Herr Plöger, Sie haben mit „Brot für die Welt“ Menschen auf den Fidschi-Inseln und auf Tuvalu besucht. Was haben Sie in der Südsee gesehen und gehört?

Wir haben viele Häuser gesehen, die bei Starkregen oder Sturmfluten regelmäßig überflutet werden oder sogar dauerhaft unter Wasser stehen. Wir haben mit Müttern und Vätern gesprochen, die sich große Sorgen machen, dass schon bald ganze Atolle verschwinden könnten und ihre Kinder nicht mehr auf Tuvalu leben können. Neben dem dichtbesiedelten Hauptatoll haben wir auch ein kleines Nebenatoll besucht, auf dem nur wenige Familien leben. Weiße Sandstrände, Mangroven und ein dichter Palmenhain – es war dort paradiesisch. Aber dieses Paradies ist akut bedroht. Der Anstieg des Meeresspiegels ist dort kein abstraktes wissenschaftliches Phänomen, sondern mit bloßem Auge festzustellen. Wer das gesehen hat, begreift die Bedrohung durch den Klimawandel und die Notwendigkeit, zu handeln.

Mit wem haben Sie auf Tuvalu gesprochen?

Ich habe mich sehr gefreut, dass ich unter anderem mit Tuvalus Chef-Meteorologen sprechen konnte. Er hat mir berichtet, dass der Meeresspiegel in Tuvalu nach den Messungen seines Instituts derzeit jedes Jahr um 4,6 Millimeter steigt. Im weltweiten Durchschnitt sind es hingegen „nur“ drei Millimeter. Da Tuvalu lediglich wenige Meter über dem Meeresspiegel liegt, kann man sich leicht ausrechnen, was das für die Atolle bedeutet. Er berichtete mir auch, dass Trocken- und Regenzeiten nicht mehr klar definiert sind. Diese Erfahrungen haben wir auch selbst gemacht. Mein Kollege aus Tuvalu beobachtet zudem, dass die durchschnittlichen Nachttemperaturen steigen. Das deutet darauf hin, dass die Temperatur des Ozeans sich erhöht hat.

Sind die Bewohner Tuvalus sich der Gefahren des Klimawandels bewusst?

Ja, scheinbar alle Menschen – unabhängig vom Alter und Bildungsstand – wissen, dass es den Klimawandel gibt. Sie wissen auch, dass es wichtig ist, ihn einzudämmen und Anpassungsmaßnahmen zu ergreifen. Deshalb bauen sie an ihren Küsten Schutzwälle und sichern neu gewonnenes Land mit riesigen Sandsäcken.

Der pazifische Inselstaat Kiribati hat Land auf den Fidschi-Inseln gekauft, um seine Bevölkerung umsiedeln zu können, sollte der Anstieg des Meeresspiegels Kiribati unbewohnbar machen. Ist so eine Umsiedlung auch eine Lösung für Tuvalu?

Der Premierminister hat uns gesagt, dass die Umsiedlung für ihn und seine Bevölkerung die absolut letzte Option sei. Das verstehe ich gut. Denn mit der Umsiedlung bestünde die Gefahr, dass nicht nur ein Staat untergeht, sondern mit ihm auch eine ganz eigene Kultur und Identität. Zudem befürchtet die Regierung, dass die Menschen aus Tuvalu bei einer Umsiedlung zu Bürgern zweiter Klasse werden könnten.

In einem historischen Durchbruch hat die Welt sich im Jahr 2015 in Paris darauf verständigt, die globale Erwärmung auf höchstes zwei Grad – wenn möglich sogar auf 1,5 Grad – zu begrenzen. Ist dieses ambitionierte Ziel überhaupt zu erreichen?

Das ist eine sehr große Herausforderung. Dafür müssen wir endlich die Dinge tun, zu denen wir uns in Paris verpflichtet haben und über die wir letztendlich seit dem ersten Weltklimagipfel in Rio de Janeiro im Jahr 1992 sprechen. Wir wissen, dass wir Emissionen reduzieren müssen, aber seit 1992 sind sie weltweit um 60 Prozent gestiegen! Die globale Energiewende wird zunächst Geld kosten. Keine Frage. Aber sie ist eine gute Investition in die Zukunft unseres Planeten. Abgesehen davon ist Klimaschutz nicht nur sinnvoll, sondern auch moralisch geboten, weil unser Handeln oder Unterlassen bereits jetzt in Ländern wie Fidschi und Tuvalu Menschenleben gefährdet.

Warum passiert dann bislang in Sachen Klimaschutz nicht mehr?

Leider handelt der Mensch oft erst, wenn er negative Folgen am eigenen Leib spürt. Zudem vergessen und verdrängen wir gerne. Aber ich glaube, dass mittlerweile ein Bewusstseinswandel eingesetzt hat. Ich beschäftige mich seit über 20 Jahren mit dem Wetter und dem Klima. Aber nie zuvor haben mich so viele Anfragen von verunsicherten Bürgern erreicht wie in den letzten zwei, drei Jahren. Vielen Menschen, die mir schreiben, sind die Keller bei Starkregen im Sommer vollgelaufen. Es ist statistisch und wissenschaftlich noch nicht hundertprozentig belegbar, dass der Klimawandel dafür verantwortlich ist, aber die Häufung dieser Extremwetterereignisse in jüngster Zeit deutet sehr stark darauf hin.

Was entgegnen Sie Leuten, die den Klimawandel bestreiten?

Klimawandel-Leugner gibt es heute zum Glück immer weniger. Aber es gibt Leute, die bestreiten, dass der Mensch einen Einfluss auf das Klima hat. Es ist zwar richtig, dass der Klimawandel nicht nur menschengemacht ist. Aber rund 97 Prozent der Klima-Wissenschaftler sind sich einig, dass wir einen großen Anteil – nämlich 50 bis 75 Prozent – am derzeit zu beobachtenden Anstieg der Temperaturen haben. Wer jedoch felsenfest davon überzeugt ist, dass Mensch und Klimawandel nichts miteinander zu tun haben, ist kaum zu erreichen, und seien die wissenschaftlichen Erkenntnisse noch so überzeugend.

Einer der lautesten Klimawandel-Skeptiker ist Donald Trump. Was würden Sie ihm sagen, wenn Sie ihn treffen könnten?

Ich glaube, man kann Herrn Trump nicht unbedingt viel sagen. Deswegen würde ich den Spieß rumdrehen und ihn fragen, warum er glaubt, dass der Mensch keinen Einfluss auf den Klimawandel hat. Dann würde ich seine Argumente aufgreifen und wissenschaftlich widerlegen. Aber ehrlich gesagt, mache ich mir keine allzu großen Hoffnungen, ihn überzeugen zu können. Schließlich hat er schon mehrfach gezeigt, dass er sich sein Weltbild nicht von Fakten kaputtmachen lässt. Dementsprechend oft trifft er irrationale Entscheidungen.

Fragen: Philipp Hedemann