"Das war ein heiliger Moment", sagt Klaus Over heute über den Augenblick, in dem die einjährige Orang-Utan-Waise Mona auf den Schoß seines Sohnes kletterte.

Bild: Klaus Over

Er erinnert sich noch genau: Eine halbe Stunde hatte es gedauert, bis die kleine Affen-Dame den Mut dazu aufbrachte. Fremde Menschen war sie nicht gewohnt, zudem war sie traumatisiert durch den Verlust ihrer Mutter. Als sie sich schließlich doch traute, verfielen die Umstehenden in andächtiges Schweigen. Ihnen standen Tränen in den Augen, während es sich das Orang-Utan-Mädchen auf dem Schoß ihres neuen Freundes gemütlich machte. Monatelange Arbeit war dem Treffen vorausgegangen. Für diesen Moment hatte sich alles gelohnt.

Video: Florian Over

Schließlich war die Begegnung zwischen dem damals 25-jährigen Benni Over und der kleinen Mona alles andere als selbstverständlich. Nicht nur lebt die kleine Mona auf der Insel Borneo, rund 11.000 Kilometer Luftlinie entfernt vom Wohnort der Familie in Rheinland-Pfalz. Es war vor allem das Schicksal des jungen Mannes, das diesem Augenblick seine besondere Bedeutung verlieh. Denn Benni Over sitzt im Rollstuhl. Er kann nur noch die Finger bewegen.

Bennis Krankheit begleitet ihn schon sein ganzes Leben.

Seine Eltern hatten schon früh bemerkt, dass mit ihrem Sohn etwas nicht stimmte. Bei den "U-Untersuchungen" sprachen die Ärzte regelmäßig von Entwicklungsstörungen. "Spätestens nach seinem ersten Lebensjahr begannen wir uns ernsthaft Sorgen zu machen", erinnert sich der Vater.

Klarheit brachte ein Bluttest, bei dem ein Mangel des Eiweißes Dystrophin festgestellt wurde. Dann kam die niederschmetternde Diagnose: Muskeldystrophie Duchenne – eine unheilbare Krankheit, bei der die Muskeln der Betroffenen fortschreitend zerstört werden. Die Lebenserwartung ist sehr gering.

Bild: Klaus Over

"Nach der Diagnose sind meine Frau und ich in ein tiefes schwarzes Loch gefallen", erzählt Klaus Over. "Wir haben es noch bei zahlreichen anderen Ärzten versucht. Als Angehöriger denkt man erst einmal: Es muss doch ein Medikament geben!"

Doch Bennis Krankheit ist sehr selten, gerade einmal 3500 Jungen in Deutschland sind betroffen. "Da interessiert sich kein Pharmakonzern dafür", erklärt Over mit Verbitterung in der Stimme. Er habe sich daraufhin in seine Arbeit gestürzt, seine Frau immer weiter nach Behandlungsmethoden gesucht.

Bennis Zustand verschlechterte sich immer weiter. "Treppensteigen ohne Hilfe oder auf einen Baum klettern, konnte er nie", so der Vater. Seit seinem zehnten Lebensjahr ist er auf den Rollstuhl angewiesen. Schließlich konnte er auch die Arme nicht mehr bewegen oder den Klopf selbstständig von der Brust heben.

Dennoch reiste Familie Over nach Indonesien, bis zu den Orang-Utans in den Dschungel. Wie kam es dazu?

Alles begann mit einem Besuch des Berliner Zoos im Jahr 2014.

Stundenlang beobachtete Benni Over dort den Orang-Utan Bulan. "Wer hätte damals gedacht, was einmal daraus entstehen würde", resümiert sein Vater. Benni Over informierte sich über die Affen, die durch die Zerstörung des Regenwalds stark gefährdet sind und beschloss, etwas dagegen zu unternehmen.

Gesagt, getan. Ein gutes Jahr später feierte sein Trickfilm "Henry rettet den Regenwald" Premiere. Der Orang-Utan Henry bricht darin von Borneo auf, um den Raubbau an seiner Heimat zu stoppen.

"Den Orang-Utan Henry gab es tatsächlich", stellt Klaus Over klar. Benni hatte eine Patenschaft für ihn übernommen. Der Film sei ein spontanes Projekt gewesen, denn eigentlich arbeitete Benni an einem Kinderbuch.

