Lieber Jendrik,

Sie sind also für Samstag unsere Hoffnung für Rotterdam. Hoffnung, die können wir gebrauchen. Denn blickt man auf die vergangenen Jahre beim Eurovision Song Contest (ESC) zurück, sieht es bis auf einige wenige Ausnahmen mau aus mit den Punkten für Deutschland. Sie sollen das nun richten: Ein 26-jähriger Musicaldarsteller aus Hamburg mit wuscheligen, platinblonden Haaren, einem Gute-Laune-Song und glitzernder Ukulele.

Jendrik Sigwart startet für Deutschland beim ESC in den Wettbewerb.
Jendrik Sigwart startet für Deutschland beim ESC in den Wettbewerb. | Bild: Soeren Stache/dpa

Nur, selbst in Deutschland kennt Ihren Song „I Don‘t Feel Hate“ kaum jemand. In den deutschen Charts schafft es Ihr Song nicht einmal unter die Top 100. Das ist für eine Platzierung in den oberen Rängen des ESC kein gutes Zeichen – standen Titel, die es zuletzt auf die vorderen Plätze schafften, zuvor in den Hitlisten. Auch in den Wettbüros spielen Sie mit Ihrem energiegeladenen Song keine Rolle. Nach Ihrem Bühnenauftritt sind Sie für die Buchmacher auf Platz 29 gelandet.

Ein Lied mit einer wichtigen Botschaft

Dabei steht Ihr Lied für eine wichtige Botschaft: „Nein zu Hass!“ – gegen Minderheiten, wie Homosexuelle, zu denen auch Sie gehören. Dabei kommt Ihre Idee für den Song nicht von ungefähr. Sie basiert auf eigenen Erfahrungen, in denen Sie sich klar wurden, dass es nichts bringt, auf despektierliche Aussagen mit Wut zu reagieren.

Als Person, die nun in der Öffentlichkeit steht, werden Sie mehr denn je mit Hassnachrichten konfrontiert. Kommentare wie „Du Schwuchtel“ gebe es immer wieder, haben Sie gesagt. Sie bleiben da sachlich, sagen: „Das verletzt mich.“ Und das transportiert auch Ihr ESC-Song. Er steht dafür, Hass nicht mit Hass zu bekämpfen.

Auf dieser Bühne wird Jendrik am Samstag, 22. Mai, für Deutschland singen.
Auf dieser Bühne wird Jendrik am Samstag, 22. Mai, für Deutschland singen. | Bild: Soeren Stache/dpa

Aufstehen gegen stärker werdenden Hass

In einem Interview haben Sie klar gestellt: „Bei wirklich diskriminierenden Beleidigungen, bei Homophobie oder Rassismus sollte man immer etwas sagen. Man sollte dem anderen klarmachen, dass das, was er sagt, absolut falsch ist. Diesen Weg versuche ich in dem Song aufzuzeigen.“ Das ist eine Botschaft, die an Bedeutung gewinnt. Gerade in einer Zeit, in der der Hass im Internet die Überhand zu nehmen scheint, Rassismus und Homophobie wieder stärker in den Vordergrund drängen.

Das könnte Sie auch interessieren

Bei Ihrem Auftritt erheben Sie dabei nicht den Zeigefinger, sondern schwingen Zeige- und Mittelfinger als Zeichen des Friedens. Passend dazu tanzt am Samstag neben Ihnen auf der Bühne eine menschgewordene Hand. Hassbotschaften, die über einen Bildschirm laufen, zerplatzen zu Staub. Ihr Lied schafft es dabei, negative Gefühle in positive zu verwandeln.

Hoffnung für Deutschland

Ich wünsche Ihnen, dass der ESC für Sie nicht zu einer Nullnummer wird. Sondern Sie sich ungeachtet Ihrer Platzierung weiter für Minderheiten und gegen Hass einsetzen. Seien Sie anders als Ihre Vorgänger wie Sisters, Levina oder Jamie Lee, die die große Bühne so schnell wieder verlassen haben, wie sie sie betreten haben. Ihr Lied und Ihr Auftreten zeigen: In jeder Situation positiv zu bleiben, zahlt sich aus. Sie haben das Potenzial, Deutschland wieder Hoffnung zu machen. Nicht etwa auf einen Sieg beim ESC, sondern auf eine Gesellschaft, die dem Hass keine Stimme mehr gibt.