Meine liebe Oma, du musst jetzt stark sein, denn ich höre Hip-Hop. Ist das nicht die Musik, die im Radio läuft? Stimmt. Das ist aber auch die Musik, in der Frauen schnell als Bitches bezeichnet werden, was mit Miststück zu übersetzen ist. Wir sollten mal darüber sprechen, warum ich durch meinen Musikgeschmack aber nicht auch ein Miststück bin. Und warum auch ein Hip-Hop, der zuletzt besonders mit einem Echo-Preis trotz Antisemitismus-Vorwürfen auf sich aufmerksam machte, seine Daseinsberechtigung hat.

Keine Musikrichtung ist derzeit so erfolgreich wie Hip-Hop: 2017 haben die US-Amerikaner erstmals mehr Hip-Hop und R&B gehört als Rock, stellte die US-Marktforschungsfirma Nielsen fest. Den Vorsprung haben die Rapper seitdem vergrößert – 31,2 Prozent der gehörten Musik sind Hip-Hop und R&B, wie Zahlen für das erste Halbjahr 2018 belegen. Und spätestens seit April ist Hip-Hop ganz offiziell Kunst: Kendrick Lamar erhielt als erster Rapper den Pulitzer-Preis. Er ist der erste Preisträger unter den Musikern, der nicht aus der Klassik oder dem Jazz kommt.

Am vergangenen Wochenende haben 21 000 Frauen in Frauenfeld gefeiert – sie ist eine davon.
Am vergangenen Wochenende haben 21 000 Frauen in Frauenfeld gefeiert – sie ist eine davon. | Bild: Arndt, Isabelle

Grenzüberschreitung als Stilmittel

Während die Rolling Stones auch nach über 50 Jahren noch rocken und beim jüngsten Album ausschließlich die Titel coverten, erfindet sich Hip-Hop seit seinen Anfängen ständig neu. In den späten 1980er-Jahren entwickelte sich der Gangster-Rap. Die Sprache ist direkt, der Inhalt ist schonungslos. Das ist in Deutschland lange nicht aufgefallen: Die Texte waren Englisch, wer versteht da schon die Feinheiten. Doch mit dem Plattenlabel Aggro Berlin und Rappern wie Sido oder Bushido wurde vor etwa 15 Jahren deutscher Gangster-Rap populär. Ist Sido nicht der, der so schön von Liebe singt? Stimmt, doch das ist auch der mit dem „Arschfick-Song“. Die Hip-Hop-Expertin Sina Nitzsche von der Technischen Universität Dortmund beschrieb in einem Interview: „Grenzüberschreitung ist eines der zentralen Stilmittel des Gangster- und Battle-Raps. Der ist auch homophob, frauenfeindlich und in anderer Weise abwertend. Das gehört allerdings zum Genre wie der Cowboy zum Western.“

Von der angebeteten Königin zum Miststück

Wie kann das sein, wird die Oma jetzt fragen. Es gibt doch so viel schöne Musik, die Liebe, Romantik und meinetwegen auch Sex thematisiert – angefangen mit dem Minnesang im zwölften Jahrhundert. Die Themen sind gleich, die Umsetzung aber eine ganz andere. Frauen wurden entthront – aus der im Minne angebeteten, unerreichbaren Königin wurde die Bitch von nebenan. Warum das so ist, beantwortet Sina Nitzsche dem SÜDKURIER: Der Grund für die explizite Ausdrucksweise liege bereits in den Ursprüngen des Hip-Hop. "In einer Gesellschaft, in der weiße Amerikaner eine historisch verankerte Vormachtstellung besitzen, ist Hypermaskulinität für den Überlebenskampf zentral, stiftet Identität und verleiht den Künstlern eine gewisse Macht, Aura und Authentizität."

Rapper betonen ihre Männlichkeit, indem sie Frauen degradieren. Hip-Hop ist aber nicht per se frauenverachtend: "Man muss wie bei jedem Kulturphänomen differenzieren. Besonders das Genre kann ein wichtiger Anhaltspunkt für die Darstellung von Männlichkeit und Weiblichkeit sein", sagt Nitzsche. So sei beim Gangster-Rap die Grenzüberschreitung ein zentrales Stilmittel. Doch es gebe auch Genres, die sich für Gleichberechtigung, Menschenrechte und Toleranz einsetzen.

