Die Herbstsonne taucht das Tauerntal in goldenes Licht. Hier, unweit vom Großvenediger, beginnt eine von fünf Etappen eines ganz besonderen Wanderwegs, der von St. Johann im Walde bis an den Fuß eines Gletschers Umbalkees reicht.

Hier geht‘s lang zum Iseltrail: Die gelben Schilder begleiten Wanderer auf der Route.
Hier geht‘s lang zum Iseltrail: Die gelben Schilder begleiten Wanderer auf der Route. | Bild: Moll, Mirjam

Von Ströden, einer kleinen Siedlung tief im Iseltal, führt ein erst vor wenigen Jahren neu angelegter Erlebnispfad an den Umbalfällen und der Islitzeralm. Hier beginnt der spannende Teil der Wanderung. Denn von hier aus kann man dem Ursprung der Isel folgen, an einem der letzten unverbauten natürlichen Gletscherflüsse Österreichs. Das Gebiet gehört zum EU-geförderten Programm Natura 2000 – das unter anderem den Bau eines Großkraftwerks verhinderte und die spektakuläre Natur in dem Hochtal erhielt. Die Isel selbst ist Tirols einziger Nationalparkfluss, dem Nationalpark Hohe Tauern.

Auf zur Clarahütte

Die vierte Etappe des Trails ist besonders schön und auch ohne spezielle Wanderausrüstung gut machbar. Sie führt über elf Kilometer und fast 800 Höhenmeter führt der Pfad bis zur Clarahütte, die auf über 2000 Höhenmetern liegt. Von dort aus können Abenteuerlustige noch weiter bis zum Fuß des Gletschers gehen, müssen dabei nochmals 500 Höhenmeter überwinden und weitere acht Kilometer – hierfür empfiehlt sich eine gute Wanderausrüstung mit Steighilfen oder Stöcken.

Die sogenannten Umbalfälle sind das Tor zur hochalpinen Wildnis im Nationalpark Hohe Tauern.
Die sogenannten Umbalfälle sind das Tor zur hochalpinen Wildnis im Nationalpark Hohe Tauern. | Bild: Moll, Mirjam

Von Ströden aus wurde bereits in den 70er Jahren ein Wasserschaupfad angelegt, der in den vergangenen Jahren noch ausgebaut wurde. Entlang der Isel bietet er nicht nur spektakuläre Aussichtsplattformen über den Wassermassen, sondern auch Stationen zum Innehalten.

Im unteren Bereich des Trails entlang der Wasserfälle sind allerlei Plattformen und Stationen zum Innehalten aufgebaut. Hier kann man ...
Im unteren Bereich des Trails entlang der Wasserfälle sind allerlei Plattformen und Stationen zum Innehalten aufgebaut. Hier kann man entschleunigen, den Gedanken ihren Lauf lassen. | Bild: Moll, Mirjam
Bild 4: Der Iseltrail: Auf den Spuren einer der letzten unverbauten Gletscherflüsse Österreichs
Bild: Moll, Mirjam

Almabtrieb

Der Wasserschaupfad führt der Pfad am Hang hinauf, wo uns einige Schafherden begegnen, die von ihren Schäfern eilig den Berg hinabgetrieben werden. Noch am Morgen scheint die Sonne, doch im wechselhaften Herbst kann sich das Wetter in der Region schnell ändern. Regen setzt ein, für die kommende Nacht is der erste Schnee in den Bergen angesagt. Es ist die Jahreszeit des Almabtriebs in Tirol.

Der zunehmende Regen macht den Tieren nichts aus, sie trotten nur langsam den Berg hinab, kauen links und rechts des Weges an den wilden Himbeersträuchern. In Regenkleidung vermummte Wanderer mögen die Schafe nicht, verschreckt bleiben sie stehen, bis ihr Schäfer die Wanderer selbst wie Schafe aus dem Weg scheucht.

