Wenn sich ein Mann im fortgeschrittenen Alter nochmal eine junge Frau angeln will, geht das meistens schief. Zumindest in der Oper. Jede Menge List bringt etwa Rossinis Barbier von Sevilla auf, um den alten Dr. Bartolo daran zu hindern, sein Mündel Rosina zu heiraten, und statt dessen die Liebesheirat zwischen ihr und dem Grafen Almaviva zu ermöglichen. Aus ähnlichem Holz ist auch Gaetano Donizettis komische Oper „Don Pasquale„ geschnitzt, die nun in der Regie von Jossi Wieler und Sergio Morabito Premiere am Opernhaus Stuttgart hatte. Wieder geht es um einen heiratswilligen alten Herrn, den Junggesellen Don Pasquale, der von einem gewitzten Trio eine Lektion erteilt bekommt. Worum es dabei geht, fasst Norina, die falsche Braut und zugleich echte Geliebte von Ernesto, am Schluss folgendermaßen zusammen: „Ganz schön dumm ist, wer im hohen Alter eine Frau nimmt, denn er sucht mit Fleiß Ärger und Schwierigkeiten“.

Aus Spaß wird Ernst

Und in der Tat bereiten Norina, Doktor Malatesta und Ernesto dem Don Pasquale sehr viel Ärger. Auf gut deutsch gesagt verarschen sie ihn nach Strich und Faden und überspannen dabei den Bogen so sehr, dass einem der alte Mann richtig leid tut. Donizetti geht da relativ weit. Aus dem Spaß droht Ernst zu werden. Und an diesem Punkt setzt auch die Regie in Stuttgart an, indem sie das tragikomische Potenzial des Stücks erst so richtig auslotet.

Wieler und Morabito zeichnen die Personen etwas anders, als man es in einer Komödie dieses Schlages erwarten würde – allerdings ohne dabei gegen das Libretto zu arbeiten. Im Gegenteil nehmen sie es ernster als sonst vielleicht üblich. Weder Ernesto (Ioan Hotea) noch Norina (Ana Durlovski) sind hier Sympathieträger, der windige Doktor mit dem sprechenden Namen Malatesta (schlechter Kopf) (André Morsch) ohnehin nicht. Don Pasquale (Enzo Capuano) aber ist nicht nur einfach ein lächerlicher alter Mann, der es nochmal wissen will, sondern ein seriöser, grauhaariger Herr, ein Geschäftsmann vielleicht, der immer hart gearbeitet, dafür aber auch sein Privatleben hintan gestellt hat. So wie Enzo Capuano ihn spielt, ist er eigentlich ein ganz sympathischer und besonnener Typ. Und dass er seinen schluffigen Neffen Ernesto, der sich offenbar schon darauf eingerichtet hat, den Alten bald zu beerben und der deswegen auch nicht an Arbeit denkt, erst mal vor die Tür setzt, kann man ihm nicht mal übel nehmen.

Ein Mann mit Geschichte

Wieler und Morabito haben Don Pasquale noch eine Vorgeschichte beigegeben. Man sieht sie als bunten Animationsfilm (Studio Seufz), der exakt auf die Ouvertüre abgestimmt ist. In ihr steckt bereits die ganze Tragik der Figur. Der Film zeigt Don Pasquale darin als jungen Liebhaber mitten in den Achtundsechzigern. Er ein junger Romantiker mit Gitarre, sie eine gewitzte junge Frau mit Vespa, die ihm zwar mal aus der Patsche hilft, aber am Schluss einfach davon fährt. Dass dieses Mädchen der durchtriebenen Norina, die ihm von Malatesta als dessen heiratswillige Schwester Sofrina vorgestellt wird, irgendwie ähnelt, erklärt wohl, warum Don Pasquale sich so lange von ihr zum Narren halten lässt.

Denn kaum ist die Tinte auf dem (fingierten) Ehevertrag getrocknet, kaum hat Norina alias Sofrina ihren herrlich ungestalteten, wie von einer Badehaube gekrönten Schleier (Kostüme: Teresa Vergho) abgeworfen, mutiert sie zur Tyrannin. Don Pasquale hält dies zunächst noch für eine erotische Spielerei – eine eigentlich absurde Szene, die Enzo Capuano und Ana Durlovsky aber verflixt glaubwürdig gelingt -, doch sobald Norina anfängt, sein Vermögen auszugeben und ihm schließlich noch eine Ohrfeige verpasst, ist Schluss.

Besitzstandswahrung

Don Pasquales Vermögen – auch darüber haben sich Wieler und Morabito Gedanken gemacht. Letztlich geht es nämlich nicht nur um Liebe und Männlichkeit, sondern auch um Besitzstandswahrung. Dass Don Pasquale von einem „halben Dutzend Pummelchen“ träumt, die um ihn herumtollen, ist nicht bloß Ausdruck seiner Kinderliebe. Er möchte auch, dass sein Erbe in Familienbesitz bleibt. Am Schluss tollen tatsächlich sechs Kinder um ihn herum (Statisterie der Oper Stuttgart). Doch sie gehören nicht zu ihm, sondern zu einem ganzen Chor (Staatsopernchor) an Dienstleistern, an die Norina das Geld mit vollen Händen verteilt, und die mit ihrer ganzen Sippschaft in Don Pasquales bis dahin sauber aufgeräumtes Haus drängen. So hatte er sich das nicht vorgestellt mit dem Nachwuchs. Don Pasquale somit auch für eine überalterte Gesellschaft, die ihren eigenen Reichtum vor fremdem Zugriff abschirmen will und daher die Kinderproduktion anzukurbeln versucht.

Komödie mit Tiefgang

Es ist eine Komödie mit Tiefgang, die man in Stuttgart zu sehen bekommt, und dass die Deutung Hand in Hand mit Musik und Text geht, macht sie zu einem großen Vergnügen. Giuliano Carella am Pult des Staatsorchesters bringt die Italianità der Musik in Schwung und setzt ihre Besonderheiten perfekt in Szene. Dazu gehört etwa Ernestos Arie zu Beginn des 2. Aktes, nachdem er enterbt worden ist und daher großmütig auf Norina verzichtet. Ernesto (voller Schmelz: Ioan Hotea) ergeht sich hier in Selbstmitleid und Donizetti besetzt die herzzerreißende Klage augenzwinkernd mit dem Instrument der Könige – der Trompete.

Ana Durlovsky, die Belcanto-Heroine der Stuttgarter Oper, zeigt einmal mehr eine ungeheure Beweglichkeit sowohl in der Stimme als auch im Spiel. Und Enzo Capuano singt und spielt den Don Pasquale mit einer derartigen Natürlichkeit, dass man sich fragt, ob er im echten Leben ein ebenso distinguiert freundlicher Herr ist. Großer Beifall für ihn und das gesamte Team.

Weitere Termine: 28. und 31. März; 4. und 29. Mai; 2. Juni. Infos und Tickets: http://www.oper-stuttgart.de