Was hätte sie wohl gesagt, wenn sie noch mitbekommen hätte, wie weit manche Meinungsumfragen heute danebenliegen, etwa zum EU-Austritt der Briten oder dem Wahlsieg Donald Trumps in den USA? Elisabeth Noelle-Neumann, Pionierin der Meinungsforschung in Deutschland und Gründerin des Instituts für Demoskopie (IfD) in Allensbach bei Konstanz, hat Maßstäbe gesetzt, die für die Branche bis heute gelten.

Bei elf Bundestagswahlen zwischen 1957 und 1994 sagte ihr Institut die Ergebnisse treffsicher voraus: Die Abweichung betrug im Schnitt nicht mehr als ein Prozent. Dass sich die Meinungsforschung nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland als seriöse Zunft etablieren konnte, ist vor allem ihr zu verdanken.

Erster Auftrag zur Einstellung deutscher Jugendlicher 

Geboren wurden Elisabeth Noelle-Neumann vor 100 Jahren in Berlin, am 19. Dezember 1916. Schon früh führte sie der Weg an den Bodensee, einen Teil ihrer Schulzeit verbrachte sie im Internat Salem. Ihr berühmtes Institut in Allensbach baute sie wenige Jahre nach dem Krieg auf, damals noch in einer Garage.

Fortan erforschte und erfragte sie, unterstützt von einem Heer mit rund 100 Angestellten und 2000 nebenberuflichen Interviewern, die Einstellung der Bundesbürger. Noelle-Neumann hatte die Meinungsforschung 1937 als Austauschstudentin in den USA kennengelernt und sich mit dem Thema in ihrer Dissertation befasst. Die erste Umfrage, ein Auftrag der französischen Militärregierung, galt den Einstellungen deutscher Jugendlicher.

Glücksfall für den Ort Allensbach 

Mittlerweile mit dem CDU-Politiker Erich Peter Neumann verheiratet, baute sie das Institut zielstrebig aus. 1964 folgte an der Universität Mainz das Institut für Publizistik. Ein Glücksfall war die Meinungsforscherin für die Gemeinde Allensbach. Wegen der Verkürzung in den Nachrichten („Laut einer Allensbach-Umfrage“) hat sich der Ortsname als Synonym für das dortige Institut eingebürgert.

Die in den 70er-Jahren entworfene Theorie der „Schweigespirale“ ist so etwas wie Noelle-Neumanns Vermächtnis. Angesichts des Aufkommens rechtspopulistischer Tendenzen in fast allen westlichen Demokratien ist die These aktueller denn je. Deren Kerngedanken fasste sie einmal in einem kurzen Satz zusammen: „Wer sieht, dass seine Meinung an Boden verliert, verfällt in Schweigen.“ Wer sich dagegen im Einklang mit der vorherrschenden Meinung fühle, vertrete seine Position umso lauter und selbstbewusster. Das verzerre die in der Gesellschaft herrschende Meinung und führe zum Eindruck einer „schweigenden Mehrheit“. Zahlreiche Politiker, darunter die Kanzler Konrad Adenauer und Helmut Kohl, schätzten daher ihren Rat.

Demoskopin wehrt sich gegen Vorwürfe 

Auch aus diesem Grund wurde Elisabeth Noelle-Neumann immer wieder angefeindet, vor allem aus dem linken Milieu heraus. Zudem musste sie sich mit Vorwürfen auseinandersetzen, sie habe, etwa in der Doktorarbeit, antisemitisches Gedankengut unterstützt. Sie selbst wehrte sich in ihrer Autobiografie gegen die Anschuldigung, dem NS-Regime nahegestanden zu haben.

Auch die Vorwürfe ihres Biografen Jürgen Becker, der 2013 unter anderem behauptete, die Demoskopin habe nach dem Krieg eine gefälschte Entnazifizierungsurkunde vorgelegt, erwiesen sich als haltlos. Wegen einer ganzen Reihe falscher Darstellungen nahm der Schöningh-Verlag das Buch kurz nach Erscheinen vom Markt und der Autor, ein Aktivist der Linkspartei, musste strafbewehrte Unterlassungserklärungen abgeben.

So oder so bleibt Noelle-Neumanns Bedeutung für die Meinungsforschung unumstritten. Ihre Nachfolge hatte die 2010 in Allensbach verstorbene Demoskopin früh geregelt. Die Geschäftsführung teilte sie seit 1988 mit Renate Köcher, die bei ihr in Mainz diplomiert hatte. Köcher bezeichnet ihre frühere Chefin als „ungemein inspirierende Persönlichkeit, neugierig auf die Welt und die Menschen, prinzipienfest und sehr diszipliniert“.

Zur Person

  • Elisabeth Noelle-Neumann, die Begründerin der Meinungsforschung in Deutschland, wurde am 19. Dezember 1916 in Berlin als Tochter einer Fabrikantenfamilie geboren. Nach der Schulzeit (u.a. in Salem) studierte sie ab 1935 Philosophie, Geschichte und Zeitungswissenschaft. 1937 folgte ein Studienaufenthalt in den USA. Während des Kriegs schrieb sie für mehrere Zeitungen, darunter die NS-Zeitung „Das Reich“. 1947 zog Noelle-Neumann mit ihrem Ehemann Erich Peter Neumann nach Allensbach am Bodensee und gründete dort das Institut für Demoskopie. 1964 übernahm sie eine Professur für Publizistik an der Universität Mainz.
  • Privates: Noelle-Neumanns erster Ehemann starb 1973. Sechs Jahre später heiratete sie den Kernphysiker Heinz Maier-Leibnitz. Nach dessen Tod im Jahre 2000 nahm sie ihren Geburtsnamen Elisabeth Noelle wieder an. Sie lebte bis zu ihrem Tod 2010 in Allensbach.