Herr Nawalny, wie geht es Ihnen? Nur wenig dringt aus der Berliner Klinik nach außen, die Ärzte halten sich bedeckt. Doch Ihr Zustand ist sehr ernst. Niemand weiß, ob und wenn ja, mit welchen Spätfolgen Sie diese Vergiftung überleben werden – diesen Anschlag auf Ihr Leben. Zum Glück sind Sie bei den deutschen Spezialisten in guten Händen. Doch wie verzweifelt müssen Ihre Frau und Ihre beiden Kinder sein, mit welchen Ängsten abends einschlafen und morgens aufwachen, mit der Ahnung, dass ihr Leben nie wieder so sein wird wie zuvor.

Eine glückliche Familie: Alexej Nawalny steht mit seiner Frau Julia (rechts), seiner Tochter Daria und seinem Sohn Zakhar, für ein Foto zusammen, nachdem sie 2019 ihre Stimme bei der Stadtratswahl in Moskau abgegeben haben.
Eine glückliche Familie: Alexej Nawalny steht mit seiner Frau Julia (rechts), seiner Tochter Daria und seinem Sohn Zakhar, für ein Foto zusammen, nachdem sie 2019 ihre Stimme bei der Stadtratswahl in Moskau abgegeben haben. | Bild: Andrew Lubimov

Ich bewundere Ihren Mut, denn diese Vergiftung ist nicht der erste Anschlag auf Ihr Leben. Sie haben vor drei Jahren fast ein Auge verloren, als Ihnen ein Unbekannter den Farbstoff Brillantgrün ins Gesicht schüttete. Vergangenes Jahr erlitten Sie in einer Arrestzelle einen allergischen Schock wohl durch eine Substanz in Ihrem Bett. Doch woher nehmen Sie die Kraft und die Furchtlosigkeit, immer weiter zu kämpfen, Missstände aufzudecken und zu einer Hoffnungsfigur gerade der jungen Russen zu werden?

Hier im Westen sind Sie mit Abstand der bekannteste russische Oppositionelle. Ihr Vater war Offizier und diskutierte wohl so leidenschaftlich mit seinen Kollegen, dass Ihre Mutter jedes Fenster im Haus mit einem Lappen zustopfte, wie sie einmal erzählte. Schon als Jura-Student haben Sie gemerkt, dass man in Russland nur erfolgreich wird, wenn man Macht hat. Ehrgeiz und Talent reichen nicht. Experten, die Ihr Leben begleiten, vermuten, dass darin der eigentliche Grund für Ihr politisches Engagement liegt.

Beeindruckende Recherche über Medwedew

Wir kennen Sie als unermüdlichen Kämpfer gegen die Korruption. Ihr Dokumentarfilm über den fragwürdigen Immobilienbesitz von Ex-Ministerpräsident Medwedew hat mehr als 36 Millionen Aufrufe auf Youtube erreicht.

Dagegen haben Sie aber auch andere, durchaus problematische Seiten: So nannten Sie 2007 militante Kaukasier Kakerlaken. 2013 lehnten Sie die Annexion der Krim durch Russland zwar ab, doch heute sagen Sie, man müsse die Annexion als gegebene Realität anerkennen. Als Sie 2013 für den Bürgermeisterposten in Moskau kandidierten, behaupteten Sie, Migranten seien extrem gewalttätig. Solche Sätze hört man heute seltener, doch distanziert haben Sie sich auch von Ihren früheren Auftritten mit rechten Gruppierungen nie.

Unabhängig davon machen Ihr Kampf und Ihre Haftstrafen deutlich, wie groß Putins Angst vor abweichenden Meinungen ist und zu welchem verbrecherischen Vorgehen das Regime fähig ist. Dass ein Mann wie Andrej Lugowoj heute in der Duma als vermeintlicher Volksvertreter sitzt, ist erschreckend: 2006 galt er als der Hauptverdächtige für den Mord an dem russischen Ex-Agenten Alexander Litwinenko, der in London mit radioaktivem Polonium vergiftet wurde. Lugowoj sagte, Sie hätten nur in der Charité mit dem Gift in Verbindung kommen können: „Eine Krankenschwester, ein Arzt könnte die Substanz verabreichen (...) Ich bin sicher, genau das ist passiert.“

Deutschland und Europa müssen gegenüber Russland endlich klar Position beziehen, was die Einhaltung der Menschenrechte und rechtsstaatlicher Grundsätze betrifft. Bitte werden Sie gesund, Herr Nawalny!

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