Zwei Jahrhunderte nach der historischen Erstfahrt des badischen Tüftlers Karl Drais am 12. Juni 1817 scheint das Fahrrad seinen Platz im deutschen Verkehr endgültig zu finden. Die Politik hat das Potenzial für ruhigere, sauberere Städte und den Klimaschutz erkannt. Immer mehr Menschen nutzen das Fahrrad in der Freizeit oder als Alternative zum Auto auf kürzeren Strecken. „Im internationalen Vergleich ist Deutschland sicher ein Fahrradland“, sagt etwa Frederic Rudolph vom Wuppertal-Institut. „Wir haben aber noch viel Luft nach oben.“

Eine Fahrradstraße  in der Innenstadt von Karlsruhe.
Eine Fahrradstraße in der Innenstadt von Karlsruhe. | Bild: Uli Deck

Nach einer Prognose im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums könnte sich der Anteil des Fahrrads an der Verkehrsleistung (Personenkilometer) von heute fünf Prozent bis 2030 auf neun Prozent fast verdoppeln. Voraussetzung ist, dass wir ebenso oft auf den Sattel steigen wie die Vorreiter Niederlande oder Schweiz.

Und doch ist die Unzufriedenheit etwa beim Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC) über löchrige Radwege und gefährliche Verkehrsführungen noch groß. „Sobald Städte es schaffen, Radfahrenden ihren eigenen sicheren Raum zu geben, ist der Radverkehr kaum noch zu stoppen“, ist ADFC-Bundesgeschäftsführer Burkhard Stork sicher.

Nach seinen Angaben sind die Hälfte aller Autofahrten in Städten kürzer als fünf Kilometer. Radfahren sei häufig die schnellste, kostengünstigste und umweltfreundlichste Form der Fortbewegung. „Je mehr Menschen auf das Fahrrad umsteigen, desto weniger lärm- und abgasbelastet – sprich desto lebenswerter – werden unsere Städte.“

Mit Kostümen und historischen Fahrrädern fahren die Teilnehmer einer Kostümfahrt durch die Innenstadt von Karlsruhe.
Mit Kostümen und historischen Fahrrädern fahren die Teilnehmer einer Kostümfahrt durch die Innenstadt von Karlsruhe. | Bild: Uli Deck

Bis zu Radstraßen und -schnellwegen, Fahrradparkhäusern, E-Bikes, Lastenrädern und Leihsystemen war es ein 200 Jahre langer Weg. Karl Drais aus Karlsruhe unternahm am 12. Juni 1817 in Mannheim die erste Fahrt mit seinem hölzernen Laufrad. Der Technikpionier hatte zwar keinen wirtschaftlichen Erfolg. Aber die Idee, zwei Räder in einer Spur mit Muskelkraft anzutreiben, eroberte nach und nach die ganze Welt. Mit Erfindungen wie Freilaufnabe, Stahlspeichen, Luftbereifung, Gangschaltung oder Federgabel entwickelte sich das Fahrrad über wunderliche Blüten wie das Hochrad zur aktuellen Formenvielfalt.

Der Nachbau einer durch Freiherr Karl von Drais lizensierten Laufmaschine aus dem Jahr 1820  im Technoseum in Mannheim in der Sonderausstellung "2 Räder – 200 Jahre. Freiherr von Drais und die Geschichte des Fahrrads".
Der Nachbau einer durch Freiherr Karl von Drais lizensierten Laufmaschine aus dem Jahr 1820 im Technoseum in Mannheim in der Sonderausstellung "2 Räder – 200 Jahre. Freiherr von Drais und die Geschichte des Fahrrads". | Bild: Uwe Anspach

Inzwischen gibt es zu den bekannten Tourenrädern, Rennrädern und Mountainbikes auch eine Auswahl an Lastenfahrrädern, Liegerädern oder Dreirädern – alles auch mit Elektrounterstützung. Jedes Jahr werden dem Zweirad-Industrie-Verband zufolge mehr als vier Millionen Stück in Deutschland verkauft – von Schnäppchen bis zu Preisen, für die es fast einen Kleinwagen gäbe. Die gesamte Fahrradbranche einschließlich Tourismus steht für einen Jahresumsatz von rund 16 Milliarden Euro.

Manche Stadt fährt schon länger als Vorbild voraus, etwa Münster, Karlsruhe oder Freiburg, die vordere Plätze im ADFC-Fahrradklimatest einnehmen. Andere Orte wie Stuttgart haben es schon wegen ihrer Lage im Talkessel schwerer, verstanden sich aber auch lange als Autostadt.

Vor dem Schloss Karlsruhe führen Mitglieder des tschechischen Velocipedistenclubs 1880 aus Prag ein Hochrad-Ballett auf.
Vor dem Schloss Karlsruhe führen Mitglieder des tschechischen Velocipedistenclubs 1880 aus Prag ein Hochrad-Ballett auf. | Bild: Uli Deck

„Entscheidend ist heute, in den Städten gute Bedingungen für das Radfahren zu schaffen“, sagt Städtetagspräsidentin Eva Lohse. Nötig seien etwa die Öffnung von Einbahnstraßen und Fahrradachsen in den Innenstädten. „Radlerinnen und Radler wünschen sich sichere und eigene Fahrwege“, betont die Oberbürgermeisterin von Ludwigshafen.

Im ganzen Land existieren Leuchtturmprojekte, die das Radfahren attraktiver machen sollen. Dazu zählt die Nordbahntrasse in Wuppertal – eine ehemalige Bahnlinie, auf der Radler über 23 Kilometer freie Fahrt haben. Am Bahnhof von Offenburg nimmt ein vollautomatisches Parkhaus den Radbesitzern die Sorge um ihr Gefährt. 120 Stellplätze auf 5 Etagen werden vollautomatisch und diebstahlsicher beschickt.

Ein Radfahrer in Wuppertal auf der Nordbahntrasse.
Ein Radfahrer in Wuppertal auf der Nordbahntrasse. | Bild: Oliver Berg

Auch fern der Städte nimmt das Radfahren stetig zu. „Im Freizeitbereich ist Deutschland ganz eindeutig Fahrradland“, sagt etwa Jannik Müller vom Verein Sauerland-Radwelt. Schon jetzt gebe es Tourismusregionen mit hochwertigen Angeboten.

Das Bundesverkehrsministerium will besondere Fahrradschnellwege für tägliche Fahrten etwa zur Arbeit, Schule oder Uni mit 25 Millionen Euro unterstützen. Von „kleinen Fahrradautobahnen“ ohne Gegenverkehr und Ampel spricht Staatssekretär Norbert Barthle (CDU). „In Göttingen wird eine solche fünf Kilometer lange Strecke zwischen Universität und Bahnhof von Tausenden gut angenommen“, betont er wiederholt.

Doch ob mit Millionenförderung oder ohne: Alles soll besser werden im oft heiklen Miteinander von Autofahrern, Radlern und Fußgängern. Viel öfter Tempo 30 in der Stadt und frühere Verkehrserziehung für Kinder sind Kernforderungen von Experten. Sie sollen im Autoland Deutschland die Lust aufs Radeln weiter erhöhen und auch die Zahl der Verkehrstoten senken – etwa durch eine mögliche Helmpflicht.