Mögen wir uns zurzeit auch wechselseitig Hetze, Hass und Diskriminierung vorwerfen – in einem sind sich alle einig: keine Gewalt! Denn Gewalt erzeugt Gegengewalt, und wer den Frieden will, muss mit gutem Beispiel vorangehen. Stimmt das überhaupt?

Aufsehen erregende These

Der britische Anthropologe und Primatenforscher Richard Wrangham tritt jetzt mit einer Aufsehen erregenden These an die Öffentlichkeit. Gewalt, behauptet er, habe den Menschen friedlicher gemacht. Und er meint damit nicht etwa vergleichsweise harmlose Taten wie etwa den Stockeinsatz bei Polizisten. Nein: gemeint ist insbesondere die Todesstrafe. Ohne sie, sagt Wrangham, liefen heutzutage statt zivilisierter Bürger hoch aggressive Bestien durch die Städte.

Die These ist so heikel wie ihr argumentativer Unterbau. Es geht um Gene und Vererbung, um die Ausbildung eines neuen Menschentyps: Die Rassentheorien des Dritten Reichs lugen ein ums andere Mal ums Eck. Wrangham weiß das und wird deshalb nicht Müde, die Unterschiede zu betonen. Theoretiker der Nazizeit hätten einen im Kern richtigen Gedanken pervertiert, erfahren wir: und zwar die These, wonach die Menschheit nicht allein Hunde und Katzen gezüchtet habe, sondern auch sich selbst.

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Der Gedanke ist nicht neu, er tauchte bereits in der Antike auf. Damals kursierte er in zwei Versionen. Theophrast von Eresos vertrat im 4. Jahrhundert vor Christus die Ansicht, alle Menschen seien in gleicher Weise zu zahmen, zivilisierten Wesen domestiziert worden. „Hätten ihm nur alle zugehört!“, schreibt Wrangham. Aristoteles dagegen erklärte später, einige Völker hätten diesen Prozess besser hinbekommen als andere: die Griechen zum Beispiel offenbar mit größerem Erfolg als Naturvölker in Afrika. Unseliger Weise sollten daran später rassistische Ideologen anknüpfen. Was aber lässt einen Anthropologen heute annehmen, dass der Mensch ganz ähnlich wie unsere Haustiere aus einem Akt der Zähmung hervorgegangen sei?

Exkursion in die Wildnis

Der Forscher nimmt seine Leser mit auf eine spannende Exkursion in die Wildnis. Anzutreffen sind dort Tiere mit langen Schnauzen, spitzen Ohren, dichtem Fell. Was wir nicht sehen: kurze Schnauzen, Schlappohren, geschecktes Fell mit weißen Stellen. Es handelt sich um die Merkmale der Domestizierung. Wir kennen sie von Hunden und Katzen, Hausschweinen und Milchkühen: Tiere, die einst gefangen und nach Wohlverhalten sortiert wurden. Die aggressivsten Exemplare schlachtete man. Die freundlichsten dagegen durften sich paaren, damit noch freundlichere Jungen zur Welt kommen.

Schlappohren und weiße Pfoten: Diese Merkmale weisen eindeutig auf eine Domestizierungsgeschichte hin.
Schlappohren und weiße Pfoten: Diese Merkmale weisen eindeutig auf eine Domestizierungsgeschichte hin. | Bild: SK-Archiv

Wer auf diese Weise Tiere züchtet, geht gegen die sogenannten Neuralleistenzellen vor. Sie gehen in einer bestimmten Phase der embryonalen Entwicklung auf Wanderschaft und bilden etwa die Pigmentzellen, aber auch die Größe des Kiefers und die Steifheit der Ohren aus. Wird ihre Produktion abgeschwächt, entsteht ein friedliebender Charakter, aber eben auch ein stellenweise weißes Fell, ein kleinerer Kiefer und ein herabhängendes Ohr.

