Manchmal ist es doch von Vorteil, dass Konstanz kein Konzerthaus und keine Opernspielstätte hat. Sonst wäre die Stadt vielleicht gar nicht auf die Idee gekommen, die in der Zeit des Konstanzer Konzils angesiedelte Oper "La Juive" des französischen Komponisten Fromental Halévy so aufzuführen, wie es jetzt geschehen ist: An drei verschiedenen Spielorten in die Altstadt, mit prozessionsartigen Gängen des Chors zwischen den Orten – mit anderen Worten: als eine kreative Bearbeitung.

Es ist ein ganz eigenes Format entstanden

Dies vorweg: Wer die Konstanzer "La Juive" besucht, um hier die originale Grand Opéra von 1835 mit all ihrem Pomp kennenzulernen, wird enttäuscht sein. Die musikalische Bearbeitung von Alexander Krampe stutzt das große Orchester auf Kammermusikformat. Die Regie hat gekürzt und gerafft (die Aufführung dauert trotzdem noch dreieinhalb Stunden), und doch hat all das nichts von einer Notlösung, um die große Oper ins kleine Konstanz zu bringen. Statt dessen ist hier ein ganz eigenes Format entstanden – die Veranstalter sprechen von Oper im Stadtraum -, die eine sehr gute Balance findet zwischen Event und ästhetischer Ernsthaftigkeit. 

Das liegt auch daran, dass nicht nur verknappt, sondern auch hinzugefügt wurde. Hier spielt vor allem der Chor (Steffen Schreyers Vokalensemble Konstanz) eine entscheidende Rolle: Anstelle der Trinkszenen im Original, mit denen sich das Volk auf die feierliche Eröffnung des Konzils einstimmt, singt der Chor ein Trinklied von Oswald von Wolkenstein und führt das Publikum so vom ersten Spielort (Innenhof des Kulturzentrums) zum nächsten (Concept Store St. Johann).

Beim anschließenden Wechsel in die Lutherkirche wiederum trägt der Chor, nun mit hohen Spitzhüten bekleidet, Verfluchungsformeln vor, die damals für inquisitorische Zeremonien verwendet wurden.

Regie verankert das Stück klug am historischen Schauplatz

Die Lutherkirche dient hier als Hinrichtungsort für den Juden Éléazar und seine Tochter Rachel, der die Verbindung zum christlichen Fürsten Léopold zum Verhängnis geworden ist. Dadurch, dass sie an der Stelle eines ehemaligen Stadttors steht, durch das Jan Hus einst hinaus zum Scheiterhaufen geführt wurde, folgen wir also nicht nur Rachel und ihrem Vater zur Hinrichtung, sondern implizit auch dem historischen Jan Hus. Auf diese Weise verankert die Regie das Stück immer wieder klug am historischen Schauplatz, der im Originalstück kaum mehr als eine austauschbare Kulisse ist. Ein echter Mehrwert, der zudem nur hier in Konstanz funktioniert.

Dennoch machen Johannes Schmid (Regie) und Michael S. Kraus (Bühne und Kostüme) nicht einfach ein Historienspiel aus "La Juive". Schließlich ist der Konflikt zwischen Juden und Christen das zentrale Thema, und da denken wir heute zuallererst an das Dritte Reich. Regie und Ausstattung lassen auch das nicht unberücksichtigt. Die Kostüme des Chors etwa zitieren Versatzstücke aus der Dreißigerjahre-Mode, und auch in der Pause erklingt Unterhaltungsmusik aus jener Zeit. Dass beides – die Bezüge auf die Zeit des Konzils ebenso wie die auf den Nationalsozialismus – hier problemlos Hand in Hand gehen, liegt daran, dass weder der eine noch der andere Aspekt überstrapaziert werden.

Gelungen ist auch, wie die Pause in der Concept Store St. Johann, einer ehemaligen Kirche, in die Inszenierung einbezogen wurde. Prinzessin Eudoxie feiert die Rückkehr ihre Verlobten Léopold, der erfolgreich gegen die Hussiten egkämpft hat. Das Publikum darf mitfeiern:

Das Warten hat sich gelohnt

Um ein Jahr war die Produktion verschoben worden, weil passende Sänger fehlten. Das Warten hat sich gelohnt. Das gut untereinander harmonierende Solistenensemble lässt kaum Wünsche offen – ja übererfüllt sie vielleicht sogar. Das betrifft vor allem die Durchschlagskraft der Stimmen, die in der Regel ja große Opernhäuser füllen und das hier solistisch besetzte Ensemble mit Musikern der Südwestdeutschen Philharmonie mühelos an die Wand singen können. Hier wäre vor allem in der überakustischen Lutherkirche ein wenig Zurückhaltung geboten.

Trotz allem überwiegt das Glück, solche Stimmen in Konstanz zu hören: Yana Kleyn als ausdrucksstarke Rachel, Justyna Samborska als koloratursichere Eudoxie, Francisco Brito als Léopold mit geschmeidigem Liebhaber-Tenor, Tadas Girininkas als zur Milde fähigem Kardinal Brogny und Vladislav Pavliuk als Ruggiero. Auch Kristian Benedikt als Éléazar ist hier zu subsumieren, auch wenn er bei der Premiere stimmlich angeschlagen war und vor allem in seiner großen Soloszene des vierten Akts schwer zu kämpfen hatte.

Die verschlankte Partitur hat durchaus ihre Reize. Sie lässt manches transparenter erscheinen (Leitung: Hermann Dukek). Und vor allem das Akkordeon bietet überraschende, manchmal allerdings auch gewöhnungsbedürftige Klangfarben. Intonationsmäßig muss man sich manches zurecht hören, nicht zuletzt auch im Zusammenspiel mit den Sängern und vor allem im ersten Teil, wo sich die Beteiligten wegen der Open-Air-Situation wohl nicht gut hören konnten.

Alles in allem: eine geglückte Produktion und ein würdiger Abschluss der Konzilfeierlichkeiten. Schade nur, dass man keine Möglichkeit gefunden hat, den französischen Text deutsch zu übertiteln. Wer kein französisch kann, sollte daher die detaillierten Szenenbeschreibungen im Programmheft lesen und die Einführung nutzen.

Weitere Termine: 16., 18., 20, 24. 26. und 28. Juni; 1., 7. und 9. Juli, je 19 Uhr. 4. Juli, 16 Uhr. Infos: www.konstanzer-konzil.de.