Eis, und zwar jeden Tag – das wollen Kinder in den heißen Monaten. Und danach ins Schwimmbad. Für die meisten Kinder hierzulande ist das kein Problem. Ihre Eltern oder Großeltern können sie mit genügend Taschengeld ausstatten. Ein kleiner Teil der Kinder muss sich entscheiden – Eis oder Schwimmbad. Am Ende des Monats, wenn das Geld knapper wird, müssen sie auf beides verzichten. Sie zählen zu den 1 Million Kindern, die in den ärmsten Familien Deutschlands leben.

„Das was für die Mehrheit Gleichaltriger selbstverständlich ist, bleibt ihnen aufgrund der Einkommenssituation ihrer Eltern versagt“, beklagte der Chef des Paritätischen Gesamtverbandes, Ulrich Schneider, in Berlin. Insgesamt leben 13,2 Millionen Kinder- und Jugendliche unter 18 Jahren in Deutschland. Der wortmächtige Anwalt der Mittellosen legte eine neue Studie vor, die die soziale Kluft in Deutschland untersucht. Zwischen oben und unten fällt sie gravierend aus.

Während demnach die Familien mit einem Kind aus den reichsten zehn Prozent jeden Monat 1200 Euro für den Nachwuchs ausgeben, sind es bei den Familien aus den ärmsten zehn Prozent nur 364 Euro. Im deutschen Durchschnitt sind es 600 Euro. Für die Kinder aus armen Familien bleiben so für Freizeit, Unterhaltung und Sport gerade 44 Euro pro Monat. „Das Gefühl, nicht dazu zu gehören, ausgegrenzt zu sein und abseits stehen zu müssen, ist das Lebensgefühl armer Kinder“, so Schneider. Die Mitte setzt die Standards und orientiert sich nach oben.

Der Paritätische Gesamtverband gründet seine Daten auf die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe des Statistischen Bundesamtes. Die jüngsten Daten stammen aus dem Jahr 2013, was ihre Aussagekraft einschränkt, weil sie den langen Wirtschaftsaufschwung der letzten Jahre nicht erfassen. Nicht enthalten sind auch die Flüchtlinge und deren Kinder, die seit 2015 nach Deutschland gekommen sind. Allerdings zeigen die Daten auch, dass Familien aus dem unteren Einkommenszehntel um die Jahrtausendwende noch etwas mehr Geld zur Verfügung hatten.

Massive Kritik an Familienpolitik

Schneider hatte die Vorlage seiner Studie wohl bedacht. Er kippte damit Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) Wasser in den Wein. Denn seit Donnerstag gilt die zweite Stufe des „Starke-Familien-Gesetzes“. Familien mit wenig Geld bekommen mehr Unterstützung vom Staat. Für Stifte, Hefte, Füller und Taschenrechner gibt es ab sofort 150 Euro statt bislang 100 Euro pro Jahr. Die Schülerfahrkarte wird komplett übernommen genauso wie das Mittagessen in Kindergarten oder Schule. Hinzu kommt Hilfe bei Klassenfahrten und Ausflügen. Außerdem steigt der monatliche Gutschein für Sportverein, Musikschule oder Chor von 10 auf 15 Euro.

Für Schneider sind die höheren Zuschüsse nur der Tropfen auf den heißen Stein. Er nannte Giffeys Gesetz eine „peinliche Veranstaltung“ mit „kleinlichen Verbesserungen“. Der Mitgliedsbeitrag im Fußballklub könne durch den 15-Euro-Gutschein noch bezahlt werden, spätestens für ein Trikot oder Fußballschuhe „reicht es schon nicht mehr“. Der Chef des Paritätischen Gesamtverband verlangte deshalb mehr kostenlose Freizeitangebote für Kinder und höhere Hartz-IV-Sätze. Tatsächlich ist der Hauptgrund für die Armut von Kindern, dass ihre Eltern keine Arbeit haben. „Die Familien brauchen entweder mehr Geld oder freien Eintritt“, forderte der 60-Jährige.

Familienministerium wehrt sich

Das Haus der Familienministerin wehrte sich gegen Schneiders Angriff. „Mit dem Starke-Familien-Gesetz stellt die Bundesregierung in dieser Legislaturperiode mehr als 1,5 Milliarden Euro zusätzlich für die Unterstützung von Familien mit kleinen Einkommen zur Verfügung“, so das Ministerium. Entsprechend seien „die Aussagen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes irreführend“.

Die Mahnungen des Paritätischen Gesamtverband wurden hingegen von der Brandenburger Familienministerin Susanna Karawanskij (Linke) aufgenommen. Sie rief ihre Länderkollegen auf, die Beratungen für die Einführung einer Kindergrundsicherung voranzutreiben. Sozialleistungen für Kinder sollen durch eine einheitliche Kindergrundsicherung ersetzt werden.