Vor 125 Jahren lieferten sich Andy Bowen und Jack Burke unglaubliche 110 Runden über jeweils drei Minuten einen Boxkampf für die Ewigkeit. Mehr als sieben Stunden standen sich die Kontrahenten am 6. April 1893 in der „Meisterschaft des Südens“ gegenüber. Der Kampf ging unentschieden aus. Erst in den 1920er-Jahren setzte sich ein 15-Runden-Limit im Profiboxen durch.

1890 legalisierte der US-Bundesstaat Louisiana das Preisboxen und New Orleans stieg zur Boxmetropole der USA auf. 1893 war der damals 29-jährige Lokalmatador Bowen im „Olympic Club“ als Favorit gegen den 18-jährigen Burke in den Ring gestiegen. Im Aufeinandertreffen der Leichtgewichtler (beide wogen rund 59 Kilogramm) verfügte Bowen über die größere Kampferfahrung. Burke stammte zwar aus Chicago, lebte aber im texanischen Galveston und wurde als „Texas Jack“ vermarktet. 8500 Zuschauer wollten den Fight sehen, der abends kurz vor halb zehn begann. Dem Sieger winkte ein für damalige Verhältnisse üppiges Preisgeld in Höhe von 2500 Dollar.

Auch in der 89. Runde wollte keiner aufgeben

In den ersten 14 Runden gingen beide Boxer ein hohes Tempo, jeder wollte einen möglichst schnellen K.-o.-Sieg. Aber keiner konnte sich entscheidende Vorteile verschaffen. Und je länger der Kampf dauerte, desto müder wurden die Akteure. In der 51. Runde fragte Bowen, warum Burke nicht mehr so hart zuschlagen würde. Burkes Antwort: „Ich kann nicht, meine Hände sind hinüber.“ Er hatte sich beidseitig Fingerknöchelbrüche zugezogen.

Trotzdem prügelten die Männer weiter aufeinander ein. Auch in der 89. Runde – mittlerweile waren rund sechs Stunden vergangen – wollte keiner aufgeben. Der Reporter der Lokalzeitung „Daily Picayune“ stellte fest: „Über Bowen heißt es, er habe sich das Handgelenk gebrochen. Angesichts der Länge des Kampfes und der Uhrzeit halte ich es nicht für ratsam, noch weiter über den Fight zu berichten oder auf das Ende zu warten.“ Obwohl beide Kämpfer schon völlig ausgepumpt waren, ging die Keilerei aber weiter.

Schon vor Jahrtausenden waren Faustkämpfe überall auf der Welt Bestandteil von Kulten und Zeremonien. Das belegen archäologische Funde aus Indien, China, Korea, Nordamerika und Afrika. Bei den Griechen gehörte das Boxen seit 668 vor Christus zu den Olympischen Spielen, im antiken Rom wurde der Faustkampf bei Gladiatorenwettbewerben ausgetragen. Über die damaligen Regeln ist nur wenig bekannt, im alten Ägypten standen sich die Boxer jedenfalls nackt gegenüber.

"Zivilisierte Wettkämpfe" statt wüste Prügeleien

Die Ursprünge des modernen Boxens liegen im England des 17. Jahrhunderts. Den ersten schriftlich belegten Kampf organisierte 1681 der 2. Herzog von Albemarle. Ab 1698 fanden im Londoner King’s Theatre regelmäßig Boxveranstaltungen statt. Damals gab es noch keinen Ringrichter und keine Nummerngirls, die Kontrahenten trugen keine Handschuhe. Um aus den wüsten Prügeleien „zivilisierte Wettkämpfe“ zu machen, stellte Jack Broughton 1743 erstmals formale Regeln für Boxkämpfe auf. Anlass war vermutlich sein siegreicher Kampf gegen George Stevenson, der schwere Verletzungen davongetragen hatte und wenige Tage später starb.

