Sollte man sich als Frau auf einen türkischen Mann einlassen? Als Nicht-Türkin – ob Italienerin, Schweizerin oder Deutsche – hat man doch ein anderes Verständnis von Liebe und Beziehung, oder nicht? Mag ja sein, dass der Türke mit seinen schwarzen Haaren irgendwie attraktiver ist als der eigene Ehemann, der rund und langweilig geworden ist. Doch wer weiß, wie viele Frauen der Türke in seiner Heimat besitzt. Er weiß doch im Grunde das weibliche Geschlecht nicht wertzuschätzen. Immerhin, so heißt es, kaufen sie sich ihre Frauen, und verkaufen sie auch wieder.

Alte Stereotypen haben noch heute Bestand

Genau diese Frage stellt die Italienerin Fiorilla dem Türken Selim, als er ihr seine Liebe gesteht: „Ihr seid Türke, ich glaube euch nicht. Ihr habt hundert Frauen um euch, ihr kauft sie und verkauft sie, wenn eure Glut erlischt.“ Ein bisschen staunt man darüber, dass dieser Satz bereits vor 200 Jahren geschrieben und geäußert worden ist – in Gioachino Rossinis komödiantischer Oper „Il turco in Italia“ (deutsch: „Ein Türke in Italien„). Und man staunt, wie Stereotypen und Vorurteile über Jahrhunderte hinweg Bestand haben.

Clash der Kulturen

So wie heute Filmkomödien wie „Willkommen bei den Hartmanns“ oder „Monsieur Claude und seine Töchter“ den Clash der Kulturen auf die komödiantische Spitze treiben, so verfährt auch Rossini mit dem Türken, der als Exot in Italien landet und mit der Italienerin Fiorilla anbandelt. Und auch wenn die Stereotypen bei Rossini noch etwas anders gelagert sind, seine Europäer sich beispielsweise nicht über das Kopftuch als angebliches Zeichen der Diskriminierung aufregen, so ist der Stoff doch so wunderbar aktuell, dass er sich ohne Gewaltanwendung in unsere Gegenwart einfügt.

Im Grunde wollen beide dasselbe

Bei Jan Philipp Gloger, der Rossinis Opera Buffa für die Zürcher Opernbühne virtuos aufbereitet hat, zieht Selim (Nahuel di Pierro) – der hier stellvertretend für alle Fremden, ob aus der Türkei oder aus dem arabischen Raum stehen mag – mit Schlabberhose (Kostüme: Karin Jud), Shisha und arabischer Laute in ein Mietshaus ein (Ben Baurs Drehbühne bietet Einblicke in die unterschiedlichen Wohnungen). Er hofft, dass ihn Italien alle Mühen vergessen lassen wird. Ähnliches hofft auch seine Nachbarin Fiorilla (Julie Fuchs). Sie ist genervt von Hausarbeit und trägem Ehemann und beschließt, sich nach einem neuen Liebhaber umzuschauen. Ziemlich schnell wird klar: Der Türke und die Italienerin haben einerseits zwar ziemlich festgefügte Bilder voneinander im Kopf – im Grunde aber wollen beide dasselbe: ein erotisches Abenteuer.

Fiorilla (Julie Fuchs) ist genervt von der Hausarbeit und von ihrem trägen Ehemann.
Fiorilla (Julie Fuchs) ist genervt von der Hausarbeit und von ihrem trägen Ehemann. | Bild: Hans Jörg Michel/Opernhaus Zürich

Das funktioniert zunächst auch gut. „Es ist gar nicht so schwer, diese Türken zu erobern“, stellt Fiorilla bald für sich fest. Und Selim wundert sich: „Es ist gar nicht so schwer, die Italienerinnen zu erobern.“ Was dem Abenteuer dann aber doch im Wege steht, sind Fiorillas Ehemann Don Geronio (Renato Girolami) und Selims Ex-Geliebte Zaida (Rebeca Olvera), die nach wie vor um ihn kämpft. Das zieht jede Menge Eifersucht, Vertuschungsversuche und Versteckspiele nach sich – sämtliche Zutaten also, aus denen Komödien gestrickt sind und die hier mit den Klischees über das Fremde angefüttert werden.

