Mr. Simmons, wird „The End Of The Road“ definitiv die letzte Tournee von Kiss sein?

Ja! Wir haben Kiss 45 Jahre lang betrieben, wenn wir mit der Tour, die eine sehr lange Tour sein wird, fertig sind, werden es 48 oder 49 Jahre sein. Das muss genug sein.

Warum? Sie sind doch noch nicht mal 70.

Am Ende der Tour werde ich ungefähr 72 sein. Das ist ein gutes Alter, um Schluss zu machen. Man sollte gehen, wenn man noch an der Spitze steht. Und nicht, wenn einem die Leute anfangen zu bedauern. Seien wir doch mal ehrlich: Da draußen gibt es jede Menge Kollegen, die immer noch auftreten, obwohl sie noch nicht einmal mehr richtig stehen können.

Ist es nicht längst normal, mit weit über 70 oder gar über 80 noch live zu spielen?

Schauen Sie, wenn ich bei den Rolling Stones spielen würde, dann könnte ich in Turnschuhen und einem T-Shirt auf die Bühne gehen und meine Songs vortragen, bis ich 80 bin. Kein Problem. Die Stones machen das super. Aber ich spucke Feuer, fliege durch die Luft, trage Stiefel mit 18 Zentimeter langen Absätzen und eine Montur, die 20 Kilo wiegt. Kiss ist die am härtesten arbeitende Band im Showbusiness. Wenn du Mick Jagger in mein Outfit stecken würdest, dann kippt der nach spätestens einer halben Stunde aus den Latschen.

Kiss ist ein erfolgreiches Wirtschaftsunternehmen. Wie fällt man so einen Entschluss, dass die nächste Tour die letzte ist?

Das ging ohne Dramen vonstatten. Und zügig. Wir trafen uns, sprachen über die kommende Tour und darüber, dass wir uns nicht vorstellen können, danach noch weiterzuspielen. Wir können nun einmal nicht ewig weitermachen. Diese Tournee wird die beste und spektakulärste, die wir je unternommen haben. Uns allen geht es richtig gut. Niemand hat Drogenprobleme oder steckt sonst wie in Schwierigkeiten.

Sie selbst sollen Drogen ja nie angerührt haben.

Ich fand es immer bescheuert, besoffen oder breit sein zu wollen. Wofür soll das gut sein? Kein Betrunkener sagt etwas Kluges. Und wenn du dicht bist, benimmst du dich wie ein Idiot, Punkt.

Sollte man es nicht mal ausprobieren?

Ich hatte nie den Eindruck, etwas zu verpassen. Im Gegenteil. Ich war in meinem ganzen Leben nie betrunken, ich rauche auch keine Zigaretten, und Drogen nehme ich schon gar nicht. Das interessiert mich alles nicht im Geringsten. Ich hatte übrigens auch noch nie eine Massage. Mir ist es wichtig, gut zu schlafen, gut zu essen und mich ausreichend zu bewegen. Ich mag lange Spaziergänge.

Sie sind an einer ganzen Reihe von Unternehmen beteiligt. Sorgen Sie vor, dass Ihnen nach dem Ende von Kiss nicht die Decke auf den Kopf fällt?

Ich bin an vielen Dingen interessiert und ja, ich verdiene gerne Geld. Daran ist nichts falsch. Ein Rentnerleben ist für mich allerdings so oder so keine Option. Nichtstun ist Mist. Du wirst fett und schwach und fängst an zu sterben. Ich will überhaupt noch nicht sterben.

Was haben Sie sich für die Abschiedstournee denn eigentlich konkret vorgenommen?

Wir werden Songs aus jedem Jahrzehnt spielen, angefangen in den 70ern, bis zu unserem letzten Studioalbum „Monster“ aus dem Jahr 2012. Wir werden eine brandneue Show haben, mit neuer Technologie und nie gesehenen Effekten. Und wir wollen an Orten spielen, wo wir noch nie waren. Die Welt ist ein großer Ort. Wir werden zum ersten Mal überhaupt in meinem Geburtsland auftreten.

In Israel.

Richtig, wir werden in Israel spielen. Und in Afrika, in China, wir werden jeden Stein umdrehen.

Wird das erste Israel-Konzert in der Geschichte von Kiss ein besonderes Ereignis für Sie sein?

Nun, natürlich. Ich erinnere mich noch gut an meine Kindheit in Israel. Wir waren arm, das ganze Land war gerade erst gegründet worden, jeder packte mit an. Aber ich habe das einfache Leben geliebt. Und sogar Fische kehren irgendwann an den Ort zurück, an dem sie geboren wurden.

Ihre Mutter Flora, eine aus Ungarn stammende Jüdin, die Anfang Dezember mit 92 Jahren verstorben ist, überlebte mehrere Konzentrationslager. Wie ist Ihr Verhältnis zu Deutschland?

Es könnte nicht besser sein. Ich freue mich auf Schnitzel, Apfelstrudel mit Schlag, Gulaschsuppe (sagt das alles auf Deutsch). Ich mag das Essen sehr gerne und liebe die schönen deutschen Frauen.

Wir haben zur Zeit Probleme mit Populisten und Rechtsextremen. Machen Sie sich Sorgen?

Nein! Das ist nicht Nazi-Deutschland. Die Rechtsradikalen hat es immer gegeben, in Deutschland und anderswo. Der Unterschied ist, dass die Medien diesen Entwicklungen sehr viel Aufmerksamkeit schenken, was ich gut finde, denn wenn die Menschen wissen, dass es Schwierigkeiten gibt, können sie etwas dagegen unternehmen. Rassismus und Antisemitismus waren aber nie verschwunden, und ich fürchte, sie werden auch nie verschwinden.

Fragen: Steffen Rüth