Vor ein paar Wochen wollte ich mit meinem Mann abends in eine Kneipe gehen. Kaum hatten wir das Lokal betreten, kam uns schon ein eiliger Kellner entgegen: „Haben Sie reserviert?“ Wie bitte? Zu zweit? Unter der Woche? In einer Kneipe? Ähm – nö.

Der Kellner setzte ein nachdenkliches Gesicht auf. Auf den meisten Tischen standen „Reserviert“-Schilder. Nein, es war nicht an Weihnachten, es war auch nicht am Samstagabend. Er brachte uns schließlich noch unter, entfernte das Schild vom Tisch und wir wurden vorgelassen. Glück gehabt.

Reservierung ist Pflicht

Die Deutschen, so scheint es, machen abends keinen Schritt mehr aus dem Haus ohne Reservierung. Das nervt. Schuld daran ist, natürlich, das Internet. Einfach mal kurz auf die Webseite des Restaurants gehen, Tisch anklicken, fertig. Spontan am Abend irgendwo reinschneien? Nicht doch! Am besten sollte man sich heutzutage zwei Monate vorher überlegen, wann man wo im Restaurant essen und wann ins Kino gehen möchte. Müssen wir irgendwann beim Waldspaziergang noch angeben, ob wir den Weg in Richtung eins oder zwei laufen wollen? Irgendwie ungemütlich, das Ganze. Ironie aus.

Eine Umfrage des Digital-Verbandes Bitkom ergab gerade, dass ein Viertel der jüngeren Leute zwischen 18 und 25 gern übers Internet reserviert; entweder über spezielle Plattformen oder auf der Seite des Restaurants. Die Älteren, wen wundert’s, bevorzugen das Telefon.

Alles muss geplant sein

Man könnte doch auch zumindest in der Freizeit alle fünfe gerade sein lassen. Aber nein. Die Stiftung für Zukunftsfragen fand in ihrem Report „Freizeit Monitor 2018“, der Ende des vergangenen Jahres erschien, dass viele Deutsche auch jenseits der Arbeit ziemlich beschäftigt sind mit allem Möglichen – sich aber zeitgleich nach mehr Freiräumen sehnen. Das, was in der knappen Freizeit geschieht, muss dann offenbar auch perfekt sein. Und daher wird diese deshalb auch gründlichst durchgeplant.

Ines Kleiner ist Geschäftsführerin der Dehoga Baden-Württemberg in Konstanz. Ob man reservieren müsse, hänge von vielen Faktoren ab, etwa Betriebsgröße, Jahreszeit, Wochentag sowie Größe der Gästegruppe, sagt sie. „Pauschal kann man das nicht sagen“, hält sie dagegen. Wer zu zweit unterwegs sei, bekomme meist auch unreserviert einen Tisch. „Zur Not muss man eben noch kurz an der Bar warten.“ In Konstanz gebe es auch Lokale mit Tischen, die nicht reserviert werden können, eben für spontane Gäste. Im Konzil etwa. Manche Lokale bieten auch zwei Essenszeiten an, eine am früheren Abend und eine für Spätausgeher.

Über Apps geht es schnell

Lukas Schmid, 26, ist Betriebsleiter bei der angesagten Brasserie „Ignaz“ in Konstanz. Er bestätigt den Eindruck, dass Reservationen für Restaurants im Allgemeinen zugenommen haben. Im „Ignaz“ kann man über die Smartphone-App „Open Table“ unkompliziert reservieren und genauso auch wieder stornieren. Das mache das Ganze einfacher, sagt er, sowohl für die Gäste als auch für den Betrieb. Ein Drittel der Gäste reserviere inzwischen übers Internet, übrigens längst nicht nur die ganz Jungen, zwei Drittel nutzten noch ganz klassisch das Telefon.

Ohne Reservierung einen Tisch zu bekommen, sei im „Ignaz“ im Dezember fast unmöglich. Im Januar gebe es schon eher Chancen. Am Wochenende aber reservierten die meisten, berichtet er. Die Leute wollten sichergehen: „Da muss alles stimmen.“ Freunde des Spontanen könnten gern auch auf gut Glück kommen, betont Lukas Schmid. „Wir haben eine Lounge, da kann man dann ganz schön mit einem Apéritif eine Viertelstunde warten, bis ein Tisch frei wird.“

Gäste wollen sichergehen

Im Zweifel lieber anrufen: Manuela Ende ist Restaurantleiterin im "La Oliva", Radolfzell.
Im Zweifel lieber anrufen: Manuela Ende ist Restaurantleiterin im "La Oliva", Radolfzell. | Bild: Gerald Jarausch

Szenenwechsel, ein paar Kilometer weiter, im spanischen Restaurant „La Oliva“ in Radolfzell. Schlemmen ohne Reservierung? „Am Wochenende geht das fast gar nicht mehr“, berichtet Restaurantchefin Manuela Ende, 32. Viele Gäste kämen gezielt aus dem Umland oder von weiter her. Wegen der langen Fahrt wollten sie sichergehen, auch einen Tisch zu bekommen.

Da jeder ungenutzte Tisch Kosten bedeutet, vergibt sie, wenn Gäste erst für später reservieren, den Tisch zuvor noch einmal. Wenn ein Tisch noch nicht fertig sei, würden die Gäste zum Apéritif an die Bar gebeten. Das sei heute völlig akzeptiert: „Die Leute sagen dann: ‚Ja klar, wir haben ja Zeit.’“ Über ein Internet-Portal kann man im „La Oliva“ nicht reservieren – „das wäre mir zu viel Aufwand“, sagt Manuela Ende. Aber es gibt andere Wege: Telefon, Anrufbeantworter, E-Mail oder bei Stammgästen auch über WhatsApp. „Das kommt immer mehr“, berichtet die Restaurantchefin.

Döner am Samstag Abend

In der Ausgeh-Kultur tut sich also einiges. Man kann immer noch einfach spontan losziehen. Hat man etwas Bestimmtes vor, besser reservieren. Ansonsten landet man vielleicht in einem Restaurant, das man noch nicht kennt. Kann auch spannend sein. Mongolisch, burmesisch, syrisch, was weiß ich. Oder man trifft sich am Döner-Stand. Wäre für Samstag Abend auch mal was.