„Sind wir auch noch so träge, unser Darm ist stets bewegungsfreudig!“ Es ist diese neue humorvolle und partnerschaftliche Sicht auf unseren Darmtrakt, mit der die junge Wissenschaftlerin Giulia Enders begeisterte. Mit ihrem Bestseller „Darm mit Charme“ gelang es ihr, in Deutschland diese bislang unbekannte Welt im Bauch als faszinierend und hochkomplex ins Bewusstsein zu rücken.

Größtes Organ im Körper

„Unser Klogang ist eine Meisterleistung.“ Denn schließlich ist der Darm mit bis zu zehn Metern Länge das größte Organ im Körper. Er hätte ausgefaltet eine Oberflächengröße von rund 180 Quadratmetern und muss im Laufe des Lebens etwa 45 Tonnen Nahrung verdauen.

Doch einhergehend mit der neuen Erkenntnis, dass dieses fleißige Organ so viel Einfluss auf unser Wohlbefinden hat, scheint auch die Zahl der Menschen zu wachsen, die unter Darmerkrankungen leiden.

Stimmt etwas mit dem Darm nicht, dann stimmt oft etwas nicht mit der Verdauung. Vielleicht eine Nahrungsmittelunverträglichkeit?

Gereizt oder chronisch entzündet

Bei einer Unverträglichkeit (Intoleranz) kann der Darm bestimmte Lebensmittelbestandteile nicht richtig verdauen oder abbauen. Intoleranzen sind mittlerweile in fast jeder Familie ein Thema – angeblich reagiert jeder dritte Deutsche auf bestimmte Lebensmittel.

Dabei ist zwischen Nahrungsmittelallergie und Unverträglichkeit zu unterscheiden. Die neuen Übeltäter für Magen- und Darmbeschwerden heißen heute: Laktose, Histamin, Fruchtzucker oder Gluten. Die Schätzungen von Gesundheitsexperten über die tatsächlich vorhandenen Lebensmittelintoleranzen liegen darunter.

Im Arztreport 2019 der Barmer Ersatzkasse wird das Reizdarmsyndrom schon als Volksleiden betitelt. Eine Million Menschen in Deutschland erhielten 2017 diese Diagnose, man geht aber sogar von bis zu elf Millionen Erwachsenen aus, die regelmäßig an Symptomen wie Durchfall, Krämpfen, Blähungen oder Verstopfung leiden. Erkrankt sind laut Report dabei zunehmend Jüngere.

400.000 Deutsche sind erkrankt

Bei den chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED), die sich durch wiederkehrende und stetige Krankheitsschübe unterscheiden, sieht es ähnlich aus.

Die beiden häufigsten CED sind die Colitis ulcerosa, eine chronische Entzündung des Dickdarms sowie Morbus Crohn, eine ähnliche entzündliche Erkrankung, die bei den meisten Patienten den letzten Dünndarmabschnitt betrifft. Ein Befall des Dickdarms ist möglich, aber seltener.

In Deutschland sind derzeit 400.000 Menschen betroffen. Die Krankheitsfälle nehmen seit Anfang des 19. Jahrhunderts in den Industrieländern stetig zu. Einstiegsalter: 15 bis 35. Die schlimmste Form der Darmerkrankung ist der Darmkrebs.

Laut Schätzungen des deutschen epidemiologischen Krebsregisters sind im Jahr 2018 (Schätzungen von 2014) 33.000 Männer und 26.000 Frauen an einem Karzinom erkrankt. Darmkrebs ist bei Männern die dritthäufigste und bei Frauen die zweithäufigste Tumorerkrankung hierzulande. Deutschland liegt bei den Neuerkrankungsraten mit an der Spitze.

Neue Medikamente

Das vermehrte Wissen über das technische Wunderwerk Darm verändert die Vorstellung der Funktionsweise des Organs. Ständig verkünden Wissenschaftler neue Erkenntnisse. Professor Dominik Bettenworth, Oberarzt für Gastroenterologie und Hepatologie am Universitätsklinikum Münster, betreut 900 Patienten mit Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa: „Viele neue Substanzen befinden sich derzeit in klinischen Studien“, sagt der Mediziner. „Medikamente, die viel zielgerichteter wirken. Die neuen Substanzen sind der Tatsache geschuldet, dass wir die Krankheitsentstehung langsam besser verstehen.“

Bislang galt Cortison als Standardmedikament. Da es sich aber bei den Darmerkrankungen um lebenslange Krankheiten handelt, sind Medikamente mit weniger Nebenwirkungen gesucht.

Inzwischen steht auch das Darm-Mikrobiom im Fokus: „Das ist ein heißes Thema in der wissenschaftlichen Gemeinschaft – auch, weil es jetzt erst eine neue Messmethode der Bakterien im Darm gibt“, sagt Bettenworth.

Schutzfunktion oder Trigger von Erkrankungen

Der englische Autor und Arzt Michael Mosley beschreibt die neuen Erkenntnisse in seinem Buch „Clever essen für den Darm“ so: „Bis vor Kurzem war die Welt des Mikrobioms dunkel, feucht und geheimnisvoll. Die Lebewesen dort unten haben niemals Tageslicht gesehen. Es sind mehr als 50 Billionen, mindestens 1000 verschiedene Arten von Mikroben.“

Die Art der Darmbakterien spielt eine große Rolle. Denn schließlich schützt das Biom den Darm nicht nur vor Eindringlingen, es steuert zu 70 Prozent unsere Immunabwehr.

