Das Erdbeben von Lissabon 1755 ließ Künstler in ganz Europa an der Allmächtigkeit eines gütigen Gottes zweifeln. Nach dem Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien malten die Romantiker feuerrote Himmel. Und der Erste Weltkrieg verhalf einer Stilrichtung zum Durchbruch, die sich unter dem Begriff Dadaismus gegen die scheinheiligen Ideale einer bürgerlichen Gesellschaft richtete.

Kunst reagiert auf Ereignisse. Und manchmal nimmt sie diese auch vorweg. Wie also wird man einmal auf die Kunst in Zeiten der Corona-Krise blicken?

Ausstellung im Kunsthaus

Beim Kunsthaus Bregenz will man das jetzt schon wissen, und so hat Museumschef Thomas Trummer kurzerhand Künstler in der ganzen Welt angeschrieben: Auf der Suche nach Beiträgen zur mutmaßlich ersten Corona-Kunstausstellung überhaupt. Namhafte Künstler wie etwa der als Superstar der internationalen Gegenwartskunst gefeierte William Kentridge antworteten. Manche lieferten Kunst aus den vergangenen Wochen und Monaten, Reflexionen zur Krise. Viele aber schickten deutlich älteres Material nach Bregenz: Werke, die diese Pandemie förmlich vorausgeahnt, vorweggenommen haben.

Vorweggenommene Quarantäne

Helen Cammock zum Beispiel hat sich schon im Herbst zurückgezogen in eine Art Quarantäne. Aus einem Landhaus irgendwo in der englischen Provinz sendet sie Videosequenzen ihrer Alltagsbeobachtungen. Die Stille des Wohnzimmers, die Ruhe des Waldes hinter dem Garten, das langsame Vorbeifahren eines Autos in der Ferne. Es ist eine radikal entschleunigte Welt, die zu dieser Zeit noch wie eine Zumutung gewirkt haben muss, so ganz ohne digitale Interaktion.

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Zu diesen herbstlich melancholischen Eindrücken sinnt eine Stimme aus dem Off der Bedeutung von Arbeit und Muße nach. Was ist das, Arbeit? Wann tun wir es und wann ist es überhaupt sinnvoll? Der Angler etwa arbeitet am effektivsten durch seine Untätigkeit. Es ergeht ihm damit wie dem Modell im Künstleratelier. Doch wer schon mal geangelt hat, weiß: Diese Untätigkeit kann unter Umständen anstrengender, zäher, frustrierender sein als die weitaus kraftraubendere Wanderung zum besten Angelplatz.

Entlastung und Erleichterung?

Es stellt sich vor diesem Hintergrund die Frage, ob die vermeintlichen Annehmlichkeiten einer technisch hochgerüsteten Gegenwart uns auch tatsächlich Entlastung und Erleichterung bringen. Oder ob wir uns mit der Tätigkeit nicht zugleich um den Sinn unseres Daseins bringen.

Marianna Simnett geht in „Tito‘s Dog“ der Trennlinie zwischen Mensch und Tier auf den Grund.
Marianna Simnett geht in „Tito‘s Dog“ der Trennlinie zwischen Mensch und Tier auf den Grund. | Bild: Marianna Simnett

Ein Teil dieser Fortschrittsskepsis blitzt auch bei William Kentridge auf, dessen Videoserie „The Centre for the Less Good Idea“ anders als bei Cammock tatsächlich in der Corona-Quarantäne entstanden ist. Wir beobachten darin die rührend hilflos zusammengeschraubte Apparatur für supersterile Orangensaftzubereitung. Durch Löcher in einer Sperrholzwand mühen sich künstliche Greifarme daran ab, eine Orange auf die Presse zu hieven. Als der Saft endlich seiner Frucht abgerungen ist, schiebt sich durchs Loch ein Schlauch zum Glas: Auch das Trinken auf Distanz will gekonnt sein.

Schlaf als Bruder des Todes

Die depressive Seite der Isolation ist bei Rabih Mroué zu erfahren. Menschliche Umrisse, flüchtig mit weißer Kreide auf schwarzem Untergrund skizziert, lassen mal an einen Schlafenden, mal an einen Sterbenden, mal an einen Tatort mal an ein Quarantänebett denken. Der Schlaf als Bruder des Todes, das ist natürlich ein beliebtes und geschichtsträchtiges Motiv. In der erzwungenen Untätigkeit während der Pandemie aber kommt ihm eine ungeahnte Aktualität zu: Tatsächlich kann Aktivität leicht lebensgefährlich werden, jedenfalls sofern mit ihr eine Preisgabe der Isolation verbunden ist.

Rabih Mroué: Chalk Outlines, 2020.
Rabih Mroué: Chalk Outlines, 2020. | Bild: Rabih Mroue

Marianna Simnett schließlich geht der Frage nach Tod, Leben und Überleben an der Trennlinie zwischen Mensch und Tier auf den Grund. Sie erzählt vom Überleben ihres Großvaters als Partisane im Zweiten Weltkrieg. Und sie erzählt davon, wie Tiere Selbstmord begehen – manchmal, um damit das Überleben von Menschen erst zu ermöglichen.

Hund stirbt für Mensch

So ergeht es etwa einem Schäferhund, der sich auf seinen Besitzer wirft und damit die tödlichen Schüsse abfängt. Während Simnett im Video erzählt, verwandelt sie sich mit maskenbildnerischer Finesse Stück für Stück selbst in ein hundeartiges Wesen. Wie weit wir uns in unseren Sehnsüchten und Abhängigkeiten von Tieren unterscheiden, erscheint bald völlig ungewiss.

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Und wie also wird man eines Tages diese seltsame Zeit rückblickend bewerten? Vielleicht ergeht es künftigen Generationen so ähnlich wie dem heutigen Betrachter von Markus Schinwalds historisierten Porträts. Der österreichische Maler hat Gemälde des Biedermeiers erworben, um die dort dargestellten Personen wahlweise mit Gesichtsmasken oder aber mysteriösen Apparaturen aus Draht auszustatten. Die Gestelle wirken so echt und ihre Besitzer tragen sie mit solcher Selbstverständlichkeit, dass man glauben möchte, es handele sich um lebensnotwendige Utensilien dieser Zeit.

Was uns heute sinnvoll und natürlich erscheint, kann morgen schon Rätsel aufgeben: gut möglich, dass manche Phänomene dieser eigenartigen Zeit einem Publikum kommender Tage noch Kopfzerbrechen bereiten wird.

„Unvergessliche Zeit“: bis 30. August im Kunsthaus Bregenz. Öffnungszeiten: Do.-So. 10-18 Uhr. Weitere Informationen:
http://www.kunsthaus-bregenz.at

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