Sperbes-West, Fränkische Schweiz. Ein Autobahn-Rastplatz. Urlauber bei der Brotzeit, rotes Toilettenhäuschen, metallene Sanitäranlagen, Sticker an der Wand. Auf dem siebtletzten Lkw-Stellplatz klappt ein Mann oberkörperfrei den Beifahrersitz um, verkriecht sich in seine Schlafkabine und zieht den Vorhang des Fahrerhäuschens zu.

Dieser Stellplatz ist Teil einer Geschichte, deren Kapitel umso düsterer werden, je tiefer man in sie eintaucht. Sie handelt von Menschen, die bei der Suche nach einer ihrer Liebsten von der Polizei enttäuscht werden. Vom hetzerischen Sog der Rechten. Vor allem: Von einem schrecklichen Verbrechen. Es ist die Geschichte der Tramperin Sophia Lösche und ihrer Reise in den Tod.

Der 14. Juni 2018 ist ein milder Donnerstagabend. Sophia, eine 28-jährige Germanistik-Studentin mit sonnigem Lächeln, besucht noch ein Seminar an ihrer Uni in Leipzig, dann will sie in die Heimat nach Amberg fahren. Ihr Vater feiert am nächsten Tag Geburtstag. Sie stellt sich an die Tankstelle am Autohof Schkeuditz-West, einem bekannten Tramper-Ort. Sophia fuhr von hier oft per Anhalter, vor allem mit Eva K., ihrer besten Freundin. „Es war eine Mischung aus Geld sparen, Leute kennenlernen und Abenteuerlust. Man hat immer eine gute Story erlebt beim Trampen“, erzählt sie.

„Trampe gerade mit Bob“

Sophia spricht Autofahrer an – vergeblich. Dann kommt Boujemaa L., 42, auf sie zu, genannt Bob, ein Lkw-Fahrer aus Marokko auf dem Weg zurück zum Speditionssitz in Tanger. Sie unterhalten sich mit Händen und Füßen, Englisch und ein paar Brocken Arabisch. Anderthalb Stunden vor dem Aufeinandertreffen hat L. sein erigiertes Glied fotografiert und am Vortag auf einem Parkplatz zwei Frauen vor der Toilette abgelichtet. Das werden später Handyauswertungen ergeben. Sophia steigt in den blauen 40-Tonner, Modell Renault T 460. Um 18.14 Uhr fahren sie ab.

90 Minuten später schickt sie eine Nachricht an drei Freunde: „Trampe gerade mit Bob, einem marokkanischen Trucker, von Leipzig nach Nürnberg. Und er hat mir so ne marokkanische Pfeife geschenkt.“ Dann: vier schockierte Emojis. Es ist Sophias letztes Lebenszeichen.

Was danach passiert, rekonstruiert die Staatsanwaltschaft Bayreuth wie folgt: Boujemaa L. fährt die A9 südwärts, hält am Parkplatz Sperbes-West, siebtletzter Stellplatz, und vergeht sich „auf unbekannte Weise“ an Sophia. Um die Tat zu verheimlichen, fesselt er die Tramperin und tötet sie „zu einem nicht feststellbaren Zeitpunkt“ mit einem stumpfen Gegenstand.

GPS-Daten des Lkw werden zeigen: Sophia befindet sich von 21 Uhr bis kurz vor Mitternacht auf dem Parkplatz – obwohl der Ladeort des Fahrers in Lauf an der Pegnitz und auch Sophias potenzielle S-Bahnstation nach Amberg nur 20 Fahrminuten entfernt sind. Mit einer App, die heimlich filmen kann, nimmt L. an diesem Abend zwei Videos auf. Er löscht sie noch in der Nacht. Ihr Inhalt lässt sich nicht wiederherstellen.

