Liebe Alpen,

schon lange will ich euch etwas sagen, allein mir fehlte bisher der Mut. Heute muss es raus, ich hoffe, ihr könnt damit umgehen. Kurz und gut: Ich liebe euch.

Blick von der Marwees im Alpstein vergangene Woche bei schönstem Septemberwetter.
Blick von der Marwees im Alpstein vergangene Woche bei schönstem Septemberwetter. | Bild: Bruggaier, Johannes

Viele blasierte Typen

So, jetzt wisst ihr‘s. Ihr müsst auf mein Geständnis nicht antworten. Auch wenn das natürlich schön wäre. Aber ach, ich weiß schon: Ich bin ja nicht der Einzige. Jedes Mal, wenn ich euch besuche, muss ich meine Nebenbuhler sehen. Sind ziemlich viele blasierte Typen darunter, laut, rücksichtslos, frei von jedem Sinn für Romantik. Ganz ehrlich: Was gebt ihr euch mit denen eigentlich ab?

Ihr genießt halt die Bewunderung eurer Schönheit, ganz gleich woher sie kommt. Aber wisst ihr, das ist gefährlich. Und zwar für euch wie auch für eure Bewunderer. Vor ein paar Wochen spazierte eine Russin in kurzen Hosen über das Monte-Rosa-Massiv. Es grenzt an ein Wunder, dass sie nach ihrem Sturz in eine Gletscherspalte nach zwei Tagen noch lebend geborgen wurde.

In dieser Gletscherspalte überlebte eine nur leicht bekleidete Frau auf 2883 Metern Höhe fast zwei Tage und Nächte.
In dieser Gletscherspalte überlebte eine nur leicht bekleidete Frau auf 2883 Metern Höhe fast zwei Tage und Nächte. | Bild: Helmut Lerjen, Richard Lehner

Andere hatten weniger Glück: 54 tödliche Unfälle zählt für diesen Sommer allein der Deutsche Alpenverein, fast doppelt so viele wie im Vorjahr. Wegen der pandemiebedingten Reisebeschränkungen hätten sich mehr Menschen auf den Weg in die Berge gemacht als je zuvor.

Darunter waren auch jede Menge unerfahrene Touristen: solche, die glauben, auf euren Wiesen müsse man grölen wie am Ballermann. Vor allem aber Leute, die nicht ahnen, wie gefährlich es sein kann, euren Reizen zu erliegen. Oder um mit Heine zu sprechen: „O Liebe! Was soll es bedeuten, dass du vermischest mit Todesqual all deine Seligkeiten?“

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Aber auch eure eigene Existenz wird durch die Erschließung von uns Menschen gefährdet. Skigebiete, Klettersteige, Sommerrodelbahnen: Von alldem gibt es immer mehr. E-Bikes bringen Senioren in einst unerreichbare Hochtäler. Und dank technischer Innovation können Rollstuhlfahrer bald auch anspruchsvollere Wanderwege bewältigen.

Unsere letzte Wildnis

Ich bin der Meinung, dass wir in unserer Zivilisation jede Anstrengung unternehmen sollten, allen Menschen gleichwertige Lebensbedingungen zu bieten. Ihr Alpen aber seid unsere letzte Wildnis, und deren Wesensmerkmal ist nun mal, dass eben nicht jedermann ohne Weiteres hinein kommt. Wenn die Matterhornbesteigung zum Menschenrecht wird, haben wir statt erhabener Steilwände und unnahbarer Gipfel nur noch eine Ansammlung betonierter Aussichtstürme.

Der Gipfel des Altmann, von der Ostseite aus betrachtet.
Der Gipfel des Altmann, von der Ostseite aus betrachtet. | Bild: Bruggaier, Johannes

Es gibt nicht mehr viele Orte, an denen wir uns in andächtiger Ehrfurcht vor dem Unbegreiflichen versenken können. Selbst in den Kirchen muss inzwischen ja alles möglichst Spaß machen und leicht konsumierbar sein. Der Mensch des 21. Jahrhunderts hält einfach nicht aus, wenn ihm etwas vorenthalten wird, rätselhaft bleibt, sich seiner Berührung entzieht: Er muss immer alles sofort kriegen, haben, essen, verdauen. Und ausscheiden.

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Was bei diesem Prozess übrig bleibt? Nun ja, der übliche, nicht so gut riechende Haufen. Er zeigt sich in Gestalt von brennenden Wäldern, wütenden Stürmen, schmelzenden Gletschern. Liebe Alpen, unsere Liebe wird euch noch schweren Schaden zufügen. Die gute Nachricht aus eurer Sicht: Zerstören können wir Menschen euch nicht. Denn vorher richten wir uns selbst zugrunde.

Wie die Alpen Urlaubsraum wurden

Die Alpen galten für den Menschen bis zum Beginn der Aufklärung als abschreckende, lebensfeindliche Gegend. Mit Albrecht von Hallers 1732 veröffentlichte Hymne „Die Alpen“ änderte sich das allmählich. Im 19. Jahrhundert brach dann das Goldene Zeitalter des Alpinismus an: Auf ihm beruht die weitgehende Erschließung in unserer Zeit.

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