Neigen Ausländer nicht zur Gewalt?

Geronio etwa geht beim ersten Zusammentreffen mit Selim nicht auf Konfrontation, sondern bleibt überraschend höflich – er weiß ja, dass Ausländer zu Gewalttätigkeit neigen, da lässt er lieber Vorsicht walten. Später allerdings gehen beide durchaus mit verschiedenen harten Gegenständen aufeinander los. Da wurden sie allerdings auch von Prosdocimo (Pietro Spagnoli) gegeneinander aufgestachelt.

Lieber mal die Ruhe bewahren: Don Geronio (Renato Girolami) geht aus Angst vor dem Türken Selim (Nahuel Di Pierro) lieber mal nicht auf Konfrontation. Zwischen den beiden Männern sitzt Geronios Ehefrau Fiorilla (Julie Fuchs). Ihr Verehrer Narciso (Edgardo Rocha, im Hintergrund) kann Fiorillas Techtelmechtel mit dem Türken ebenfalls nicht gutheißen.
Lieber mal die Ruhe bewahren: Don Geronio (Renato Girolami) geht aus Angst vor dem Türken Selim (Nahuel Di Pierro) lieber mal nicht auf Konfrontation. Zwischen den beiden Männern sitzt Geronios Ehefrau Fiorilla (Julie Fuchs). Ihr Verehrer Narciso (Edgardo Rocha, im Hintergrund) kann Fiorillas Techtelmechtel mit dem Türken ebenfalls nicht gutheißen. | Bild: Hans Jörg Michel/Opernhaus Zürich

Prosdocimo ist bei Rossini ein Dramatiker, der in dem Liebesabenteuer den perfekten Stoff für sein neues Stück sieht und daher jede Wendung genau verfolgt. Bei Gloger ist er ein Filmemacher, der mit seiner Kamera hemmungslos jede Auseinandersetzung der Protagonisten filmt. Was er mit dem Material vorhat, erfahren wir erst am Schluss des Abends – in einer ebenso überraschenden wie treffsicheren Pointe.

Ein Eifersuchtsduett zwischen Fiorilla (Julie Fuchs) und Zaida (Rebeca Olviera), das sich zum Kampf der Kulturen ausweitet. Hinten steht Prosdocimo (Pietro Spagnoli) und filmt die Szene in aller Seelenruhe.
Ein Eifersuchtsduett zwischen Fiorilla (Julie Fuchs) und Zaida (Rebeca Olviera), das sich zum Kampf der Kulturen ausweitet. Hinten steht Prosdocimo (Pietro Spagnoli) und filmt die Szene in aller Seelenruhe. | Bild: Hans Jörg Michel

Rossinis „Il turco in Italia“ gilt vielen als zweiter Aufguss seiner „Italiana in Algeri“ und steht daher nicht so oft auf den Spielplänen. Dennoch hat die Musik das für Rossini typische Tempo und das untrügliche Gespür für die musikalische Umsetzung von Situationskomik. Und die setzt nicht nur Dirigent Enrique Mazzola mit der Philharmonia Zürich effektvoll in Szene.

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Wie Glogers Szene mit Rossinis Musik Hand in Hand geht – das ist sensationell. Hinzu kommt das ungeheuer spielfreudige Ensemble – allen voran Julie Fuchs, die die Fiorilla nicht nur virtuos und koloratursicher singt, sondern sie auch mit allen Mitteln der Schauspielkunst lebendig werden lässt. Komödie auf höchstem Niveau – wer das erleben will, muss nach Zürich fahren.

Weitere Aufführungen: 5., 10., 14., 18., 23., 26. und 29. Mai.
Infos und Tickets: http://www.opernhaus.ch