Auch der Mensch wurde domestiziert

Wie klein unser Kiefer im Vergleich zu früheren Zeiten inzwischen geraten ist, erfahren wir spätestens beim Ziehen der Weisheitszähne. Um herabhängen zu können, sind unsere Ohren zwar zu klein, doch es gibt zahlreiche weitere Indikatoren, die für eine Domestizierung sprechen: ein kleineres Gehirn oder auch eine stetige Abnahme der Geschlechtsunterschiede. Kein Zweifel, der Mensch wurde domestiziert. Fragt sich nur von wem.

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Er muss es wohl selbst gewesen sein. Und die Todesstrafe spielte dabei eine entscheidende Rolle. Seit Menschengedenken war sie verbreitet und zwar weltweit. Selbst die friedlichsten Völker mochten nicht darauf verzichten, ihre aggressivsten Verbrecher ums Leben zu bringen – und damit zu verhindern, dass sie Nachkommen zeugen. Und wo nicht das Fallbeil wirkte, sorgte eine lange Haftstrafe für die Kinderlosigkeit der Bösewichte.

Sprache ermöglichte Mordanschläge

Reichen die paar Fälle von Bestrafungen wirklich aus, um eine ganze Spezies nachhaltig zu prägen? Es war wohl weniger die Masse, als die Präzision, die den Erfolg brachte. Durch Erfindung der Sprache waren Menschen in der Lage, sich über Eigenschaften anderer Menschen auszutauschen, Bündnisse zu schmieden und sich zu Mordanschlägen oder Hinrichtungen zu verabreden. Dazu war freilich ebenfalls eine Form von Aggressionsbereitschaft notwendig – jedoch eine andere.

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Während die sogenannte reaktive Aggression, die uns zu Gewalt im Affekt verleitet, immer weiter eingedämmt wurde, bildeten wir die aktive Aggression im Gegenteil weiter aus. Der Mensch wurde so im Alltag zu einem zahmen, berechenbaren Wesen, das aber in der Lage ist, Mordkomplotte zu schmieden und Kriege zu führen. Die Evolution habe den Menschen gleichermaßen „zur besten und zur schlechtesten Spezies gemacht“, schreibt Wrangham.

Kein Argument für die Todesstrafe

Was stellen wir nun mit dieser Erkenntnis an? Wer glaubt, in ihr ein Argument für die Todesstrafe zu sehen, erfährt den Widerspruch des Autors: „Welchen Beitrag die Todesstrafe einst auch geleistet haben mag, er kann ihre heutige Verwendung nicht rechtfertigen.“ Es sei nämlich längst erwiesen, dass Haftstrafen nicht nur menschenwürdiger und gerechter sind, sondern letztlich auch günstiger. „Wir können unsere Geschichte nachvollziehen, aber in dieser Hinsicht sollten wir sie nicht bewundernd betrachten.“

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Im Gegenteil kann die Ausbildung eines höheren Moralempfindens, das uns zum heutigen humanen Rechtssystem antrieb, optimistisch stimmen. Unsere Art sei zwar noch immer nicht absolut friedfertig, sie sei aber dem Ideal einer friedlichen Welt trotz aller Konflikte so nahe gekommen wie nie zuvor. Mit der Zahl der Nationen habe auch die Zahl der Kriege abgenommen, und wenn man die vergangene Entwicklung in die Zukunft projiziert, so sei für den Zeitraum zwischen den Jahren 2300 und 3500 ein Weltstaat in Sicht, in dem sich alle Gewalt von selbst erledige.

Schöne Vision. Vielleicht zu schön. Eines lehrt uns die Evolution in jedem Fall: Gewaltbereitschaft ist zwar von der Natur vorgegeben, sie lässt sich aber aktiv beeinflussen. Wir sollten es nur nicht mit den alten Methoden versuchen.

Richard Wrangham: „Die Zähmung des Menschen – Warum Gewalt uns friedlicher gemacht hat“, Deutsche Verlags-Anstalt: München 2019; 496 Seiten; 28 Euro.

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