Etwa jeder dritte Erwachsene hierzulande leidet unter Schlafstörungen, weswegen Produkte, die eine Lösung für dieses Problem versprechen, ihren Verkäufern große Umsätze einbringen. Eines von ihnen: Melatonin. Mittlerweile kann man sich dieses Hormon auch in Mund und Nase sprühen. Was medizinisch tatsächlich sinnvoll sein kann – aber juristisch es so dunstig wie der Nebel, der aus dem Fläschchen kommt.

Ein Sechs-Stunden-Flug über mehrere Zeitzonen hinweg, und am Abend soll man zur Ruhe finden, obwohl der Körper noch auf Mittag eingestellt ist? Glaubt man den Anbietern des Melatonin-Sprays, so soll dies kein Problem mehr sein: vier bis acht Sprayschübe in den Mund, und schon hat man die erforderliche Menge des Schlafhormons im Blut, um zügig in Morpheus‘ Armen zu versinken.

Also keine Tabletten oder Pillen mehr. Was angeblich nicht nur den Verdauungstrakt, sondern auch den Weg durch den Zoll entspannt. Denn dort würde man, so die Botschaft des Anbieters, die kleinen Sprühfläschen eher durchwinken als die Vorratspackung mit 240 Melatoninpillen.

Wie Melatonin unseren Schlaf-Rhythmus regelt

Nasen- und Mundsprays sind der aktuelle Trend in der Anwendung einer Substanz, die schon länger zu den großen Hits der Komplementärmedizin gehört: Melatonin. Das in der Zirbeldrüse des Gehirns produzierte Hormon spielt eine zentrale Rolle im Bio-Rhythmus: Nachts steigt normalerweise sein Pegel an, um den Körper auf einen erholsamen Schlaf einzustellen.

Doch mit zunehmendem Alter sowie unter dem Einfluss von Schichtarbeit, Bewegungsmangel und Stress versiegt die Melatoninproduktion, mit der möglichen Folge von Schlaflosigkeit und Gereiztheit sowie Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen. Was liegt da näher, dem Körper Extra-Portionen des Schlafhormons zuzuführen?

Dass diese Strategie tatsächlich helfen könnte, belegen klinische Studien. Und Mahesh Thakkar von der University of Missouri-Columbia hat in aufwendigen Laborexperimenten auch herausgefunden, welche Prozesse dahinterstecken. Demnach blockiert Melatonin im Hypothalamus, dem Schlafzentrum in der Tiefe des Hirns, zielsicher die sogenannten Orexin-Neurone, die uns sonst wach machen würden. Es sorgt also mit beeindruckender Präzision dafür, erläutert Thakkar, „dass in unserem Gehirn keine Alarmsysteme mehr anspringen können“.

An der University of Copenhagen hat man zudem entdeckt, dass von außen zugeführtes Melatonin besser vom Körper aufgenommen wird, wenn man es als Spray in Mund oder Nase verabreicht. Denn es gelangt dabei direkt über die Schleimhaut ins Blut, während es bei der Einnahme per Pille oder Tablette diverse Verdauungsprozesse durchlaufen muss, bei denen bis zu 85 Prozent seiner Wirksamkeit verloren gehen, sofern man nicht mit speziellen Rezepturen dagegensteuert.

Mögliche Wirkung gegen Krebs

Die trendigen Sprays könnten also im Kampf gegen Jetlag und Schlafstörungen durchaus etwas bringen. Ganz zu schweigen davon, dass Melatonin mittlerweile auch als Mittel zur Prävention und Therapieunterstützung von Krebs und Diabetes diskutiert wird. Das Problem ist jedoch: Man kann es nicht einfach in der Apotheke kaufen wie Baldrian- oder Johanniskrauttabletten.

Denn Arzneimittel mit Melatonin dürfen hierzulande nur abgegeben werden, wenn die entsprechende Verordnung eines Arztes vorliegt. Und diese Einschränkung gilt nicht nur für das einzige in Deutschland zugelassene Präparat, sondern auch für alle Importe aus dem Ausland.