Sophias Verschwinden

Am frühen Morgen nach Sophias Verschwinden ruft der Vater bei der Amberger Polizei an. Sie läge wahrscheinlich irgendwo betrunken in der Ecke, lautet dort angeblich die Reaktion. Zumindest behaupten das Freunde und Sophias Bruder Andreas; belegt ist das nicht. Eine junge Frau steigt in einen Lkw und kommt nie zu Hause an – liegt da ein Verbrechen nicht auf der Hand? Der Fall wird zunächst nur als Vermisstenanzeige aufgenommen.

Angehörige bombardieren die Polizei mit Anrufen. Eva K. gibt den Hinweis, dass Sophia in Schkeuditz losgefahren sein muss. Cousine Klara Z. fleht die Beamten an, dorthin zu fahren, um die Bilder der Überwachungskamera auszuwerten – und wird abgewiesen. Eine Polizeiinspektion in Leipzig verweist auf die Amberger Kollegen. Die verweisen auf Sachsen, schließlich habe Sophia dort ihren Wohnsitz.

Inzwischen hat der Trucker L. seine Ladung über Nacht planmäßig in Lauf abgeholt, 17 Paletten Elektrozubehör. Bevor er am Nachmittag Textilchemikalien in Langweid bei Augsburg lädt, wird der Verdächtige sechs Mal von Überwachungskameras an Tankstellen erfasst – angeblich, wird er später vor Gericht zu Protokoll geben, um die Maut zu zahlen, was wegen defekter Automaten nicht möglich gewesen sei. 10.55 Uhr, Feucht. Über der Lehne des Beifahrersitzes hängt eine gelbe Warnweste. 11.46 Uhr, Hilpoltstein. 12.10 Uhr, Greding-West. L. kauft ein Wasser und sucht die Toilette auf. 13.18 Uhr, Schrobenhausen. 13.59 Uhr, eine Aral-Tankstelle in Augsburg. 14.30 Uhr, Autobahn-Raststätte Augsburg-Ost. L. läuft unruhig, tippelt mit dem Fuß, wirkt nervös. Ermittlungen ergeben: Keine Zahlstation auf dieser Strecke hat eine Störung aufgewiesen. Und: Auf keiner der krisseligen Aufnahmen ist die Vermisste zu sehen.

Während L. in Richtung Frankreich fährt und Fußball-Deutschland dem WM-Auftakt gegen Mexiko am Sonntag entgegenfiebert, läuft die Suche nach Sophia im Akkord. An die 90 Leute kleben Plakate, drucken Flyer in elf Sprachen, verteilen sie auf allen Rastplätzen an der A9 zwischen Leipzig und Nürnberg, posten in sozialen Netzwerken – „man ist im Krisenmodus, macht einfach“, erzählt Andreas Lösche. Am Samstagnachmittag meldet sich ein polnischer Lkw-Fahrer. Er habe Sophia an besagtem Abend in einen marokkanischen Laster steigen sehen.

Die Ermittlungen

Erst jetzt werten zwei Leipziger Polizisten die Aufnahmen des Autohofs aus. Zu sehen: Boujemaa L., Sophia Lösche, ein marokkanisches Kennzeichen und der Name der Spedition in Tanger – eigentlich genügend Informationen, um L. in kurzer Zeit ausfindig zu machen. Doch wieder bekommen die Helfer gesagt, es sei nicht klar, ob jetzt Leipzig oder Amberg zuständig sei, das müsse am Montag von höherer Stelle geklärt werden.

Andreas Lösche rekapituliert die Fahrtroute und informiert selbst die Fährlinien von Spanien nach Marokko. Derweil pausiert der Verdächtige am südwestfranzösischen Parkplatz Aire Claude Bonnier fast einen ganzen Tag lang wegen des Sonntagsfahrverbots.

Montag, Tag vier nach Sophias Verschwinden. Ein marokkanischer Freund von Sophias Cousine ruft die Spedition an. Dort zeigt man sich kooperativ und kontaktiert den Fahrer. Gegen 15 Uhr klingelt Eva K.s Handy: Es ist Boujemaa L. Er habe Sophia im fränkischen Lauf abgesetzt, behauptet er.

