Von mehr als hundert Kugeln durchsiebt starben am 23. Mai 1934 die 23-jährige Bonnie Elizabeth Parker und der 24 Jahre alte Clyde Champion Barrow bei Bienville im US-Bundesstaat Louisiana. Ein Ende wie aus einem Western-Drehbuch, und für das berühmte Gangsterpaar Bonnie und Clyde und ihren durchlöcherten Ford V8 der direkte Weg in den Olymp der Popkultur. Über 8000 Kilometer östlich davon nimmt kurz davor in Stuttgart eine andere Bonny-und-Clyde-Story ihren Anfang – und sie endete in Basel fast genauso spektakulär.

Fluchtfahrzeug des Gangster-Duos: ein BMW-Dixi in den 20er-Jahren.
Fluchtfahrzeug des Gangster-Duos: ein BMW-Dixi in den 20er-Jahren. | Bild: BMW AG

Im Innern des BMW Dixi, Baujahr 1930, der am 18. November 1933 im Stuttgarter Stadtteil Gablenberg vor eine Bankfiliale rollt, sitzen allerdings kein Liebespaar, sondern zwei junge Männer in langen Mänteln: Kurt Sandweg und Waldemar Velte. Seit ihrer Kindheit unzertrennlich, zwei Freunde fürs Leben und, wie sich bald zeigen wird, auch darüber hinaus.

Der Bankräuber Waldemar Velte... | Bild: Polizeimuseum Basel

Sandweg und Velte sind um die 23 Jahre alt, beide aus gutem Haus, wie man damals sagte, und beide arbeitslos, abgebrannt und entschlossen, dem verhassten Nazi-Deutschland den Rücken zu kehren. Es hieß, sie wollten nach Indien durchbrennen und ein neues Leben beginnen.

. . . und sein Freund Kurt Sandweg.
... und sein Freund Kurt Sandweg. | Bild: Polizeimuseum Basel

Der erste Überfall

Sicher ist, dass die beiden aus Wuppertal gekommen sind, sich in Stuttgart im Jugendvereinshaus eingemietet haben und dann erst einmal ein Auto stehlen. Was danach passiert, hat der Schweizer Romancier Alex Capus in einem seiner dokumentarisch gefärbten Romane sinngemäß so beschrieben: Die beiden betreten kurz nach 8 Uhr morgens die noch leere Bankfiliale in Gablenberg und halten Filialleiter Julius Feuerstein den Pistolenlauf an den Kopf. Höflich bitten sie um die Herausgabe des Geldes.

Als ein zweiter Bankbeamter aus einem Hinterzimmer den Schalterraum betritt, fällt – gewollt oder nicht – ein Schuss. Feuerstein ist sofort tot, der zweite Bankbeamte kann den Alarm auslösen. Die beiden Bankräuber fliehen in ihrem Dixi, bevor die Polizei am Tatort eintrifft. Es ist der Beginn einer filmreifen Flucht, die auf Umwegen letztlich in die Schweiz führt. Und wie die Gangsterballade von Bonnie und Clyde wird auch die Geschichte von Sandweg und Velte bis zum heutigen Tag weitererzählt.

Rücksichtslose Gewalttäter

Diese Geschichte, die in Basel und Umgebung in einem Blutbad enden wird, bildet bis in die Gegenwart Stoff für Romane („Fast ein bisschen Frühling“ von Alex Capus), Theaterstücke („Mein Kopfschuss sitzt nicht“) und Film („Sommersprossen“). Allein der Umstand, dass der Fall „Sandweg/Velte“ bis heute als der blutigste Basler Kriminalfall gilt, erklärt seine Nachwirkung aber nicht. Von der damaligen schweizerischen und deutschen Presse werden die beiden zuerst als rücksichtslose, blutrünstige Gewalttäter beschrieben – was sie wohl auch waren –, aber auch als „verwegene Gesellen“, so die Basler „National-Zeitung“. Spätere Darstellungen machen aus den beiden jugendlichen Outlaws Rebellen mit Sex-Appeal und Sympathiebonus. Dass Velte und Sandweg mit dem NS-System auf Kriegsfuß standen, hat dieser Entwicklung sicher nicht geschadet.

Hinzu kommt: Die Geschichte der beiden reichlich naiven Burschen wird in Basel mit einer Liebesgeschichte gewürzt, die der Schriftsteller Alex Capus ins Zentrum seines Romans rückte. Sie lernen in einem Kaufhaus eine Schallplattenverkäuferin kennen, gehen mit ihr aus und verlieben sich wohl beide in sie. Ein schöne, aber tragische Wendung. Denn Dörli Schupp ist wohl auch der Grund, weshalb Sandweg und Velte länger in Basel bleiben als geplant. Was dann passiert, nimmt bis heute in den Aufzeichnungen des Basler Polizeimuseums ein eigenes Kapitel ein.