Trotzdem kann man hierzulande durchaus an Melatonin kommen. Beispielsweise in einigen Drogeriemärkten, vor allem aber bei diversen Internetanbietern. Oft in Kombination mit Heilpflanzen wie Passionsblume, Hopfen und Melisse oder auch Vitamin D, was aber nichts daran ändert, dass man mit den Produkten problemlos auf die medizinisch wirksamen Tagesdosen von ein bis zwei Milligramm oder sogar noch mehr Melatonin kommen kann. Und das ohne ärztliches Rezept.

Es können auch Geldstrafen drohen

Möglich wird das durch die unübersichtliche Rechtslage in Deutschland. Denn eigentlich gilt hier, dass Melatoninpräparate zulassungs- und rezeptpflichtig sind, um den Patienten vor eventuellen Nebenwirkungen zu schützen. Diese Einschätzung wurde auch kürzlich wieder vom Bundesgerichtshof bestätigt, sodass man auch Nahrungsergänzungen oder diätische Lebensmittel mit Melatonin nicht frei verkaufen darf.

Doch einige von deren Herstellern zogen mit dem Argument vor Gericht, dass man über den Verzehr natürlicher Nahrungsmittel ebenfalls an hohe Melatonindosierungen kommen könnte und deshalb ihr Präparat keiner Zulassung als Arzneimittel bedarf. Die meisten Gerichte sind dieser Auffassung nicht gefolgt – doch einige schon. Und deshalb gibt es in Deutschland auch frei erhältliche Melatoninpräparate.

Möglich also, dass das Melatoninprodukt, was man sich gerade besorgt, eigentlich gar nicht verkauft werden dürfte. Außerdem gibt es keine Gewissheit über dessen Inhalt, denn für Nahrungsergänzungen oder diätische Lebensmittel gelten nicht die gleichen strengen Vorschriften wie für ein rezeptpflichtiges Medikament. Und nicht zuletzt sollte man sich davor hüten, von seinem Urlaub in den USA einen Koffer voller Melatoninprodukte mitzubringen.

Denn die bekommt man dort zwar ohne Rezept und für sehr wenig Geld, doch ihr Import hierher ist schlichtweg verboten. Wer es trotzdem macht, riskiert eine fünfstellige Geldstrafe.

Das hilft beim Einschlafen

Ohne Schlaf geht es nicht. Das Gehirn braucht den Offline-Status, in der Nacht wird verkabelt, was am Tag erlebt wurde. Bekommt ein Erwachsener dauerhaft weniger als sieben Stunden Schlaf pro Tag, geht es ihm nicht gut. Dabei kann jeder einiges für gesunden Schlaf tun.

  • Sport: Wer sich am Tag viel bewegt, kann abends besser einschlafen. Kurz vor dem Schlafengehen empfiehlt sich Sport dagegen nicht mehr.
  • Trinken: Ab Nachmittag sollte Koffeinhaltiges wie Kaffee oder schwarzer Tee tabu sein. Alkohol taugt nicht als Schlafmittel: Man schläft vielleicht gut ein, aber schlechter durch.
  • Essen: Muss der Magen fettreiches Essen verdauen, kann das ebenfalls wachhalten. Abends also leicht und nicht zu üppig essen und genügend Abstand zur Bettgehzeit einhalten.
  • Ordnung: Auch Nickerchen am Tag können den Nachtschlaf stören. Gut ist ein regelmäßiger Wach- und Schlafrhythmus.
  • Abschalten: Fernseher, Smartphone oder Tablet sollten nicht bis zum Schlafengehen laufen.
  • Entspannen: Einschlafrituale oder Entspannungsübungen helfen, gedanklich abzuschalten und aus dem Sorgenkarussell auszusteigen.
  • Umgebung: Das Schlafzimmer wird gut durchgelüftet und abgedunkelt, 16 bis 20 Grad sind eine ideale Schlaftemperatur. Wer nachts wach wird, sollte sich mit dem Blick auf den Wecker nicht verrückt machen. Bei allzu langem Wachliegen im Bett kann man versuchen, die Zeiten etwas zu verkürzen: Man geht später schlafen und steht früher auf.
  • Nebenwirkungen vermeiden: Mitunter können auch Medikamente als Nebenwirkung den Schlaf beeinträchtigen. Möglich ist das laut der Apothekenzeitschrift bei Betablockern, bestimmten Antidepressiva oder Medikamenten gegen Blasenschwäche. Dann sollte man mit dem Arzt über mögliche Alternativen reden. (dpa)