In Leipzig hat sich unterdessen eine Soko gebildet, die Sachsen sind nun offiziell zuständig. Andreas Lösche kontaktiert den Leiter. Bis sich der aber per E-Mail bei der Spedition meldet, um den Truck zu orten, seien weitere drei Stunden vergangen, erzählt der 52-Jährige. Er spricht ruhig und besonnen. Und doch sind es schwere Vorwürfe, die er der Polizei macht.

ARCHIV – 21.06.2018, Spanien, Asparrena: Polizisten sichern am Fundort einer Frauenleiche, nahe der Autobahn bei Asparrena, Spuren. Ein Lastwagenfahrer soll die 28 Jahre alte Tramperin Sophia L. ermordet haben. Im Fall der im vergangenen Sommer getöteten Tramperin beginnt im Juli 2019 der Prozess am Landgericht Bayreuth gegen den Lastwagenfahrer. Foto: Jesus Andrade/El Correo/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
ARCHIV – 21.06.2018, Spanien, Asparrena: Polizisten sichern am Fundort einer Frauenleiche, nahe der Autobahn bei Asparrena, Spuren. Ein Lastwagenfahrer soll die 28 Jahre alte Tramperin Sophia L. ermordet haben. Im Fall der im vergangenen Sommer getöteten Tramperin beginnt im Juli 2019 der Prozess am Landgericht Bayreuth gegen den Lastwagenfahrer. Foto: Jesus Andrade/El Correo/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Bild: Jesus Andrade/dpa

Eine Leiche, halb verbrannt

Am Abend kommen die GPS-Daten in Leipzig an. Von dort gehen sie ans Landeskriminalamt Sachsen, ans Bundeskriminalamt, zu Interpol – und die gleiche Rangleiter in Spanien wieder nach unten. Das dauert. Am Dienstag wird L. nahe der andalusischen Stadt Jaén neben seinem brennenden Lkw festgenommen. Entflammte Ladung, behauptet er. Ein Gutachten seines Arbeitgebers weist auf Brandstiftung hin. L. trägt ein Unterhemd mit Flecken von Sophias Blut. Zwei Tage später wird in Nordspanien, bei Asparrena, eine Frauenleiche in einem Straßengraben entdeckt, eingewickelt in schwarze Folie, nackt, halb verbrannt. Es ist Sophia.

Oben: Der ausgebrannte Lkw des angeklagten Marokkaners L. steht auf dem Gelände des Polizeipräsidiums Oberfranken. Unten: Boujemaa L. (links) mit seinem Verteidiger.
Oben: Der ausgebrannte Lkw des angeklagten Marokkaners L. steht auf dem Gelände des Polizeipräsidiums Oberfranken. Unten: Boujemaa L. (links) mit seinem Verteidiger. | Bild: DANIEL KARMANN

Montag im Justizpalast Bayreuth, sechster Prozesstag. Insgesamt 17 Zeugen und drei Sachverständige sollen im Verfahren gegen den vierfachen Familienvater Boujemaa L. gehört werden. Andreas Lösche tritt gemeinsam mit seinen Eltern als Nebenkläger auf. Zu ihrer Rechten blickt L. gefasst auf die Tischplatte. Ein hagerer Mann mit lichtem Haupthaar, Jeans, Sneakers und kariertem Hemd. Seine Stimme ist schwach. „Ich hatte sehr großen Respekt vor dem Moment, ihm das erste Mal gegenüberzustehen“, sagt Lösche. „Als es dann so weit war, dachte ich einfach nur: du arme Wurst.“

