Konstantin Wecker ist auch im Alter von 71 Jahren nicht müde, für eine bessere Welt einzutreten – und nicht erst seit den Aufmärschen der rechten Szene in Chemnitz warnt der gebürtige Münchner vor der Gefahr von Rechts. Kurz nach den Vorgängen in Chemnitz hat Wecker ein neues Album mit vielen älteren Liedern aufgenommen. „Sage Nein! Antifaschistische Lieder 1978 bis heute“ heißt es und soll Mitmenschen aufrütteln und Mut machen.

„Auf meiner CD sind so viele Lieder, die in erschreckender Weise in die heutige Zeit passen. Ich hatte schon damals eine Ahnung von der Bedrohung. Ich hätte mir aber nie vorstellen können, dass sie so in die Tat umgesetzt wird“, sagt Wecker. Autoritäre Regierungen wie in Ungarn und das Erstarken von Parteien wie der AfD würden durch das Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich begünstigt, meint er. „Eine Gesellschaft könnte auch mit zehn Prozent AfD leben. Wenn aber die anderen Parteien in den Themen der AfD wildern, dann erhält sie ein Gewicht, das sie eigentlich gar nicht hat“, so Wecker.

Konstantin Weckers Album "Sage Nein! Antifaschistische Lieder 1978 bis heute" erscheint am 16. November 2018.
Konstantin Weckers Album "Sage Nein! Antifaschistische Lieder 1978 bis heute" erscheint am 16. November 2018. | Bild: Sturm und Klang

Der Musiker ist „unheimlich erschrocken“, wie sich eine demokratie- und fremdenfeindliche Gesinnung Bahn gebrochen habe. „Es ist unfassbar, wie dieses Gedankengut, das sich als das dümmste, schrecklichste und unheilvollste herausgestellt hat, so einen Auftrieb erleben kann“, echauffiert er sich. „Wie kann man so blöd sein, ein Neonazi zu sein?“ Schon seine Mutter habe gesagt: „Die Neonazis sind noch viel dümmer als die Nazis damals. Die müssen doch wissen, wie es ausgegangen ist.“

Wenn Wecker über seine Eltern redet, gerät er ins Schwärmen. Beide seien Pazifisten und Antifaschisten gewesen. Seine Mutter habe ihm in seiner Zeit der Drogensucht in den 90er-Jahren als einzige Kontra gegeben. „Nie vergessen werde ich ihren strahlenden Gesichtsausdruck bei meinem zweiten Gefängnisaufenthalt in Stadelheim – und ihren Satz: ,Mein Gott, bin ich glücklich, dass sie dich verhaftet haben.’“, sagte er einmal. Ohne Haft wäre er nie aus dem Drogen-Kreislauf herausgekommen.

Er will niemanden bekehren

Auch das späte Vaterglück half ihm, sein früheres Macho-Gehabe abzulegen. Seine beißende Systemkritik hat Wecker im Alter indes beibehalten. In seiner Beurteilung der Menschen sei er jedoch milder geworden. „Mein Verständnis für die Schicksale von Menschen ist sehr viel größer geworden als früher. Das liegt auch daran, dass ich sehe, wie viele Fehler ich selbst gemacht habe und mein eigenes Scheitern immer wieder miterleben konnte.“ Seine Nachsichtigkeit hat aber Grenzen: Er hat nicht den Anspruch, AfD-Wähler oder rechtsgerichtete Bürger auf seinen Konzerten zum Nachdenken oder Umdenken zu bewegen. „Das ist auch nicht die Aufgabe der Kunst. Die Aufgabe der Kunst ist es, diejenigen mit der gleichen Sehnsucht zu ermutigen.“