrern im Zweikampf zu viel vorgeschrieben haben. Jetzt haben wir sie kämpfen lassen, und es ist auch nicht richtig. Wir haben immer Gründe für unsere Entscheidungen.“

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Jetzt muss er neue Regeln aufstellen: „Es gibt uns Gelegenheit, die internen Regeln vor der kommenden Saison noch einmal zu klären, damit das in der Zukunft nicht noch einmal passiert. So etwas darf sich nicht wiederholen.“ Die Schuldfrage mochte Binotto nicht beantworten. Am Sonntag wollte er sich nicht mal die Zeitlupen und die Datenanalysen angucken. Die folgenschwere Berührung wertet er nur grundsätzlich: „Frei kämpfen heißt aber nicht dumme Dinge zu tun. Vor allem nicht, wenn es sich um zwei Ferrari handelt. Es geht dabei nicht darum, einem von beiden die Schuld zuzuschieben. Aber es ist wichtig, dass jeder einsieht, wenn er einen Fehler gemacht hat. Nur dann kann man sich weiterentwickeln.“