Der zweite Überfall

Am Freitag, den 5. Januar 1934, stürzen „zwei junge Burschen in hellen Regenmänteln und großen Auto­brillen“ in die Schalterhallen der Basler Wever-Bank. Sie schießen sofort auf einen 25-jährigen Buchhalter und einen 42-jährigen Bankbeamten. Der eine ist sofort tot, der andere stirbt später. Die Beute ist, wie bereits in Stuttgart, wo sie nur 1250 Reichsmark raubten, spärlich. Mit der erneuten Flucht der Täter beginnt eine tagelange Großfahndung der Schweizer Polizei, an deren Ende über 400 Beamte beteiligt sind.

Schreibmaschine, Telefon: Büro in der Schalterhalle der Baseler Wever-Bank.
Schreibmaschine, Telefon: Büro in der Schalterhalle der Baseler Wever-Bank. | Bild: Polizeimuseum Basel

Doch erst einmal bleiben Velte und Sandweg verschwunden. Erst eine Routinekontrolle der Fahnder schreckt sie in ihrer Basler Pension auf. Die zwei Polizeibeamten, die die Unterkunft filzen, ahnen nicht, in welcher Gefahr sie sich befinden. Als sie die Papiere der beiden Deutschen durchblättern, greift Velte oder Sandweg zur Waffe. Zwei Schüsse treffen die Polizisten tödlich. Erst jetzt, zwei Wochen nach dem Basler Bankraub, müssen Velte und Sandweg türmen, weil ihre Identität aufgeflogen ist.

Schießerei mit der Polizei

Die Schweiz riegelt die Grenzen nach Frankreich und Deutschland ab. Aus der Bevölkerung wollen sich Freiwillige an der Suche beteiligen oder stellen Fahrzeuge für die mangelhaft ausgerüstete Polizei. Bei Röschenz im Basler Hinterland kommt es am Abend des 20. Januar zu einem ersten Zusammentreffen zwischen Jäger und Gejagten: Die Bankräuber eröffnen sofort das Feuer. Ein Polizist stirbt durch Kopfschuss, ein zweiter wird lebensgefährlich verletzt, überlebt aber. Weil jetzt die Nerven bei den Fahndern blank liegen, kommt es zu einer folgenschweren Fehleinschätzung als eine Polizeistreife auf zwei unbeteiligte junge Männer schießt und dabei einen 21-Jährigen tötet.

Bild: Polizeimuseum Basel

Die Basler Zeitungen drucken Extrablätter. Velte und Sandweg bleiben wie vom Erdboden verschluckt. Dann spielt die winterliche Kälte und der Hunger der Flüchtenden der Polizei in die Karten – und wohl auch die Liebesgeschichte zu Dörli Schupp. Denn die beiden Deutschen zieht es zurück nach Basel, um ihre Freundin um Hilfe zu bitten. Die hat aber inzwischen erkannt, mit wem sie sich eingelassen hatte, und verrät die beiden: Im Basler Margarethenpark wollen Velte und Sandweg am 21. Januar nachts um 23 Uhr auf Dörli warten, zu der sie telefonisch Kontakt aufgenommen hatten. Sie soll den beiden etwas zu Essen besorgen.

Letzte Kugeln für sich selbst

Zu diesem Zeitpunkt ist der Park bereits von Polizei umstellt. Sandweg und Velte bemerken den Verrat und flüchten tiefer in den dunklen Park, wo sie die nächtlichen Stunden im Freien verbringen. Dann durchschneiden Schüsse die Stille der Nacht. Als die Polizeikräfte bei Tagesanbruch beginnen, den Park zu durchkämmen, entdecken Sie die Leichen der jungen Männer. Sie haben sich gegenseitig in den Kopf geschossen. Sandweg war sofort tot, der verletzte Velte erschoss sich ein paar Stunden später selbst.

Drei Monate nach diesen Ereignissen in Basel sterben auch Bonnie und Clyde im Kugelhagel. Sie brauchten zwei Jahre und verübten 13 Morde, bis sie zur Legende wurden. Bei Waldemar Velte und Kurt Sandweg ging es schneller.

Das Polizeimuseum Basel, in der Spiegelgasse 6 in Basel, öffnet nach Anmeldung für Gruppen. Der Fall Sandweg/Velte wird hier dokumentiert.
http://www.polizeimuseum.ch

Buchtipp: Alex Capus, Fast ein bisschen Frühling, dtv-Taschenbuch, 9,90 Euro