Das Titelblatt einer Boxzeitschrift zeigt den legendären Kampf zwischen Andy Bowen und Jack Burke über 110 Runden. Als die Glocke zur 111. Runde läutete, konnte keiner mehr aus seiner Ecke kommen. Ringrichter John Duffy brach das Geschehen mit der Feststellung „No contest“ („kein Kampf“, also unentschieden) ab. Inzwischen war es 4.43 Uhr morgens, sie hatten 7 Stunden und 19 Minuten gekämpft.
Das Titelblatt einer Boxzeitschrift zeigt den legendären Kampf zwischen Andy Bowen und Jack Burke über 110 Runden. Als die Glocke zur 111. Runde läutete, konnte keiner mehr aus seiner Ecke kommen. Ringrichter John Duffy brach das Geschehen mit der Feststellung „No contest“ („kein Kampf“, also unentschieden) ab. Inzwischen war es 4.43 Uhr morgens, sie hatten 7 Stunden und 19 Minuten gekämpft. | Bild: Privat

Die „Broughton Rules” legten fest, dass Schläge unter die Gürtellinie verboten waren, der am Boden liegende Gegner nicht geschlagen werden durfte und er 30 Sekunden erhielt, um sich zu erholen – ansonsten musste er den Kampf aufgeben. 1838 wurden die Regularien durch die „London Prize Ring Rules“ erweitert.

Zu den wichtigsten Neuerungen zählten das Bandagieren der Hände, um Verletzungen vorzubeugen, sowie die Einführung eines Boxrings. Im Jahr 1867 wurden die Boxregeln nochmals verbessert. Fortan gab es gepolsterte Boxhandschuhe, eine Rundendauer von drei Minuten, dazwischen Pausen von einer Minute und das Anzählen bei Niederschlägen bis zehn. Die Rundenzahl war jedoch weiterhin nicht beschränkt, es wurde geboxt, bis der Sieger feststand.

Um 4.43 Uhr hieß es: Unentschieden

Diese Vorgaben galten auch 1893. Nach mehr als 100 Runden hatte weder Bowen noch Burke den anderen niederschlagen können. Die ersten Zuschauer wanderten ab, um sich ihr Frühstück zuzubereiten, andere waren eingeschlafen. Als die Glocke zur 111. Runde läutete, konnte keiner mehr aus seiner Ecke kommen und sich dem Kampf stellen. Ringrichter John Duffy brach das Geschehen mit der Feststellung „No contest“ („kein Kampf“, also unentschieden) ab. Inzwischen war es 4.43 Uhr morgens, sie hatten 7 Stunden und 19 Minuten gekämpft.

Am 14. Dezember 1894 stand Bowen erneut im Ring, in der 18. Runde streckte George Lavigne ihn mit einer Rechten nieder. Bowen fiel nach hinten und schlug mit dem Kopf auf den Holzboden auf. Er starb am nächsten Morgen. Nach seinem Tod wurden weitere Boxveranstaltungen in New Orleans ausgesetzt. Jack Burke trat boxerisch nicht mehr groß in Erscheinung, er starb 1942.

Eine wichtige Neuerung ins Boxgeschehen brachte der Londoner Zahnarzt Jack Marles, als er 1902 einen Mundschutz vorstellte. Eine „neutrale Ecke“, die der niederschlagende Boxer vor Beginn des Anzählens aufsuchen muss, wurde Ende der 1920er eingeführt. Und die Reduzierung der maximalen Rundenzahl in Profikämpfen von 15 auf 12 erfolgte erst in den 1980er-Jahren.

 

Und was war der kürzeste Kampf?

Der bisher kürzeste Boxkampf fand am 23. September 1946 in Lewiston (Maine) in den USA zwischen Raphael Walton und Aurele „Al“ Couture statt. Walton kassierte unmittelbar nach dem Gong einen linken Haken und fiel zu Boden. Couture siegte innerhalb von zehneinhalb Sekunden durch K.o. – einschließlich der zehn Sekunden, die der Ringrichter zum Auszählen von Walton benötigte. Wer dafür Eintritt gezahlt hatte, ging sicher auch nicht glücklich nach Hause.

Schnelle Knockouts waren auch eine Spezialität von Mike Tyson in den 80er- und 90er Jahren. Einige davon gibt es hier im Video:

 

Warum heißt es eigentlich Boxring?

Im England des 17. Jahrhunderts wurde noch ohne Handschuhe geboxt. Die Fingerknöchel lagen frei, das war das sogenannte Bare-knuckle-Boxen. Die Zuschauer scharten sich um die Kämpfer und bildeten einen Ring. Der Begriff wurde auch in späteren Zeiten beibehalten. Der eigentliche Boxring, der nun quadratisch und nicht mehr rund war, wurde 1838 eingeführt. Heute hat ein Boxring eine Kantenlänge von 16 bis 24 Fuß (488 bis 732 cm). Der Kampfbereich wird von drei oder vier Seilen umspannt, die jeweils drei bis fünf Zentimeter stark sind. Der Boden ist mit einer Zeltplane bespannt.