Im Herbst werden die Schafe von den Almen abgetrieben, in Tirol traditionell Mitte September.
Im Herbst werden die Schafe von den Almen abgetrieben, in Tirol traditionell Mitte September. | Bild: Moll, Mirjam

Vom Erlebnispfad aus führt der Iseltrail stetig weiter hinauf, oberhalb der Wasserfälle, wird der Blick frei auf das spektakuläre Hochtal mit seinen steilen Bergwänden und Wildwasser, das ins Tal stürzt. Die sogenannten Umbalfälle bilden das Tor zum Nationalpark Hohe Tauern bilden. Hier werden auch die Bäume rarer, eine karge Berglandschaft, geprägt von Mosen und Farnen, und bodennahen Büschen in den unterschiedlichsten Schattierungen von Grün- und Brauntönen.

Im Nationalpark Hohe Tauern bahnt sich das Wasser seinen eigenen Weg ins Tal, hier münden seitliche Wasserfälle in die Isel.
Im Nationalpark Hohe Tauern bahnt sich das Wasser seinen eigenen Weg ins Tal, hier münden seitliche Wasserfälle in die Isel. | Bild: Moll, Mirjam

Der Weg wird für kurze Zeit ein wenig abschüssig, bis wir die Flussseite über eine Brücke wechseln. Von hier aus müssen Wanderer einem schmalen Trampelpfad folgen, der ungesichert an der steilen Böschung entlang oberhalb des Flusses führt.

Der magische Gletscher

Nur kurz lässt der Regen nach und die Wolken reißen für wenige Momente auf, so dass der Gletscher sichtbar wird, der den Ursprung des Flusses bildet. Der Anblick des Eises dort oben hat etwas Magisches.

Der Iseltrail führt durch das Hochtal des Nationalparks Hohe Tauern in Richtung des Gletschers Umbalkees, hier im Hintergrund zu sehen.
Der Iseltrail führt durch das Hochtal des Nationalparks Hohe Tauern in Richtung des Gletschers Umbalkees, hier im Hintergrund zu sehen. | Bild: Moll, Mirjam

Schon ziehen neue Wolken auf, die fast das ganze Hochtal ausfüllen. Es wird merklich kühler, je näher man der 2000-Meter-Grenze kommt. Im Nebel der tiefhängenden Wolken taucht die Clarahütte erst wenige hundert Meter entfernt auf, dicht an den Steilhang gedrängt, um vor Steinschlag und Erdrutschen geschützt zu sein. Die historische Hütte wurde bereits im 19. Jahrhundert errichtet und hat noch viel ihres ursprünglichen Charmes erhalten. Hier können Wanderer sich aufwärmen, in der gemütlichen Stube mit warmem Tee und einer Jause stärken.

Die Clarahütte wurde schon im 19. Jahrhundert errichtet und ist eine wichtige Zwischenstation auf dem Weg zum Gletscher Umbalkees.
Die Clarahütte wurde schon im 19. Jahrhundert errichtet und ist eine wichtige Zwischenstation auf dem Weg zum Gletscher Umbalkees. | Bild: Moll, Mirjam

Für die Mutigen, die von hier aus eine weitere Tagesetappe bis hinauf zum Ursprung der Isel gehen wollen, gibt es die Möglichkeit, einen der wenigen Schlafplätze zu nutzen. Wer keinen Platz gebucht hat, muss von hier aus den Rückweg antreten. Ob des andauernden Regens und den immer rutschiger werdenden Pfade ist Vorsicht geboten.

Die oberen Umbalfälle sind besonders spektakulär ob ihrer Dimensionen. Wie viel Wasser hier hinabstürzt, wird deutlich, wenn man weiß, ...
Die oberen Umbalfälle sind besonders spektakulär ob ihrer Dimensionen. Wie viel Wasser hier hinabstürzt, wird deutlich, wenn man weiß, dass das Holz, das ins Wasser ragt, ein ganzer Baumstamm ist. | Bild: Moll, Mirjam

Den Pfad zur Clarahütte muss man auf dem gleichen Weg zurücklaufen – einen Rundweg gibt es hier nicht. Doch auch talabwärts bekommt man immer neue Eindrücke, sieht das Wasser und Details am anderen Ufer, die vorher unsichtbar waren. Auch die Wasserfälle haben sich verändert: Sie rauschen stärker als zuvor, gespeist vom Regenwasser tosen die Wassermassen metertief hinab, die Gischt verteilt sich wie feiner Nebel über die Schlucht. Dann, ganz plötzlich, bricht die Sonne durch, der das Iseltal einmal mehr in das wunderbar goldene Herbstlicht taucht.