Bild: Klaus Over

Die Zeichnungen, die auch im Film Verwendung fanden, kolorierte der junge Mann selbst.

Bild: Klaus Over

Am Ende fragt der fiktive Henry, ob Benni ihn besuchen komme. "Wir machen mal was klar", fügt er noch hinzu. "Wir haben uns dabei überhaupt nichts gedacht", meint Klaus Over.

Doch eines Abends ließ ihr Sohn die Bombe platzen. "Er hatte so ein schelmisches Grinsen im Gesicht. Und dann sagte er auf einmal: Ich will zu Henry!", erinnert sich Over. Borneo – die Eltern zuckten erst einmal zusammen. Wie sollte das gehen? Dabei war die Familie geübt darin, mit dem körperlich stark eingeschränkten Sohn zu reisen. Über 40 Länder hatten sie bereits besucht. Aber in den Dschungel? Das schien den Overs zunächst unmöglich.

Nach zahlreichen Gesprächen waren die Zweifel der Eltern ausgeräumt.

Die Planung konnte beginnen – acht Monate sollte sie dauern. Zwei Ordner voll Unterlagen sammelten sich bei Klaus Over an: Absprachen mit den Airlines mussten getroffen und Atteste eingereicht werden. Bei den Impfungen mussten Nutzen und Risiken für Benni gegeneinander abgewogen werden, wie Over erklärt: "Bei manchen wären die Nebenwirkungen für ihn gefährlicher gewesen als der Ernstfall."

Am meisten Zeit habe die Kommunikation mit den Organisatoren in Borneo in Anspruch genommen. "Sie haben mir immer wieder Bilder geschickt und nach meiner Einschätzung gebeten, ob dieses oder jenes mit einem Rollstuhl möglich sei." Schließlich war alles geregelt. Es konnte losgehen.

Video: Florian Over

Mit fünf großen Koffern und etwa zehn Hangepäckstücken machten sich Benni, seine Eltern und sein Bruder Florian im Frühjahr 2016 auf den Weg. Die größte Herausforderung auf der Reise? "Die kam gleich zu Beginn", so Klaus Over. Als sie in Jakarta landeten, war Bennis Rollstuhl nicht da. "Der Rollstuhl ist für Benni das Allerwichtigste. Er hat fast geweint." Zum Glück tauchte das Gerät wenig später doch noch auf – Krise überstanden.

Doch die nächste Hürde ließ nicht lange auf sich warten.

Auf dem Weg in den Dschungel ging es plötzlich nicht weiter. Eine Brücke war eingestürzt:

Video: Florian Over

Haben die Eltern die Reise einmal bereut? "In keinem einzigen Moment!" Klaus Over lässt keinen Zweifel aufkommen – das zweiwöchige Abenteuer sei genau das Richtige für seinen Sohn gewesen. "Je länger wir unterwegs waren, desto mehr wurde klar, dass das hier Bennis Auftrag ist. In seiner Funktion als Botschafter ist er niemand, der bemitleidet wird. Im Gegenteil: Er inspiriert die Menschen und gibt ihnen Kraft."

Neben den Besuchen in mehreren Orang-Utan-Camps, war es insbesondere der Kontakt mit den Einheimischen, der Familie Over immer wieder unvergessliche Momente bescherte.

So auch als Benni von 700 Schülern begrüßt wurde:

Video: Florian Over

Zurück in Deutschland lässt Benni Over sich in seinem Engagement nicht stoppen – auch nicht von einem Herzstillstand Ende 2016. Seitdem muss er ständig beatmet werden. Dennoch arbeitet er jeden Tag von früh bis spät an seinen Projekten und tourt durch Schulen in ganz Deutschland, um die Menschen auf das Problem aufmerksam zu machen. Auch nach Borneo will er noch einmal, auch wenn es jetzt noch schwieriger wird als beim letzten Mal.

Er wird weiterkämpfen – für die Orang-Utans, für die Menschen in Indonesien und für die Rettung des Regenwalds. Warum? Für seinen Vater ist die Antwort ganz einfach: "Das ist sein Ding, seine Mission, seine Aufgabe."

Bild: Klaus Over