Das jeweils individuelle Mikrobiom jedes Menschen besitzt eben einerseits schützende Funktionen, andererseits kann es als Trigger von Erkrankungen fungieren.

Was kann man essen, um die besten Bakterien im Darm zu haben? 

„Eine geänderte Zusammensetzung der Darmbakterien kann die Anzahl der Husten- und Erkältungserkrankungen, aber auch die Auswirkungen einer Reihe von allergischen und Autoimmun-Erkrankungen reduzieren“, so Mosley.

Was kann ich essen, um die besten Bakterien im Darm zu haben? „Das Biom sollte so multikulturell wie möglich sein. Leider sind viele Arten in unserem Darm vom Aussterben bedroht“, schreibt Mosley. 

„Das liegt zum Teil daran, dass wir uns so einseitig ernähren. 75 Prozent der Nahrung weltweit stammt von nur zwölf Pflanzen und fünf Tierarten.“ Der Experte Bettenworth relativiert: „Es ist bislang keine gezielte Beeinflussung des Mikrobioms möglich. Denn es gibt noch gar keine wissenschaftlichen Belege und man kann derzeit auch noch gar keinen kausalen Zusammenhang herstellen, welche Bakterien eindeutig gut oder schlecht sind.“

Aber es wird viel Aufwand betrieben. Am Institut für Klinische Molekularbiologie in Kiel arbeiten 100 Forscher zu dem Thema.

Einfluss auf die Psyche

Ebenso spektakulär erscheint der Darm als des Körpers zweites Gehirn. Der Darm besitzt nach dem Hirn das größte Nervensystem. „Man spricht eher von der Gehirn-Darm-Achse, was die starke Verbindung zwischen Gehirn und Darm ausdrückt“, sagt Bettenworth.

Dass das psychische Befinden die Verdauung beeinflusst, ist bekannt. Viele Menschen reagieren in Stresssituationen mit Magen- oder Darmproblemen. Neu ist aber die Erkenntnis, dass Darmbakterien über Signale des Darmnervensystems Einfluss auf die Psyche nehmen könnten.

Wie viel Einfluss wiederum die Ernährung auf den Darm hat, ist nicht genau geklärt.

Weniger Fleisch und Wurst

Während Michael Mosley zu naturbelassenen und fermentierten Lebensmitteln rät, um das Mikrobiom zu pflegen und aufzubauen, rät Fachmann Bettenworth zur mediterranen Ernährungsform und Olivenöl. Die Empfehlungen, wie normales Gewicht, viel Bewegung und der Verzicht auf Tabak und übermäßigen Konsum von Alkohol, sind auch in Hinsicht auf die Darmgesundheit gegeben.

Was der Darm auf jeden Fall braucht, sind Ballaststoffe aus Getreideprodukten, Hülsenfrüchten und aus Gemüse, dafür weniger Fleisch und Wurst.

Clever essen fuer den Darm von Michael Mosley
Clever essen fuer den Darm von Michael Mosley | Bild: Riva-Verlag

Zum Weiterlesen: Emeran Mayer, Das zweite Gehirn. Wie der Darm unsere Stimmung, unsere Entscheidungen und unser Wohlbefinden beeinflusst; Riva-Verlag, 19,99 Euro. Das Buch „Darm mit Charme“ gibt es in einer Neuauflage des Ullstein-Verlags für 16,99 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Der Darm und wie man vorsorgen kann

  • Früherkennung: Für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED) oder Darmkrebs dient zunächst der Hämoccult-Test, mit dem sich winzige Mengen Stuhl im Blut aufspüren lassen. Ab einem Alter von 55 Jahren gibt es das Angebot einer ersten und kostenfreien Spiegelung des Dickdarms. Die Diagnostik schließt die Magen- und Darmspiegelung, eine Ultraschalluntersuchung des Bauchraums, radiologische sowie Blut- und Stuhluntersuchungen ein. Der Magen-Darm-Arzt erkennt anhand der Befunde Schweregrad und Ausbreitung der Entzündung. Bei Verdacht auf CED kann eine endoskopische Untersuchung mit einer verschluckbaren Videokapsel durchgeführt werden.
    http://www.magen-darm-aerzte.de
  • Reizdarm und Morbus Crohn: Was genau zu CED führt, ist zum Teil noch ungeklärt. Bislang weiß man, dass äußere Einflüsse wie Essgewohnheiten, eine genetische Vorbelastung sowie das Mikrobiom (Darmflora mit Kleinstlebewesen) von Bedeutung sind. Eine vollständige Heilung von Morbus Crohn ist derzeit nicht möglich. Der Arzt muss sich auf die symptomatische Behandlung der Beschwerden konzentrieren.
  • Darmkrebs: Hier spielt die Früherkennung eine große Rolle: Je früher er entdeckt wird, desto besser sind die Heilungschancen. Darmkrebs hat einen schleichenden Verlauf, der lange Zeit beschwerdefrei bleibt. Bei der Darmspiegelung kann Darmkrebs durch Entfernen von Polypen eventuell verhindert werden. Eine familiäre Veranlagung für Darmkrebs ist möglich, sie lässt sich aber nur bei einem kleinen Teil aller Betroffenen nachweisen. Ab dem 1. Juli 2019 sind die Krankenkassen gesetzlich dazu verpflichtet, ihre Versicherten per Brief auf den Anspruch der Darmkrebsfrüherkennung hinzuweisen. (au)
    http://www.kompetenznetz-darmerkrankungen.de
    http://www.dasgastroenterologieportal.de
    http://www.gastro-liga.de