<strong>Nicht nur für Männer: </strong>Frauen stehen beim Openair Frauenfeld zahlreich vor der Bühne und feiern – auch, wenn Begriffe wie Bitch (deutsch: „Miststück“) fallen.
Nicht nur für Männer: Frauen stehen beim Openair Frauenfeld zahlreich vor der Bühne und feiern – auch, wenn Begriffe wie Bitch (deutsch: „Miststück“) fallen. | Bild: Arndt, Isabelle

Frauen sind 42 Prozent vom Publikum

Nitzsche hat ihr Berufsleben dieser Musik gewidmet und neben ihrer Forschung im März das europäische Hip-Hop-Studies-Netzwerk gegründet. "Als Kulturwissenschaftlerin finde ich, dass die HipHop-Kultur als eine der wichtigsten globalen (pop-)kulturellen Bewegungen ein super spannendes Forschungsfeld ist", sagt sie. Die Analyse erlaube ihr Rückschlüsse über kulturelle Problemstellungen und Entwicklungen, dazu zählt sie etwa Geschlechterrollen oder Machtverhältnisse. Auch privat sei sie auf Hip-Hop-Konzerten zu treffen. Damit ist sie nicht allein: Beim Openair Frauenfeld am vergangenen Wochenende waren 42 Prozent des Publikums Frauen – also 21.000.

Harte Texte erzeugen Aufmerksamkeit

Beweisen müssen sich Rapper mit besonders harten Texten nicht, sagt Nitzsche. "Frauenfeindliche und homophobe Texte eignen sich allerdings sehr gut für die kommerzielle Vermarktung, denn sie garantieren eine breite Aufmerksamkeit." Ein Beispiel dafür ist das Siegel „Parental advisory – explicit content“. Der US-amerikanische Verbraucherhinweis, der Eltern ab 1990 vor harten Texten warnen sollte, wurde für Musiker zum begehrten internationalen Markenzeichen. Vulgäre Sprache ist dabei keine Erfindung des Hip-Hop: Bereits das Wunderkind der Klassik, Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791), schrieb einen Text mit Zeilen wie „Leck mir den Arsch recht schön sauber“. Hättest du das gewusst, liebe Oma?

<strong>Sie drehen den Spieß um: </strong>Das Duo SXTN (spricht sich Sixtn) rappt ebenso explizit wie Männer. Hier beim Frauenfeld 2017. Bilder: Isabelle Arndt
Sie drehen den Spieß um: Das Duo SXTN (spricht sich Sixtn) rappt ebenso explizit wie Männer. Hier beim Frauenfeld 2017. | Bild: Arndt, Isabelle

Hip-Hop wird weiblicher...

Dass es auch anders geht, könnten weibliche Rapper wie SXTN zeigen. Die machen sich aber vielmehr die Klischees zu eigen und diese damit teils lächerlich. Wer bezeichnet sich schon selbst als Fotze? Juju alias Judith Wessendorf und Nura Habib Omer haben auf ihrem ersten Album, das 2017 Platz acht der Charts erreichte, Titel wie „Die Fotzen sind wieder da“ und Zeilen wie „Ich ficke deine Mutter ohne Schwanz“. Laut der Hip-Hop-Expertin Nitzsche entkommen sie damit aber nicht dem Dilemma: Wenn sie ihre Weiblichkeit nicht verstecken oder den männlichen Rahmen nutzen, würden sie nicht ernst genommen. Das lasse sich auch in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens wie der Politik beobachten.

... und freundlicher

Es gibt Hoffnung, dass meine Oma in Zukunft nicht mehr so den Kopf schütteln muss: "Im angesagten deutschsprachigen Cloud-Rap, deren Vertreter Young Hurn, Rin und Bausa auch in Frauenfeld aufgetreten sind, verschwimmen zunehmend traditionelle Geschlechterrollen", sagt Nitzsche. Seit einigen Jahren würden auch US-amerikanische Künstler wie Macklemore und Ryan Lewis die Identitätsentwürfe von Homo- oder Transsexuellen thematisieren – beim Titel "Same Love" rappt Macklemore etwa davon, dass es keinen Frieden gibt, bis alle gleich sind, und dass er sich dafür einsetzt. Dass solche Zeilen entstehen, geht laut Nitzsche mit kulturellen Veränderungen einher, etwa der Hochzeit von Homosexuellen. Siehst du Oma, Hip-Hop ist gar nicht so schlecht. Nur ein wenig anders. Und auf einem guten Weg.

Die Ursprünge des Hip-Hop:

Die Zeilen, die den Echo zu Fall brachten:

Die zwei Seiten des Sido alias Paul Würdig:

Ein Beispiel für deutschsprachigen Cloud-Rap, bei dem die traditionellen Geschlechterrollen zunehmend verschwimmen:

Rappende Frauen, die im Männerklischee bleiben:

Rappende Frauen, die einen anderen Weg wählen:

Hip-Hop wird freundlicher: Macklemore rappt von gleichgeschlechtlicher Liebe