Die Mitternacht rückt näher, wir sitzen noch immer im Freiburger Theater. Und das seit 18 Uhr. Geschlagene sechs Stunden. Ein Shakespeare-Schlachtfest für hartgesottene Theatergänger. Wir haben Könige kommen und gehen sehen. Sie wurden erschlagen, ertränkt, geköpft, erwürgt oder vergiftet. Der letzte in der Kette der Königsmörder ist Richard III., der finale Killer. Hier ist er besetzt mit einer Frau. Melanie Lüninghöner schreit sich als „Dirty Rich Modderfocker der Dritte“ in einem nicht enden wollenden Solo die wüste Seele aus dem Leib: „Fuck you für ein Scheiß-Pferd!“ Hören wir recht? Fuck you?

Die Textfassung stammt von Tom Lanoy und Luk Perceval. Das Hamburger Schauspielhaus hatte mit „Schlachten!“ bei den Salzburger Festspielen 1999 einen Riesenerfolg. Acht Königs-Dramen in einem Parforce-Ritt. Fast 100 Jahre Rosenkrieg, zwölf Stunden Spielzeit, vier Pausen. Freiburg hat den Text heruntergedimmt auf reichlich sechs Stunden, inklusive zweier Pausen. So beeindruckend wie hier sah man das Freiburger Ensemble selten. Elf Darsteller spielen vier Dutzend Personen. Es ist die letzte Spielzeit von Barbara Mundel als Intendantin. Da zeigt man vor, was man kann. Und das ist allerhand.

Am Anfang ist das Geschrei. Auf in den Kampf. Warmturnen im Wrestling-Dress. Die Bühne ist ein rabenschwarzer Kampfplatz, drumherum die Zuschauer. Die Wände sind gepolstert – eine Gummizelle als Königreich. Bühne und Kostüme von Jana Findeklee und Joki Tewes sind sinnfällig; auffällig, nie zufällig. Wie Nicola Fritzen als König Richard II. seine resignierte Klage anstimmt, unter einer blutroten Wrestling-Maske mit Totenkopfgebiss und glitzernden Brillanten – grauenhaft, diese Pracht, sterbenstraurig.

Von Richard II. („Richard Deuxième“) hin zu Richard III. („Dirty Rich“), von der Sprache Shakespeares hin zu einem obszönen, gewaltbesoffenen deutsch-englischen Slang im dritten Teil: Regisseur Christoph Frick entwickelt eine Genealogie der Gewalt – zu Beginn Jux und Dollerei, dann vorzüglich inszeniertes Schauspielertheater und weiter zum Comic-Artigen, zur Farce, zum Trash. Wenn Richard III. auch noch seine beiden Brüder um die Ecke gebracht hat, die hier als Power-Punk-Girlies auftrumpfen – dann bleibt ihm niemand mehr zum Ermorden. Dann kann sein Hass nur noch zum Selbsthass werden.

Damit beginnt auch die Inszenierung, sich selbst zu zerfleischen. Englisch-deutscher Kauderwelsch wabbelt als leere Sprechblase. Die Zusammenhänge zerfallen, das Theater zerfleddert und fleddert sich selbst. Das ist logisch gedacht, teilweise gut gemacht, aber am Ende schwer auszuhalten für Zuschauer, die bereits fünf lange Stunden hinter sich haben. Zu viel ist zu viel. Insgesamt jedoch beweist Christoph Frick in seiner bildstarken, körperbetonten Inszenierung ungewöhnlich viel Sinn auch für die tragischen Momente. Nicola Fritzen als Richard II., Thomas Mehldorn als Heinrich IV., André Benndorff als Heinrich VI. und vor allem Martin Weigel als schwuler Heinzi, später als Heinrich V. ein Schlagetot wider Willen: Das hat Wucht, da schaut man hin, da rückt die Videokamera der Tragödie auf den Leib, da hört man zu, jedem Satz. Hier kann Shakespeares Sprachkraft erblühen, ihr Witz, ihre Verve. Dann wieder rauschen ganze Passagen weg, zu verwirrend das Geschehen.

Dabei tut Frick viel, um das Rosenkriegs-Gewimmel zu gliedern. Je nachdem, welcher König an die Macht kommt, werden die Spielkarten (im Video) neu gemischt. Geht es um das Haus York, leuchtet dessen weiße Rose, beim Haus Lancaster die rote. Kostüme, Bewegungen, szenische Einfälle markieren Gegensätze. Ein Beispiel von vielen: Auf der Bühne bauen sich die martialischen Briten in schwarzer Lederkluft mit Vaterlands-Fesängen zur Schlacht gegen Frankreich auf, während die Franzosen draußen an der Bar in bester Schampus-Laune parlieren. Aber blutrünstig sind sie alle, Franzosen wie Engländer. Und gleichermaßen erbarmungsvoll, wenn ein Kind stirbt. Es gibt schön-stille Augenblicke, jenseits aller Parteiungen. Viel Applaus.

Die nächsten Vorstellungen am 8., 21., 29. und 30. Oktober (1. und 2. Teil, Beginn 17 Uhr). 1. Teil am 4., 5., 15. und 26. Oktober. 2. Teil am 11., 12., 16. und 27. Oktober (Beginn jeweils 19 Uhr). Karten und Informationen auf www.theater.freiburg.de