Netta Barzilai passt in keine Schublade. Die 25-jährige Israelin trägt schrille Outfits und schert sich nicht darum, dass ihr kräftiger Körper nicht dem vorherrschenden Idealbild entspricht. Ihre Botschaft an junge Frauen? „Du musst nicht dem Standardbild davon entsprechen, wie jemand aussehen, denken, reden und kreativ sein muss, um Erfolg zu haben“, sagt Barzilai. Beim Eurovision Song Contest (ESC) gilt die junge Sängerin, die gleichzeitig energisch und verletzlich wirkt, als Top-Favoritin.

Barzilais ungewöhnlicher Song „Toy“ vermischt zeitgenössischen mit typisch koreanischem Pop, Hip-Hop und orientalischen Klängen. Besonders kurios: Sie gackert wie ein Huhn. „Im Text geht es um das Erwachen weiblicher Power und soziale Gerechtigkeit, mit einer einfachen und direkten Botschaft“, sagt die junge Frau. „Nämlich: Ich bin nicht dein Spielzeug.“ Das gehe aber nicht nur junge Frauen an, sondern eigentlich jeden: „Seid stolz und nehmt euch selbst so an, wie ihr ausseht und denkt.“

Von einer musikalischen Karriere habe sie geträumt, solange sie denken könne, sagt die Israelin. Der Popmusik-Experte Udo Dahmen rechnet Barzilai durchaus gute Chancen auf einen der vorderen Plätze aus. „Ich finde den Song wirklich sehr, sehr schön“, sagt Dahmen, Künstlerischer Direktor der Popakademie in Mannheim. „Zum einen die Art und Weise, wie sie rangeht: Sie sieht das Genderthema ‚Macht Frauen stark’ komplett als ihr eigenes Thema, gleichzeitig betrachtet sie es auch mit Hühnergegacker von der humorvollen Seite.“ Der Text sei intelligent. „Er beschreibt die Rollen-Thematik zwischen Männern und Frauen und macht aus ihrer Position klar: Ich bin ich und habe meine eigene Position zu vertreten.“

Außerdem sei das Stück an sich „ein Ohrwurm“. Dahmen lobt die Mischung aus elektronischer Musik sowie die Art Barzilais, zu singen. Bei ihren Auftritten verwendet sie einen elektronischen Looper und schafft so besondere Effekte. „Das ist Teil der Performance“, sagt Dahmen. „Andere Musiker treten auch mit einer Gitarre auf, ein Looper ist ein Instrument, genau so wie eine Gitarre.“ Berichte, wonach Barzilai den Looper beim ESC-Auftritt nicht verwenden darf, hat ihr Sprecher zurückgewiesen.

Positive Botschaft an Mädchen

Zur MeToo-Debatte sagt Barzilai, es sei „großartig, dass Frauen ihre Stimmen finden“. Miri Rosmarin von der Bar-Ilan-Universität nahe Tel Aviv sieht die Botschaft Barzilais allerdings weniger in Bezug auf die weltweite Kampagne. „Die politische Bedeutung ist eher ihre Nachricht an junge Mädchen, glücklich darüber zu sein, wie man ist, wie man aussieht“, sagt Rosmarin. Barzilai feiere selbst ihren größeren Körper. „Sie bewegt sich viel, sie tanzt mit ihm, es ist sehr offen, es feiert die Möglichkeiten dieses Körpers“, sagt Rosmarin. „Ich denke, das ist das Neue an ihr.“ Der gesellschaftliche Beitrag beziehe sich auf „die Vielfalt an Körperbildern“.

Israel hat bislang drei Mal beim ESC gesiegt. Vor 20 Jahren gewann Dana International als erste Transsexuelle den Contest. Sie wurde zur Galionsfigur der israelischen Schwulen- und Lesben-Szene und ebnete den Weg für weitere unkonventionelle Kandidaten.

Über die Zeit nach dem Wettbewerb mag Barzilai noch nicht nachdenken. „Ehrlich gesagt konzentriere ich mich auf die Eurovision, und ich arbeite wirklich hart daran, auf der Bühne in Lissabon das Beste zu geben“, sagt sie. „Ich habe schon immer hart gearbeitet und werde das für den Rest meines Lebens weiter tun.“ Gedanken darüber, was andere von ihr erwarten, betrachtet sie als reine Zeitverschwendung. Denn das Leben sei kurz, sagt die 25-Jährige. „Wir sind doch nur eine Minute hier, und deshalb sollten wir die Zeit einfach genießen.“

 

Diese Kandidaten haben gute Chancen

  • Elina Nechayeva (26) aus Estland bringt etwas für den ESC nicht unbedingt Selbstverständliches mit: eine große Stimme. Gut möglich also, dass wahre Musik-Freunde von dem Organ der ausgebildeten Opernsängerin so angetan sind, dass sie Nechayevas Beitrag „La Forza“ (die Kraft) mit vielen Punkten belohnen.
    der belgische Sänger Sennek.
    Der belgische Sänger Sennek. | Bild: FRANCISCO LEONG (AFP)
  • Mikolas Josef (22) aus Tschechien hat weder eine Botschaft noch eine große Stimme. Sein Erfolgsrezept lautet: Ohrwurm. Wer seinen Hit „Lie To Me“ vernommen hat, bekommt ihn für die nächste Zeit nicht mehr aus dem Kopf. Wem so etwas gefällt, der darf sich auf die Darbietung freuen.
    Mikolas Josef vertritt Tschechien.
    Mikolas Josef vertritt Tschechien. | Bild: FRANCISCO LEONG (AFP)
  • Sennek (27) aus Belgien kann auf den Beliebtheitsbonus ihrer Heimat hoffen: In den vergangenen zehn Jahren war Belgien immer unter den besten zehn Nationen. Die Sängerin mit dem bürgerlichen Namen Laura Groeseneken singt „A Matter Of Time“ – die Buchmacher sehen gute Chancen für den zweiten ESC-Sieg Belgiens.
    der belgische Sänger Sennek.
    Der belgische Sänger Sennek. | Bild: FRANCISCO LEONG (AFP)
  • Jessica Mauboy (28) aus Australien trat 2014 in der Pause des zweiten Halbfinals außer Konkurrenz beim ESC auf. Nun, da ihr Land offizieller Teilnehmer des Musik-Wettbewerbs ist, singt sie nicht mehr um Applaus, sondern um Punkte. Ihre Erfahrung könnte sich dabei auszahlen.
    Jessica Mauboy, die Australien mit ihrem Popsong «We Got Love» beim Eurovision Song Contest 2018 vertritt.
    Jessica Mauboy, die Australien mit ihrem Popsong «We Got Love» vertritt. | Bild: Persona Stars (Persona Stars via ZUMA Press)
    (brg)