Boujemaa L. hat lange darauf beharrt, er habe die Studentin an jenem Donnerstag gegen 22 Uhr an der Autobahnausfahrt Lauf aussteigen lassen. Die GPS-Daten seines Lkw verorten ihn zu dieser Zeit aber am Parkplatz Sperbes. Anfang Februar gesteht L.: Ja, er habe Sophia umgebracht. Nicht aber, um ein Sexualdelikt zu vertuschen, sondern im Affekt. Seine Version: Bei einer Toilettenpause in Sperbes habe er seine Reifen kontrolliert und gesehen, wie Sophia das Fahrerhaus durchwühlt. Sie habe ihn bezichtigt, Haschisch geklaut zu haben, er habe vermutet, ausgeraubt zu werden. Es sei zum Streit gekommen, ein Gerangel, ein Schlag in sein Gesicht. Als sie auf dem Boden der Kabine gekniet sei, habe er mit dem Radmutterschlüssel zugeschlagen, sei zur Toilette gegangen, zurückgekommen, habe gespürt, wie sie nach seinem Bein greift, und sie totgeschlagen. Andreas Lösche nennt das „ein Märchen aus 1001 Nacht“. Eva K. sitzt nach der Verhandlung auf einer Parkbank vor dem Landgericht. Sie sagt: „Man wartet immer auf das nächste schlimme Ereignis. Das hat sich so durchgezogen.“

Tatsächlich: Bis Sophia im September 2018 beerdigt werden kann, welken draußen die Blätter. Drei Monate warten die Angehörigen auf die Überstellung der Leiche, kämpft Lösche mit der Botschaft und Behörden – offiziell wegen der Obduktion der Spanier. Zwei Tage, nachdem der Leichnam eingetroffen ist, organisieren AfD und Pegida einen Trauermarsch in Chemnitz und tragen unter anderem Sophias Konterfei durch die Stadt. Ihr Tod wird von ganz rechts zur Hetze gegen Ausländer und gleichzeitig gegen Menschen wie Sophia – weltoffen und tolerant – instrumentalisiert.

Bruder bekommt Morddrohungen

Ihre Freunde bezeichnen sich als „antifaschistisch“. Eva K. muss vor lauter Hassnachrichten ihre Nummer wechseln. Andreas Lösche, ein grüner Kreisrat, erhält Morddrohungen. Unter einem seiner Twitter-Posts steht: „Als junge Frau in einen Lkw eines Nafri steigen zeigt wie verblendet sie durch die links-grün-versiffte Ideologie war. […]. Quittung erhalten.“ Sophia engagierte sich für Flüchtlinge, reiste mit Eva K. in Lager nach Athen und Lesbos.

Andreas Lösche (rechts), der Bruder der ermordeten Tramperin Sophia, sitzt neben seinen Eltern im Landgericht Bayreuth beim Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder.
Andreas Lösche (rechts), der Bruder der ermordeten Tramperin Sophia, sitzt neben seinen Eltern im Landgericht Bayreuth beim Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder. | Bild: Nicolas Armer

Es ist gut möglich, dass diese Geschichte mit einem letzten dramatischen Kapitel endet. Am fünften Verhandlungstag sind zwei spanische Forensikerinnen zugeschaltet worden. Das Ergebnis ihrer Untersuchung: Es gab zwei Angriffe mit zwei verschiedenen Tatwaffen. Der erste führte zur Bewusstlosigkeit, der zweite zu einem tödlichen Schädel-Hirn-Trauma. Wie viel Zeit zwischen den Schlägen lag, lässt sich nicht klären.

Ist die Tat schon am Donnerstag passiert? Die Forensikerinnen sagen: Theoretisch ja. Gemessen am Zustand des Leichnams bei der Obduktion hätte L. ihn dann aber gleich nach der Tat mithilfe der Folie quasi isolieren müssen. L. aber kaufte die Folie laut eigener Aussage erst am Samstag. Die Gerichtsmedizinerinnen gehen vielmehr von einem Tod am Wochenende aus.

Andreas Lösche und der Helferkreis schließen daraus: Sophia wäre vielleicht noch zu retten gewesen, hätte die Polizei schneller reagiert. Es ist ein Gedanke, der sie rasend macht. „Wenn dieser fürchterliche Fall noch irgendetwas Positives haben kann“, sagt Andreas Lösche, „dann höchstens, dass sich bei der Polizei etwas ändert.“