Die Alternative kämpft mit sich selbst. Die Debatte um den rechten Flügel könnte der Partei tatsächlich zum Verhängnis werden. Dabei ist der Richtungsstreit so alt wie die Partei selbst. Doch vor den Landtagswahlen im Osten im Herbst bringt der Flügel die Partei zunehmend in Bedrängnis.

Meuthens interner Gegner

„Der Flügel ist ein loser Zusammenschluss von nationalkonservativen Kräften innerhalb der AfD„ – so versucht es Bundesvorstand Jörg Meuthen zu verharmlosen. Das muss er wohl auch, denn Flügel-Begründer Björn Höcke, in seiner Partei umstritten nicht nur wegen seiner despektierlichen Äußerung über das Berliner Holocaust-Mahnmal, wird ihm gefährlich.

Mächtiger Flügel

So wurde Meuthen nicht mehr zum Delegierten seines Heimatkreises gewählt – ein Dämpfer für den Bundesvorstand, der sich immer wieder von Höcke distanziert. Wenn man Meuthens Angaben Glauben schenken darf, gehören „20 bis 25 Prozent“ der Bewegung innerhalb der AfD an.

Besonders stark ist sie in den neuen Bundesländern, im Westen in Baden-Württemberg. Einem Fünftel der Partei kann die AfD nicht einfach den Rücken zukehren. Rechnet man die Sympathisanten mit, geht es sogar um etwa ein Drittel.

Offener Streit

Es brodelt inzwischen schon an der Oberfläche: In Bayern führte der Richtungsstreit fast zu vorgezogenen Neuwahlen des Landesvorstands. Auch in Baden-Württemberg gab es Anfang Juni nach dem Landesparteitag heftigen Streit, es sollen Neuwahlen folgen.

In Nordrhein-Westfalen traten neun von zwölf Vorstandsmitgliedern zurück. Grund: Sie monierten eine „Dominanz der AfD-Nationalisten in der Partei“. Die übrigen drei, radikaler im Kurs, blieben knapp im Amt. Der Flügel ist längst angekommen in den Spitzen der Landesverbände.

Personenkult um Höcke

Daran ändert auch der Brief von hundert hochrangigen Parteifunktionären nichts, der zum Rückhalt für den Bundesvorstand aufruft und den „Personenkult“ um Höcke verurteilt.

Bundesfraktionschef Alexander Gauland und Amtskollegin Alice Weidel haben den Brief bislang nicht unterzeichnet, Meuthen sympathisiert zumindest mit den Unterzeichnern. Die Parteispitze will ob der bevorstehenden Landtagswahlen im Herbst in Brandenburg, Sachsen und Thüringen – Höckes Gebiet – keine Fehler machen.

Völkische Didaktik

Doch Höckes völkische Äußerungen werden zum Problem für die gesamte Partei. Sie passen nicht zu dem Versuch der Rechtspopulisten, als konservative Volkspartei wahrgenommen zu werden. Jede Stimme im Osten für Höcke koste zwei Stimmen im Westen, wird kolportiert.

Doch der Flügel wird vom Verfassungsschutz beobachtet, die Partei fürchtet, der Weg zur Mitte könnte verbaut werden – so er denn jemals offen stand. Denn rechte Rufe gehörten von Anfang an zur Geschichte der AfD, besonders im Osten. Der Schulterschluss zwischen Pegida und AfD, die sich einst von der fremdenfeindlichen Bewegung abgrenzen wollte, ist in Sachsen längst vollzogen, der rechte Rand im Osten integriert.

Spiegelbild einer Partei

Höcke mag derzeit der Sündenbock sein. Einer, der die AfD als „die letzte revolutionäre, die letzte friedliche Chance für unser Vaterland“ bezeichnet und damit indirekt Gewalt als letzten Ausweg androht.

Doch selbst Bundesfraktionsvorsitzender Alexander Gauland forderte in Interviews schon die Abschaffung des „politischen Systems“, auch wenn er später revidierte und nur die große Koalition gemeint haben will. Höcke mag in seinen Äußerungen völkischer sein als andere – aber von seinem Grundtenor sind auch Menschen wie Bundesfraktionschefin Alice Weidel und Bundesvorsitzender Meuthen nicht allzu weit entfernt.

Gewagte Taktik

Die AfD fährt eine gewagte Taktik – alle, die gehofft hatten, dass der Einzug in den Bundestag die Partei zähmen würde, wurden eines Besseren belehrt. Die schleichende Radikalisierung der AfD hat nicht aufgehört – sie wurde immer weitergetrieben. Doch die Stimmen der Rechten mitnehmen, aber nicht rechts sein wollen, das kann nicht funktionieren.