Der europäische Kolonialismus gehört zu den Kapiteln in der Geschichte des Kontinents, die kaum im öffentlichen Bewusstsein angekommen sind. Dabei gab es ihn bis weit ins 20. Jahrhundert hinein mit Auswüchsen an Unterdrückung, Gewalt und Grausamkeit, die man sich hierzulande gar nicht vorstellen kann – und wohl auch nicht will. Umso beachtenswerter, wenn das Kapitel, zumal von einem Theater, aufgeschlagen wird.

Belgische Zwangsherrschaft

Das Theater Konstanz hat den Autor Rafael David Kohn beauftragt, ein Stück zum Thema zu schreiben. Der hat „Ngunza – Der Prophet“ im Kongo zur Zeit der belgischen Zwangsherrschaft platziert. Nicht als modernes Historiendrama, sondern als aktuelles Lehrstück über Gewalt, was diese mit den Menschen macht und wie Widerstand aussieht.

Sehr afrikanisch mutet das Bühnenbild von Andreas L. Mayer in der Spiegelhalle an. Folkloristisch mit den weißen Linien, die den schwarz grundierten, gestuften Bühnenaufbau durchziehen. Auch die Musik entspricht dem, was hierzulande erwartet wird.

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Die Inszenierung von Ramsès Alfa wirkt anfänglich, als wolle sie Klischees bedienen. Aber eigentlich weiß man das nicht so richtig, weil man hierzulande vom afrikanischen Kontinent ohnehin nicht viel weiß. Nur dieses: Da leben Menschen, die es satthaben, sich von den Europäern Leben und Tod diktieren zu lassen.

Odo Jergitsch und Peter Cieslinski in „Ngunza – Der Prophet“.
Odo Jergitsch und Peter Cieslinski in „Ngunza – Der Prophet“. | Bild: Ilja Mess / Theater Konstanz

Die Geschichte ist auch zeitlich geschickt platziert – im Jahr 1921, kurz nach Ende des ersten Weltkriegs. Charles war in Europa mit dabei, zwangsweise rekrutiert. Er hat gesehen, was die Europäer sich gegenseitig antun. Jubril Sulaimon spricht seine Rolle auf Deutsch, was neben praktischen Gründen auch seine Figur illustriert.

Keine Wurzeln gewachsen

Von belgischen Missionaren aufgezogen wurde er mit zehn Jahren Boy von Perec, dem Quasi-Vertreter Belgiens vor Ort. So sind ihm keine eigenen Wurzeln gewachsen. Perec selbst ist einer, der nach Jahrzehnten im Kongo hier zu Hause ist. Odo Jergitsch spielt ihn als brachialen Kolonialherrn, der Gewalt ausübt, weil es zu seiner Aufgabe gehört. Er leidet darunter. Umso schlimmer knallt seine Peitsche.

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Außer Peter Cieslinski, der mit dem Arzt Verhulst den anderen Kolonialtypen gibt, der die Ausbeutung als Wohltat versteht, sprechen die Darstellerin und die Darsteller hauptsächlich Französisch. Es gibt Übertitel auf einem Monitor, der wie eine Graffiti-Wand ins Bühnenbild integriert ist. Auch die Dialoge laufen in beiden Sprachen ab. Das ist eine Herausforderung für die Spielenden, klappt aber gut.

Auswüchse der Gewalt

Charles ist zerrissen. Er kennt die Auswüchse der Gewalt und weiß um die militärische Überlegenheit der Europäer. Aber er muss auch handeln, entschließt sich, Verhulst zu töten, der bereits wieder dabei ist, Männer für die Minen zu zwangsrekrutieren.

Eindrucksvolle Darbietung: Pierrette Takara und Joseph Bessan.
Eindrucksvolle Darbietung: Pierrette Takara und Joseph Bessan. | Bild: Ilja Mess / Theater Konstanz

Die Inszenierung besetzt Positionen. Ngunza, der titelgebende Prophet, kommt in der Erzählung vom gewaltlosen Widerstand vor. Es hat ihn tatsächlich gegeben. Simon Kimbangu war ein christlicher Geistlicher und für Jahrzehnte eingekerkert. Er ist im Gefängnis gestorben. Zuvor hatte er sich den Kolonialherren selbst gestellt. Darum drehen sich die Auseinandersetzungen.

Überwundener Hass

Da wäre einer gewesen, der die Menschen hinter sich versammeln hätte können. Für Eli, Charles‘ Frau, die von Perec vergewaltigt und geschwängert wurde, ist er der Erlöser. Er hat den Hass überwunden. Pierette Takara trägt ein weißes Kleid, Charles unter seiner mit derangierten Epauletten besetzte Uniformjacke ein T-Shirt mit einer aufgedruckten Maske. Verwirrend plakativ.

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Es wird viel mit Fingerzeigen gearbeitet, mit kulturellen Versatzstücken, die der Musiker Eustache Kamouna für die Spiegelhalle mit kraftvollen rhythmischen Klängen vertont hat. Er spielt auch Kamouna, einen Menschen mit schwer definierbaren Kräften. Makola, der Waffenhändler und Geheimbündler, ist bei Mbene Mbunga Mwambene ein schlauer (englischsprechender) Fuchs, Joseph Koffi Bessan, Charles‘ kindlicher Schwager in kurzen Latzhosen ein trauriger Spaßmacher. Freund Dibasi von Julien Mensah steckt in so etwas wie einer Priesterkluft. Das alles macht die Figuren erkennbar, aber auch etwas starr.

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Insgesamt ist eine ausdrucksstarke Vorstellung zu erleben, deren Vitalität von der Musik und den agilen Darstellenden gespeist wird. Wer die vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt und Widerstand sucht, wird sie in den zirka 80 Minuten nicht finden. Das Stück von Rafael David Kohn dient auf direktere Weise der Sache. Das Premierenpublikum feierte eine erstaunliche Vorstellung mit inspirierten Akteuren.

Nächste Vorstellungen 20., 22. und 23. November. Karten unter Tel. 07531/900150 oder http://theaterkasse@konstanz.de