Ist die Gegenwart voller Angst und Schrecken, wird die Kunst zur Idylle. Als die Nazis Otto Dix als entarteten Künstler diffamierten, ihm die Professur nahmen und ein Ausstellungsverbot verhängten: Da begann er, Landschaften zu malen. Motive wie „Felsen im Schnee“, „Kartoffelernte mit Blick auf die Reichenau“, „Getreidefelder vor den Hegaubergen“. Auch religiöse Motive fanden sich in seinen Bildern.

Kein Platz für Kritik

Für Gesellschaftskritik gibt es in totalitären Systemen keinen Platz. Und wer als Künstler überleben will, muss sich dem Publikumsgeschmack beugen: Viele der in dieser Zeit entstandenen Bilder dienten als Ersatzwährung für Handwerkerrechnungen. Wie Otto Dix entdeckte auch Rudolf Schlichter in den 1930er-Jahren die Landschaft als Bildmotiv. Nach Jahren des Berliner Großstadtlebens zog er sich 1932 zurück in seine schwäbische Heimat nach Rottenburg am Neckar. Und ganz ähnlich wie sein Kollege von der Höri besann auch er sich auf seine religiösen Wurzeln.

Rudolf Schlichter: Selbstbildnis, 1936.
Rudolf Schlichter: Selbstbildnis, 1936. | Bild: Huber Offenbach

Eine Ausstellung im Kunstmuseum Hohenkarpfen zeigt jetzt Landschaftsbilder aus dieser Epoche. Wer als Besucher eine eskapistische Kunst erwartet, also Idylle als heiteren, unbeschwerten Gegenentwurf zur Finsternis der Wirklichkeit, der sieht sich eines Besseren belehrt. Zwar war auch Schlichter von den Nazis verfolgt und als entartet verfemt. Anders als bei Dix aber geschah sein Rückzug in die Provinz wie auch die Besinnung auf seinen katholischen Glauben aus freien Stücken.

Befreundet mit Brecht und Grosz

Das ist von Bedeutung, weil es den Blick auf solche Bilder verändert. Handelt es sich bei ihnen doch nicht um Dokumente der Zensur, um erzwungene Gefälligkeit. Sondern um Landschaftsmalerei als bewusste Entscheidung. Ein hochpolitischer Künstler wie Rudolf Schlichter, der sich in den 20er-Jahren zum Kommunismus bekannte und Freundschaften mit Bertolt Brecht und George Grosz pflegte: Was bewegt so jemanden, Landschaften zu malen?

Auch seine Ehefrau Speedy (Elfriede Elisabeth Koehler) zeigt Schlichter vor einer Landschaft. „An die Schönheit“ heißt dieser Akt aus dem Jahr 1935.
Auch seine Ehefrau Speedy (Elfriede Elisabeth Koehler) zeigt Schlichter vor einer Landschaft. „An die Schönheit“ heißt dieser Akt aus dem Jahr 1935. | Bild: Norbert_Försterling

Eine einfache Antwort gibt es nicht, nur viele Puzzleteile. Eines davon besteht in Schlichters Abkehr vom Kommunismus und Besinnung auf den Katholizismus. Die von Gott erschaffene Natur hat der konservativen Zivilisationskritik immer als glanzvolles Gegenstück zur frivolen Großstadtkultur gegolten. In ihr findet sich nicht nur die heile göttliche Welt, es spiegelt sich darin auch das Dämonische: der menschliche Eingriff, die Vorahnung der Apokalypse, der allmähliche Verfall.

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An einem scheinbar harmlosen Bachlauf bildet angeschwemmtes Treibholz ein Kreuz. Ein Hügel mit drei Kreuzen auf dem Gipfel und Disteln im Bildvordergrund als Symbol der Passion mutet an wie der Berg Golgatha. Und in einem von Wald überwachsenen Felsen tut sich unversehens wie der Vorhof zur Hölle ein dunkler Spalt auf.

„Kornbühl bei  Salmendingen“ (1933): Auf dem  Gipfel des Hügels, der an den Berg  Golgatha erinnert, sind drei Kreuze zu sehen – im Vordergrund Disteln.
„Kornbühl bei Salmendingen“ (1933): Auf dem Gipfel des Hügels, der an den Berg Golgatha erinnert, sind drei Kreuze zu sehen – im Vordergrund Disteln. | Bild: Kunstmuseum Albstadt

Selbst die lieblichste Landschaft weist an irgendeiner Stelle solche Zeichen von Tod und Verderben auf. Und sei es nur die irritierende Abwesenheit aller Dynamik, die gewöhnlich auf Leben verweist: Straßen und Bahngleise sind verlassen, am Himmel ist kein Vogel in Sicht, auf dem Acker steht kein Bauer, auf der Wiese kein Pferd. Eine eigentümlich kalte, unwirkliche Idylle ist es, die Schlichter hier zeigt.

Rudolf Schlichter: Alpenkette (ohne Jahresangabe).
Rudolf Schlichter: Alpenkette (ohne Jahresangabe). | Bild: Roland Sigwart

Und wenn sich das Leben doch einmal zeigt, dann nur in spukhaften Visionen. In „Gestade der Verlassenheit“ fallen Anfang und Ende der Erdgeschichte zusammen: Zum Schlussakt aller Geschichte fliegt wie eine flüchtige Reminiszenz an ihren Beginn ein Urvogel über das graue Gestein – gleichzeitig versinkt ein Mensch in Frankenstein-Anmutung als Auslöser des Untergangs im Erdspalt. Ein weißes Pferd flieht mit schreckgeweiteten Augen über menschliche Knochen ins Nichts.

Anfang und Ende der Welt: „Gestade der Verlassenheit“ (1947)
Anfang und Ende der Welt: „Gestade der Verlassenheit“ (1947) | Bild: Sigwart/Sparkasse Pforzheim-Calw

Der Mensch erscheint bei Schlichter als Dämon. Seine Eingriffe in die Natur wirken wie gewaltsame Verletzungen, seine bloße Anwesenheit als beständige Bedrohung. Schlichters Landschaftsmalerei lässt sich als Vorbote der modernen Umweltschutzbewegung verstehen, sein pessimistischer Blick auf den Menschen als Kommentar auf die politischen Verbrechen seiner Zeit. Von Idylle bleibt bei näherer Betrachtung wenig übrig. Naturerfahrung diente in der Romantik zur seelischen Erbauung. Das 20. Jahrhundert hat daraus einen Anlass zur Verzweiflung gemacht.

Die Ausstellung „Idylle und Apokalypse – Rudolf Schlichters Landschaften“ ist bis 21. Juli im Kunstmuseum Hohenkarpfen bei Hausen ob Verena zu sehen (Mittwoch bis Sonntag 13.30-18.30 Uhr). Weitere Informationen unter: http://www.kunststiftung-hohenkarpfen.de